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Der Zapfhahn als Zeitkapsel

Arbeit verliert, Kapital gewinnt: Julia Friedrichs begleitet in »Working Class« Menschen, die versuchen, von ihrer Arbeit zu leben

Noch bevor das Karstadt-Warenhaus am Neuköllner Hermannplatz öffnet, sitzen schon die ersten Stammgäste beim Bier in der hauseigenen Kneipe, dem »Zapfhahn«. Julia Friedrichs setzt sich dazu, spricht mit den Gästen über deren Deutungen des Zeitgeschehens. In ihrem Buch »Working Class« mit dem Untertitel »Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können«, spürt die Journalistin und Filmemacherin den Geschichten von Menschen nach, die häufig nicht gefragt werden.

Menschen wie der Wirt vom »Zapfhahn«. Diejenigen, die täglich zur Arbeit rennen und merken, dass es trotzdem nicht reicht. Friedrichs zeigt, dass Arbeit kein sicheres Lebenskonzept mehr darstellt. »Arbeit hat verloren und Kapital gewonnen«, konstatiert sie. Ihre drei Protagonist*innen stehen - wie die Mehrheit der Menschen in Deutschland - auf der falschen Seite. Friedrichs, die unter anderem für das Team »docupy« der bildundtonfabrik Autorin der Filme »Neuland«, »Heimatland« und »Ungleichland« war, nimmt diejenigen in den Blick, die keine Unternehmensanteile halten, über keine Mietshäuser verfügen und auf die keine Erbschaften warten. Und sie zeigt: Um diese Menschen steht es schlecht, obwohl die Wirtschaft im letzten Jahrzehnt wuchs und auf den Finanzmärkten riesige Gewinne abgeschöpft werden.

Es ist dieses Auseinanderdriften von Menschen mit Kapital und denen ohne, die dramatischer werdende Ungleichheit in diesem Land, die Julia Friedrichs in »Working Class« präzise und eindrücklich herausarbeitet. Das gelingt ihr, indem sie trockene Statistiken mit der Erfahrungswelt von Menschen zusammenbringt, die sie über einen längeren Zeitraum begleitet. Da ist Sait, der bei einer Reinigungsfirma arbeitet und für 10,56 Euro brutto in der Stunde für die BVG U-Bahnhöfe säubert. Er verdient damit rund 1600 Euro brutto im Monat und hat zwei Kinder. Da ist Alexandra, Klavierlehrerin mit ausgeklügeltem Familienplan, der hervorragend funktioniert, solange nichts Unvorhergesehenes passiert. Ihr Mann Richard sagt: »›Es darf bei keinem etwas passieren.‹ Alexandra: ›Es darf niemand krank werden.‹ Richard: ›Es müssen alle funktionieren.‹« Und da ist der arbeitsame Christian, der sich für einen Job, der ihn auslaugt, aufopfert. Anfangs war das Team klein, eine Familie. Mit dem Wachsen der Firma aber erstarb auch die Solidarität. Was blieb, waren Ausbeutung, intransparente Entscheidungen und Mobbing.

Den alte Traum vom Kollegenkreis als Familie, der oft im Start-up-Kontext proklamiert wird, wurde auch bei großen und etablierten Konzernen gelebt - wie beispielsweise bei Karstadt. Immer wieder landet Julia Friedrichs bei dem Warenhaus, das sinnbildlich für viele strukturelle Veränderungen im Arbeits- und Lebenskontext steht. Da ist einerseits der »Zapfhahn« im fensterlosen Kellergeschoss, der Sicherheit vor dem Leben da draußen bietet. Er ist »ihre Zeitkapsel, die zurück in die alte Bundesrepublik führt«, schreibt die Journalistin. Unklar allerdings, für wie lange. Denn selbst wenn die Kneipe die Corona-Pandemie überlebt, muss sich zeigen, was passiert, wenn das Immobilien- und Handelsunternehmen Signa seinen geplanten Neubau des Gebäudes nach historischem Vorbild verwirklicht.

Julia Friedrichs spricht auch mit dem früher leidenschaftlichen und heute tief enttäuschten »Karstädter« Rüdiger, der eigentlich anders heißt. Er hat bei dem Warenhaus gelernt und sich bis zum Erstverkäufer in der Lebensmittelabteilung hochgearbeitet. Er berichtet davon, wie die Kolleg*innen den Laden abends gemeinsam zum Blitzen brachten und dann im Kühlhaus gemeinsam ein Likörchen tranken. Dann kamen Zeitarbeitsfirmen, Arbeitsplätze wurden abgebaut. Heute kennt sich keiner mehr aus.

Julia Friedrichs beleuchtet unterschiedliche Ebenen dieser Entwicklung. Der Verschlechterung der Atmosphäre in der Lebensmittelabteilung und der Degradierung von Mitarbeitenden standen mehrere Generationen von Investoren gegenüber, die sich mit der Warenhauskette verkalkulierten und nach der Pleite mit Millionenabfindungen belohnt wurden, während die »Karstädter« wie Rüdiger verzweifelten. »Das Karstadt-Drama ist ein einzigartiges. Aber in Varianten wurde es in etlichen Firmen zur Aufführung gebracht«, schreibt die Autorin.

Ihre Spurensuche führt Friedrichs immer wieder in die 1980er Jahre, in denen in Westdeutschland der Traum vom Familienleben mit männlichem Alleinernährer, Auto und Haus auf Raten gelebt wurde. Vieles klingt aus heutiger Sicht nicht nur verstaubt, sondern geradezu erschreckend konservativ - vor allem, was Geschlechterrollen angeht. Die 1980er sind in ihrer Erzählung aber auch eine Zeit, in der das Versprechen vom Aufstieg noch galt - selbst für ungelernte Arbeiter*innen. »Dieses Versprechen hieß: Wenn du dich anstrengst, dann reicht es für einen bescheidenen Wohlstand und Teilhabe am Wachstum.« Heute gelte das nicht mehr, schreibt Friedrichs.

Ihr Buch fragt: Wieso werden die Reichen reicher und die Armen ärmer? Muss das so sein? Die Entwicklungen, die die Autorin sichtbar macht, werfen die Frage nach großen strukturellen Veränderungsmöglichkeiten auf. Womöglich aber könnten selbst kleine Verbesserungen schon erhebliche Wirkung zeigen. Die Menschen, die Julia Friedrichs begleitet, treibt ein simpler Wunsch an: Von ihrer harten Arbeit okay leben zu können.

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Jeden Morgen steigt Sait um halb 7 Uhr in U-Bahn-Schächte, putzt den ganzen Tag Dreck, Kotze und Kot weg. Die Arbeit macht er gut und gewissenhaft. Was wäre, wenn er dafür so viel verdienen könnte, dass er keine Angst mehr haben müsste? »Ein bisschen mehr, das würde schon helfen«, sagt Sait: »Zwischen 12 und 13 Euro müsste man schon bekommen, damit man über die Runden kommt. Ich will nicht mehr, aber auch nicht weniger. Damit das, was wir verdienen, wenn wir zu zweit arbeiten gehen, reicht.«

Julia Friedrichs: »Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können«, Berlin Verlag, 320 S., geb., 22 €.

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