Jüdischer Erinnerungsort geschändet

Unbekannte besudeln Gedenkstein für von Faschisten zerstörte Synagoge in Alt-Hohenschönhausen

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.
In der vergangenen Nacht wurde der Gedenkstein für die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Hohenschönhausen, die 1938 zerstört wurde, mit grüner Farbe beschmiert.
In der vergangenen Nacht wurde der Gedenkstein für die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Hohenschönhausen, die 1938 zerstört wurde, mit grüner Farbe beschmiert.

Die Empörung steht Gerhard Langguth ins Gesicht geschrieben, als er am Montag den geschändeten Gedenkstein für die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hohenschönhausen betrachtet, die hier von 1935 bis 1938 bestand. »Wer tut so etwas? Was haben jüdische Menschen, die damals hier gebetet haben und schon vom NS-Regime verfolgt wurden, mit dem heutigen Nahost-Konflikt zu tun?«, fragt er.

Unbekannte haben den Gedenkstein, der an die von den Nazis nach dem Novemberpogrom 1938 geschlossene Synagoge an der heutigen Konrad-Wolf-Straße 91 erinnert, in der Nacht mit hellgrüner Farbe übergossen. Langguth, der Vorsitzender des Verbandes der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Lichtenberg ist und in der Nähe wohnt, hatte den Vorfall der Polizei gemeldet. Die hatte das Grünflächenamt verständigen wollen.

Getan hatte sich bis Mittag nichts. In einer ersten Reaktion gab auch Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) seiner Fassungslosigkeit Ausdruck. »Ich war sofort vor Ort, nachdem ich informiert wurde, dass der Gedenkstein geschändet worden ist«, teilte er schriftlich mit. »Ich verurteile diese Tat auf das Schärfste. Der Gedenkstein erinnert an die Synagoge und an die von den Nazis ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Hohenschönhausens. Ich bin tief erschüttert von dieser Tat.«

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht an sich gerissen hatten, schlossen sich rund 170 Menschen zur jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen zusammen. Für ihre Gottesdienste schufen sie sich 1934 in einem Hofgebäude in der damaligen Berliner Straße 91 einen Betraum. Aus ihm entstand eine Synagoge, die im Sommer 1935 geweiht wurde. Nach den Ausschreitungen des Novemberpogroms schlossen die Nazis das Gotteshaus. Die meisten Gemeindemitglieder überlebten Verfolgung und Morden während der NS-Diktatur nicht. Das entweihte Gebäude wurde Jahrzehnte später abgerissen.

Auch Innensenator Andreas Geisel (SPD) verurteilte die Schändung des Gedenksteins in Alt-Hohenschönhausen. Seinen Angaben zufolge würden derzeit in Berlin 85 jüdische Objekte wie Gemeinden, Synagogen, Kitas und Gedenkstätten durch die Polizei durch fest postierte Wachleute oder regelmäßige Streifen geschützt.

Bereits am Sonntag hatte Geisel unter dem Eindruck der Gewalt bei anti-israelischen und anti-palästinensischen Demonstrationen die Einberufung eines »Runden Tisches gegen Antisemitismus« angekündigt. Dieser soll nun bereits am Dienstagabend unter Leitung von Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) zusammenkommen. Das bereits 2019 eingerichtete Gremium berät über Sicherheits- und Präventionsfragen. An dem Runden Tisch sind neben der Jüdischen Gemeinde und weiteren jüdischen Organisationen sowie Akteuren der Zivilgesellschaft auch die Sicherheitsbehörden vertreten.

Nach Angaben des Innensenators ist für Donnerstagabend eine große Demonstration zur Solidarität mit Israel am Brandenburger Tor geplant. »Berliner sollten auf die Straße gehen und zeigen, wer hier die Mehrheit hat«, sagte er. Auch gegen Israel seien bereits weitere Demonstrationen angemeldet: am Mittwoch auf dem Alexanderplatz mit 500 Teilnehmern und am Samstag mit 2000.

Nach den Gewaltausbrüchen am Samstag in Berlin prüft die Polizei die Strafbarkeit einiger Parolen von Demonstranten. Sie habe »einzelne Israel-feindliche, antisemitische Parolen« aufgezeichnet und werde diese auf ihre Strafbarkeit überprüfen, kündigte Polizeipräsidentin Barbara Slowik im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses an.

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