Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen in der Hauptstadt

Die jüdische Community in Berlin ist schockiert von dem offenen zutage tretenden Antisemitismus

  • Von Maximilian Breitensträter
  • Lesedauer: 5 Min.
Bundesweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen verschärft wie hier vor der Westend-Synagoge in Frankfurt am Main.
Bundesweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen verschärft wie hier vor der Westend-Synagoge in Frankfurt am Main.

»Kindermörder Israel«, »Allahu Akbar«, »Scheißjuden«. Wenn Michael Groys sich die Videoaufnahmen der Demonstration vor der Synagoge in Gelsenkirchen anschaut, läuft es ihm kalt den Rücken herunter. »Ich finde es zutiefst traurig und beschämend, dass meine Großmutter als Überlebende der Schoa diese Bilder aus dem Deutschland des Jahres 2021 mit ansehen muss«, sagt Groys. Der 30-Jährige ist studierter Politikwissenschaftler und lebt in Berlin-Charlottenburg. Er ist Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine.

Antisemitismus und Judenhass kenne er seit seiner frühesten Kindheit, sagt Michael Groys. Doch das, was sich derzeit auf den Straßen vieler deutscher Städte abspielt, hätte er in dieser Heftigkeit nicht für möglich gehalten. »Niemand, der sich an einem aufgebrachten Mob beteiligt, sich in Deutschland vor eine Synagoge stellt und ›Scheißjuden‹ skandiert, kann sich darauf berufen, die israelische Regierung für ihre Politik zu kritisieren und sich mit den Palästinensern solidarisch zu zeigen. Das ist nichts weiter als primitiver, offener Antisemitismus.« Er wolle sich nicht ausmalen, was passiert wäre, hätten nicht Polizisten mit Schlagstöcken die Menge vor der Synagoge aufgehalten.

Im Netz bricht sich purer Hass Bahn

Auch in Berlin kam es am Wochenende im Umfeld einer propalästinensischen Demonstration in Neukölln zu unschönen Szenen. Auch aus der deutschen Hauptstadt werden dieser Tage, da die militärische Konfrontation zwischen der israelischen Armee und Terrorgruppen wie der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen eskaliert, vermehrt antisemitische Vorkommnisse gemeldet. Israelische Flaggen werden, wie vor der CDU-Parteizentrale in Schöneberg, gestohlen – oder man versucht wie vor dem Pankower Rathaus, sie in Brand zu stecken. Auf propalästinensischen Demonstrationen in Neukölln wird ein Staat Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer – ohne Israel auf der Landkarte – gefordert. Aus der Menge heraus werden Polizisten und Reporter angegriffen. In der Anonymität des Internets bricht sich purer Hass Bahn.

Michael Groys hat das in sozialen Netzwerken am eigenen Leib erfahren. »Ich erlebe immer wieder, dass mich Menschen anschreiben, die sonst in keiner Weise zu politischen Themen Stellung nehmen, und Israels Politik kritisieren«, sagt er. Wenn er dann frage, was er als Jude in Deutschland mit Wurzeln in der Ukraine mit dem Nahostkonflikt zu tun habe, bekomme er oft Verallgemeinerungen zuhören, würden Juden, egal wo, mit Israel und dessen Politik gegenüber den Palästinensern gleichgesetzt. Dabei habe er noch Glück, sagt Groys. »Ich habe Freunde, auch hier in Berlin, die aufgrund von Posts, in denen sie sich für das Selbstverteidigungsrecht Israels aussprechen, mit dem Tod bedroht werden.«

Sigmount Königsberg ist Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er weiß, wie verunsichert Juden hier in diesen Tagen sind. »Bei mir melden sich Menschen, darunter viele Eltern, die sich angesichts der derzeitigen Entwicklungen überaus besorgt zeigen«, sagt Königsberg. Die Eltern hätten wegen möglicher antisemitisch motivierter Übergriffe Angst, ihre Kinder in die Schulen zu schicken. »Wenn es in Nahost zu einer Eskalation kommt, potenziert sich auch hierzulande der Antisemitismus, der unterschwellig immer da ist.« Königsberg fühlt sich an die Situation im Sommer 2014 erinnert, als es im Gaza-Streifen über mehrere Tage hinweg zu schweren Kämpfen gekommen war. Auch damals kam es in vielen deutschen Großstädten zu einer Häufung antisemitischer Vorfälle. »Die Lage ist seitdem unverändert«, meint Königsberg. Er kritisiert, dass die Politik trotz aller Appelle keine Konsequenzen gezogen habe. »Demonstrationen, die in ihrem Aufruf ganz offen das Existenzrecht Israels als Staat infrage stellen, müssten behördlich untersagt werden«, fordert der Antisemitismusbeauftragte.

Antisemitismus auf die Straße getragen

Auch die Berliner Recherche- und Informationsstelle RIAS verzeichnet in diesen Tagen vermehrt Anfragen nach Unterstützung und Rat. »Menschen wenden sich an uns, weil sie etwa in den sozialen Netzwerken beschimpft werden«, sagt RIAS-Mitarbeiter Alexander Rasumny. Um das Hilfsangebot der Stelle bekannter zu machen, hat RIAS seine Online-Öffentlichkeitsarbeit verstärkt. »Wir erleben derzeit, dass verschiedene Milieus den Nahost-Konflikt nutzen, um ihren Antisemitismus auf die Straßen zu tragen«, so Rasumny. Das sei überaus besorgniserregend. Mit Blick auf propalästinensische Demonstrationen bestehe die Hoffnung, dass die Veranstalter ihre Anhänger zur Mäßigung aufrufen. »Die Veranstalter solcher Demonstrationen müssen darüber nachdenken, wie sie dem Antisemitismus Einhalt gebieten können.«

Checkliste Judenhass
Antisemitismus definieren? Keine einfache Aufgabe, zudem bringt es weder wissenschaftlich noch politisch befriedigende Ergebnisse. Kritik einer internationalen Debatte

Der Berliner Senat ist sich der höchst angespannten Lage bewusst. Die ohnehin strengen Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen in der Stadt wurden verschärft. Innensenator Andreas Geisel (SPD) sicherte der jüdischen Community seine Solidarität zu. »Angesichts der jüngsten Entwicklungen ist die jüdische Gemeinschaft verständlicherweise um ihre Sicherheit besorgt«, erklärte Geisel. »Wir treten jeder Form von Antisemitismus und Israelfeindschaft entgegen.« Wer israelische Flaggen verbrenne, begehe keine Meinungsäußerung, sondern »eine Straftaft der Hasskriminalität, die hart verfolgt wird.«

Sich nicht von der Hetze ohnmächtig machen lassen, sondern durch Bildung Verständnis zu schaffen – das ist der Ansatz des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (JuFo). Am Wochenende hat die Organisation bundesweit zu Solidaritätsak᠆tionen mit Israel mobilisiert – in Berlin gab es eine Kundgebung am Potsdamer Platz. »Auch unsere Social Media Accounts werden aktuell mit Antisemitismus überflutet«, sagt JuFo-Sprecher Aras-Nathan Keul. Seine Organisation wolle mit ihren Posts Wissen und Fakten über die Lage in Nahost verbreiten. »Wir wollen uns gegen die vielen Falschmeldungen stellen und klar machen: Auch in Deutschland gibt es viele Menschen, die mutig an der Seite Israels stehen.«

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