Ein Stein? Ein Stein!

Sieben Tage, sieben Nächte

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich könnte Horst Seehofer schon seit ein paar Jahren in seinem Keller an der Anlage mit der Modelleisenbahn sitzen und die Weichen stellen. Ohne dass ihm Parteifreunde, Koalitionspartner oder vorlaute Journalisten dazwischenreden. Immerhin, der Mann wird demnächst 72, und so lange wollen nicht einmal die Agenda-SPD und die Wirtschaftsverbände die Leute arbeiten lassen. Noch nicht, jedenfalls. Hätte es sich Seehofer in seiner modelleisenbahnerischen Quarantäne gemütlich gemacht, hätte er sich vielleicht auch nicht mit dem Coronavirus infiziert, wie es dem Innenminister nun trotz erster Impfung und gewiss akribischer Vorsichtsmaßnahmen passiert ist.

In solchen Fällen ruht für einen Moment die politische Attacke, selbst in einem Wahljahr. Früher hätte man bei solcher Gelegenheit »Alles Gute« oder »Gute Besserung« gewünscht. Aber Corona hat wie vieles andere auch das Genre der Betroffenheitsbekundung verändert. »Ich wünsche einen milden Verlauf«, wurde Seehofer aus allen Richtungen zugerufen. Wenn das Unheil schon nicht abzuwenden ist, möge es sich wenigstens in erträglichen Grenzen halten. Man ist ja demütig geworden.

Vielleicht hat die verschleißende Dauerbeschäftigung mit der Coronakrise auch dazu geführt, dass wir den Blick für die wirklich großen, visionären Dinge verloren haben, die aus dem unerfreulichen pandemischen Alltag herausragen. In Altentreptow hat sich so etwas abgespielt, jenseits der Schlagzeilen, und wir müssen selbstkritisch einräumen, dass auch wir dieses Thema sträflich vernachlässigt haben. In der mecklenburgischen Kleinstadt wurde mit riesigem Aufwand ein noch viel riesigerer Stein angehoben. Ja, Sie lesen richtig: Ein Stein wurde angehoben, der seit ein paar Zehntausend Jahren (genauer können wir das nicht sagen, denn so weit reicht unser Zeitungsarchiv nicht zurück) halb in der Erde versunken war , wo es ihm möglicherweise ganz gut gefallen hat. Drei Jahre wurde daran gearbeitet, einige Hunderttausend Euro hat die Sache gekostet, und zu sehen ist jetzt - nun ja, eben ein Stein.

Muss es nicht trotz aller Widrigkeiten ein glückliches Land sein, in dem sich Menschen, vom Staat dafür bezahlt, jahrelang damit beschäftigen können, einen Eiszeitfindling um zwei, drei Meter höher zu legen? Wären wir nicht einigermaßen sicher, dass Joseph Beuys längst tot ist (wenn auch nicht so lange wie der Stein), dann müssten wir annehmen, dass er seine Finger im Spiel und zu seinem 100. Geburtstag etwas organisiert hat: Alles ist Kunst - auch einen Stein hochzuheben. Ein Sinnbild für das unzulängliche Streben der Menschheit, für die Mühsal der Politik: ein Problem erkennen, sich ihm annähern, Pläne machen, viel Geld ausgeben - und am Ende ist das Problem immer noch da, nur dass es jetzt in seiner vollen Größe zu sehen ist.

Womöglich ist das schon Fortschritt heutzutage, wer weiß. Wir wünschen jedenfalls für die Lektüre dieser Ausgabe von »nd.DieWoche«, für das Frühjahr, für die Bundestagswahl, für die Klimakrise, überhaupt für das ganze Leben einen milden Verlauf. Wolfgang Hübner

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