Hoffnung unter der Haut

Viele Syrer sind noch immer müde vom Krieg. Zu Besuch in einem Tattoostudio

  • Von Philip Malzahn, Nordostsyrien
  • Lesedauer: 7 Min.
Ahmad wollte immer tätowieren. Jetzt hat er ein eigenes Studio in Rakka – einer vom Krieg gezeichneten Stadt.
Ahmad wollte immer tätowieren. Jetzt hat er ein eigenes Studio in Rakka – einer vom Krieg gezeichneten Stadt.

Er hätte Fußball spielen können, die Schule schwänzen und tagträumen. Irgendwann wäre dann der Ernst des Lebens auf ihn eingeprasselt, und er wäre in irgendeinem Büro aufgewacht. So oder zumindest so ähnlich wurden schon viele Geschichten geschrieben, doch Ahmad war schon mit 16 fest entschlossen, sein Hobby zum Beruf zu machen. Dass er die letzten zehn Jahre – über ein Drittel seiner Lebenszeit – im Krieg leben musste, hat ihn davon nicht abgehalten. Er selbst sei immer optimistisch gewesen, sagt er, und habe deshalb immer dafür gekämpft, ein echter Tätowierer zu werden, mit einem eigenen Studio.

Zehn Jahre nachdem aus Protesten gegen den Präsidenten Baschar al-Assad in Syrien ein brutaler Krieg wurde, sitzt Ahmad nun tatsächlich in seinem eigenen kleinen Laden und wartet auf Strom. Die Umstände sind noch immer nicht die besten. In der Gegend um den Laden prägen die Überreste zerbombter Häuser das Stadtbild. Die Straße vor der Tür, die Häuser, die Autos, alles ist staubfarben. Einschusslöcher zieren die Gebäude von außen, die Wände seines Zehn-Quadratmeter-Ladens sind von oben bis unten mit Bildern vollgekleistert. Es sind abgelichtete Tätowierungen. Ahmad weiß nicht, von wann, er weiß nicht, von wem, doch sie gefallen ihm, und sie sollen seine Kunden bei der Wahl ihres Motivs inspirieren.

Ahmad verwirklicht seinen Traum

Eine kleine Glocke läutet, als die Tür aufgeht und ein junger Mann mit schwarzen Locken eintritt. Der Tätowierer wischt sich die langen Haare aus dem Gesicht und macht Kaffee über einem kleinen Gaskocher, während sein Gast einen Ordner mit Motiven durchforstet. «Ich will etwas Starkes, aber auch etwas Schönes», sagt er zu Ahmad. Der antwortet: «Und wo?» Der Gast hebt das T-Shirt. Eine riesige Narbe läuft über den Bauch und verschwindet hinter dem Hosenstall. «Irgendwo hier. Die Narbe habe ich vom IS, ich war gegen sie an der Front», erzählt der junge Mann, halb stolz, halb traurig. «Wir finden da schon was», sagt Ahmad gelassen, «lass dir Zeit.» Als der Kaffee gekocht ist, blättert der Gast weiter und Ahmad schaut gelassen dem Treiben der Fische in seinem Aquarium zu. «Frühestens um 13 Uhr gibt es Strom, davor kann ich eh nichts machen», sagt er.

«Es ist Mode geworden», sagt der 26-Jährige über die Beweggründe seiner Kunden, sich tätowieren zu lassen. «Die jungen Leute finden es schick, ganz einfach.» Für ihn ist das eine stabile Einnahmequelle, er ist sein eigener Chef und zeichnet ohnehin gerne. Er ist einer der wenigen, die sich so etwas wie einen Traum erfüllen konnten, und das an einem Ort, an dem man schon lange aufgehört hat zu träumen. 2011, Ahmad war 16, hat er parallel zum Ausbruch des sogenannten Arabischen Frühlings begonnen zu tätowieren. Erst einmal nur enge Freunde, dann Bekannte. Und alles in seinem Schlafzimmer. Nadeln und Tinte fanden ihren Weg über den benachbarten Libanon nach Rakka. Doch nur ein paar Monate später bricht ein Krieg in weiten Teilen des Landes aus, 2013 übernahm die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Kontrolle über seine Heimatstadt. Alles, was in ihren Augen unislamisch galt, wurde drakonisch bestraft. Tätowieren gehörte auch dazu.

Damals arbeitete Ahmad als Falafelkoch. «Irgendwie ging aber auch diese Zeit vorbei», sagt Ahmad, «und irgendwie habe ich überlebt.» Im Oktober 2017 konnten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), ein mehrheitlich kurdisch-arabischer Kampfverband, die Stadt vom IS befreien, jedoch zu einem hohen Preis. Tausende sind gestorben – im ganzen Syrienkrieg sind es mittlerweile über eine halbe Million – über 80 Prozent der Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Nach der Befreiung durch die SDF hat Ahmad 2018 seinen Laden eröffnet. Er ist der Einzige seiner Familie, der in der Stadt geblieben ist. «Alle sind weg, aber ich werde nicht fliehen. Ich bin schon mein ganzes Leben hier, und auch den ganzen Krieg. Ich bleibe», sagt er. Mehrmals am Tag rufe seine Familie an und würde probieren, ihn ebenfalls zur Flucht zu überzeugen. Die meisten leben in Deutschland, doch er will seine Stadt nicht verlassen. «Mein Schicksal steht schon festgeschrieben», sagt Ahmad. Trotzdem sei das Leben auch für ihn nicht einfach, erzählt er.

Nach zehn Jahren Krieg ist von der Aufbruchstimmung 2011 wenig zu spüren. Schon damals war Tätowieren gesellschaftlich nicht akzeptiert. Heute, nach dem Ende der IS-Schreckensherrschaft, ist es das zumindest in Rakka und Umgebung noch viel weniger. «Viele lassen sich ein Tattoo machen, ohne es anderen zu erzählen», sagt Ahmad. Hinter den verdunkelten Scheiben seines Ladens empfängt er wöchentlich um die 25 Kunden – die meisten davon sind Männer, «ab und zu kommen aber auch Frauen», sagt er, «vielleicht alle zehn Tage eine». Für Preise zwischen 5 und 25 Euro lassen sie sich ein Tattoo stechen.

«Manche wollen etwas Symbolisches», sagt Ahmad, «manche sich einfach nur schmücken. Andere wollen es, glaube ich, einfach mal ausprobieren.» Die meisten seiner Kunden gehören wie er zu jener syrischen Generation, die ihre besten Jahre im Krieg verbracht hat. Obwohl es kaum zu überprüfen ist, dürfte ein beachtlicher Teil der mehr als eine halbe Million Kriegsopfer im Land in seinem Alter sein. Sowohl die Armee von Präsident Baschar al-Assad sowie diverse Rebellengruppen und auch die SDF haben eine Wehrpflicht. Dass diese Zeit nicht spurlos an ihnen vorbeigeht, spiegelt sich in den Geschichten seiner Kunden wider.

Der vernarbte junge Mann mit den schwarzen Locken hat Ahmads Laden mittlerweile verlassen, an seiner Stelle tritt Ismail ein. Er ist 25 und Deserteur. Nach mehreren Jahren Kriegseinsatz für Assad hat er eines Nachts, an dem er es nicht mehr ausgehalten hat, seine Waffe fallen lassen und ist in Uniform durch die Wüste gerannt. «Immer weiter und immer geradeaus», sagt er, bis er schließlich einen Kontrollpunkt der SDF erreicht hat. «Die Dinge, die wir für Baschar al-Assads Armee an der Front tun mussten, will ich nie wieder überhaupt aussprechen», sagt er über seine Zeit als Regierungssoldat, «nicht mal syrische Journalisten der staatlichen Agentur durften uns besuchen, denn was wir tun mussten, kann man keinem erzählen.» Heute arbeitet er als Kellner in einer Kneipe am Stadtrand. «Ich will mir ein Tattoo machen, das meinem Leben etwas mehr Bedeutung gibt», erklärt er. Wie genau das aussehen soll, weiß er auch. Ein alter arabischer Spruch: «Lam akhluq abathan», auf Englisch möchte er ihn sich tätowieren lassen. Leider können weder Ahmad noch Ismael Englisch, also wird auf dem Handy mit Google übersetzt.


Mein Leben ist etwas wert

«I was not created in vain», sagt der Apparat. «Kann das stimmen?», fragt Ismail. «Weiß ich nicht», sagt Ahmad. «Riskieren wir es», meint Ismail und zieht das Hemd aus. Mit einem alten Drucker holt sich Ahmad eine Vorlage. Dann klebt er sie Ismail auf die Brust, tunkt die Nadel in die Tinte und legt los. Keine zehn Minuten später ist er fertig, und Ismails Körper trägt für immer die von ihm gewünschte Botschaft: «I was not created in vain», auf Deutsch etwa «Ich wurde nicht umsonst geschaffen», was so viel bedeutet wie «Mein Leben hat einen Sinn» oder «Ich bin etwas wert». Er bedankt sich, bekommt etwas Vaseline auf die Brust geschmiert, zahlt und verschwindet wieder aus dem Laden. Um 18 Uhr muss er die Kneipe aufmachen. Trinken werde wie das Tätowieren immer beliebter, erzählt Ismail. «Je schlechter es den Menschen geht, umso mehr», sagt er mit einem Schmunzeln.

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Ahmad möchte sich politisch nicht äußern. Es sei nichts, was in dieser Situation irgendjemandem helfe, sagt er. Seine Geschichte, seine Einstellung sowie die seiner Kunden zeigen: Viele junge Menschen in Syrien sind müde. Müde von Krieg, Tod, Leid und dem ewigen Gerede der Politiker. Sie wollen ein Leben, das dem Jungsein würdig ist. Dazu, so Ahmad, gehöre es auch, sich etwas Hoffnung unter die Haut zu stechen, «ohne dass irgendjemand einem dazwischen quatscht.

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