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Abgang im Zorn

Fritz Keller tritt als Präsident des DFB zurück - und macht dem Verband schwere Vorwürfe

  • Von Alexander Sarter, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Präsident des DFB: Abgang im Zorn

Am Ende stand ein Satz, den der gescheiterte Präsident bei seinem Blick zurück im Zorn zuvor selbst widerlegt hatte. »Es war mir eine Ehre, dem Fußball nach besten Kräften zu dienen«, schloss Fritz Keller seinen schriftlichen Abschied vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Dass es dem 64-Jährigen wirklich eine Ehre war, darf nach dem frustvollen Rundumschlag Kellers gegen seine Widersacher am Tag seines Rücktritts stark bezweifelt werden. Keller, der mit seinem Abgang die Konsequenz aus dem von ihm verursachten Nazi-Eklat zog, prangerte am Montag in mehr als 800 Wörtern eine »desolate Führungssituation« an. »Mein Fehlverhalten erfolgte in einem für den DFB beschämenden Umfeld«, schrieb er: »Mein Rücktritt wird die Probleme innerhalb des DFB und des Fußballsports allerdings nicht lösen.«

Mauern innerhalb des Verbandes

Keller fordert deshalb eine »personelle Erneuerung der Spitze« - und bezog sich damit auf seine internen Gegner. »Der DFB muss sich verändern. Er muss seine Glaubwürdigkeit, das Vertrauen in seine Integrität und Leistungsstärke zurückgewinnen«, betonte er: »Es ist mir in dieser Situation nicht gelungen, innerhalb der Gremien des DFB eine vertrauensvolle, verlässliche und kollegiale Zusammenarbeit zu erreichen.« Das habe »mit ordnungsgemäßer Verbandsführung nichts zu tun«. Keller sei »in jeder Phase« der Umsetzung seiner Grundsätze »innerhalb des DFB auf Widerstände und Mauern« gestoßen.

Nach dem Aus für Keller sollen die beiden ersten Vizepräsidenten Rainer Koch (Amateure) und Peter Peters (Profis) den krisengeplagten Verband bis zu einem vorgezogenen Bundestag zu Beginn des kommenden Jahres interimsmäßig führen. Wer Präsident werden soll, ist völlig offen. Von der neuen Führung verlangte Keller »die Aufklärung aller möglichen Unregelmäßigkeiten und Verfehlungen« durch »externe« Spezialisten. Sie sollen das schaffen, was Keller nicht gelang. Er stand als 13. Präsident des größten Einzelsportverbands der Welt nur 598 Tage an der Spitze - der frühere Chef des SC Freiburg kam als Hoffnungsträger und geht als Gescheiterter. Dieses Schicksal teilten bereits seine Vorgänger Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel, die ebenfalls vorzeitig ihren Hut nehmen mussten.

Kellers Amtszeit war geprägt von einem anhaltenden Machtkampf in der heillos zerstrittenen Führung. Dazu kamen Ermittlungen der Justiz gegen Verbandsfunktionäre und die Probleme als Folge der Corona-Pandemie. Er schaffte es nicht, die zahlreichen Ungereimtheiten innerhalb des DFB aufzuklären. Auch im Skandal um die WM-Vergabe 2006 konnte Keller keine neuen Fakten liefern, obwohl er dies über Monate immer wieder angekündigt hatte. Am Ende war er nicht mehr tragbar, weil er seinen Stellvertreter Koch in einer Sitzung mit dem berüchtigten Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hatte. Aus diesem Grund musste sich Keller als erster DFB-Präsident vor dem verbandsinternen Sportgericht verantworten. Ein Urteil wird für die kommenden Tage erwartet.

Wünsche der Basis

Neben Keller soll auch Generalsekretär Friedrich Curtius den DFB verlassen. Der Vertrag von Kellers Widersacher muss aber zuvor aufgelöst werden. Schatzmeister Stephan Osnabrügge will nur noch bis zum Bundestag im Amt bleiben. Auch Koch wird dann sein Amt zur Verfügung stellen, der umstrittene Funktionär will aber voraussichtlich im Präsidium bleiben. Als einziges Mitglied des mächtigen Präsidialausschusses soll der ebenfalls in der Kritik stehende Peters sein Amt behalten. Für Keller steht es außer Frage, dass Curtius, Osnabrügge und Koch gehen müssen. »Der DFB muss seine Unabhängigkeit gegenüber Personen, die als Beschuldigte in unterschiedlichen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geführt werden, bewahren - die Unschuldsvermutung der Betroffenen wäre dadurch nicht berührt«, äußerte er.

Ohne Zukunft. Fritz Keller hat sich an den Herausforderungen eines DFB-Präsidenten verhoben

»Es ist gut, dass es nicht nur an einer Person, an Fritz Keller, festgemacht wird, sondern dass es mehrere betrifft«, sagte Hermann Winkler, Chef des Nordostdeutschen Fußballverbandes: »Das entspricht auch dem Wunsch vieler Vereinsvertreter und der Basis.« Um eine andere Kultur beim DFB zu etablieren, werden zudem die Rufe nach einem größeren Frauenanteil an der Spitze lauter. »Wir brauchen die Erfahrungen, die Kompetenz der Frauen«, sagte Winkler. Hannelore Ratzeburg ist die einzige Frau im Präsidium. Die Regional- und Landesverbände werden ausschließlich von Männern geführt. SID/nd

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