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Weder Krieg noch Frieden

Zwischen komplexer Gegenwart und ungewisser Zukunft schwebt das hoffnungsvolle Projekt Rojava

  • Von Philip Malzahn, Syrien
  • Lesedauer: 9 Min.

Irgendwie wusste Um George immer, dass sie dorthin zurückkehren würde, wo sie geboren und aufgewachsen war, und von wo sie fliehen musste, um einem grausigen Tod zu entgehen. Raqqa, von 2013 bis 2017 Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat, ist ihr Zuhause. 2019 kehrte Um George – arabisch für: »die Mutter von George« – zusammen mit ihrem Sohn nach Jahren auf der Flucht in ihre kleine Wohnung zurück, die wie durch ein Wunder vom Krieg verschont geblieben war. Die Befreiung der Stadt durch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), der militärische Flügel der Autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens, sieht sie als Chance, wieder in Frieden in ihrer Stadt zu leben.

Im März 2021 steht sie auf einer Baustelle, wo einst die Kirche war, in der sie getauft wurde. Das christliche Gotteshaus wurde von den Kämpfern des Islamischen Staats zerstört, den gleichen, die auf dem Kreisverkehr nur ein paar Meter weiter die abgetrennten Köpfe ihrer Bekannten zur Schau gestellt hatten.

Gefährlicher Neuanfang

Ungefähr 30 christliche Familien leben heute wieder im Stadtviertel um die Kirche herum. Zwischen den Spuren der Verwüstung wagen sie einen Neuanfang. »Die neue Verwaltung gibt sich viel Mühe, religiöse und ethnische Minderheiten in ihre Strukturen zu integrieren«, sagt Um George, während sie über die Baustelle läuft, wo bald wieder unter ihrem alten Namen die »Kirche der Märtyrer« den Rückkehrern als Gebetsort dienen soll.

Um George hat einen Job bei der Verwaltung gefunden – ihre Aufgabe ist es, sich um die Verständigung zwischen Religionen und Ethnien zu kümmern. Sowieso keine leichte Mission, hinzu kommt, dass es heute immer noch gefährlich ist für Christen, sich als solche zu zeigen. »Ich muss meine Religion manchmal verstecken. Nicht vor der Regierung, auch nicht vor meinen Nachbarn, aber vor allen Unbekannten«, sagt die 60-Jährige. Auch wenn der IS kein eigenes Territorium mehr hat: seine radikale Ideologie lebt weiter und droht den Neuanfang von Menschen zu zerstören. Um George stellt sich nur vertrauenswürdigen Personen mit diesem Namen vor. Draußen auf der Straße heißt sie Um Rami – was nicht als christlicher Name zu erkennen ist. Auch trägt sie immer das Kopftuch – als Vorsichtsmaßnahme. Ende Juni soll die Kirche offiziell eingeweiht werden. Ein Lackmustest. »Ob man uns angreift oder nicht, wird zeigen, wie gut unser ehrgeiziges Projekt gelingen wird.«

Mit »ehrgeizigem Projekt« meint sie nicht etwa nur ihre eigene Rückkehr oder die christliche Gemeinde in Rakka. Es geht um Rojava – dieses international nicht anerkannte Gebiet in Nordostsyrien, das sich im Vakuum gegründet hatte, das die Regierung nach Ausbruch des Syrienkrieges 2011 hinterlassen hatte. Rojava umfasst heute etwa ein Drittel des Staatsgebietes Syriens. Jede Straße, jedes Stadtviertel wählt einen Rat, der die Interessen der Bevölkerung auch auf lokaler Ebene vertritt. Die Menschen dürfen und sollen sich einbringen, egal ob Kurde, Muslim oder Christ. »So etwas hat es in Syrien noch nie gegeben«, sagt Um George, »und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass es ein System gibt, in dem es kein Problem ist, mit unterschiedlichen Identitäten zu leben.« Wie so viele Menschen hat Um George mehrere davon: Sie ist Christin, aber auch Araberin, so wie viele andere nicht nur Kurden, sondern auch Muslime sind.

Vor Kriegsausbruch stand in der Syrischen Arabischen Republik unter Assad zumeist das Arabische im Vordergrund. Während des Krieges, vor allem durch den Aufstieg islamistischer Rebellen bedingt, rückten verstärkt Religion und Konfession in den politischen Vordergrund. Auch die Autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien hat eine unbestreitbare kurdische Identität. Die bestimmende Partei, die PYD, gilt als verlängerter Arm der türkischen PKK. Trotzdem ist man um Harmonie und Integration aller Gruppen bemüht, selbst PKK-Gründervater Abdullah Öcalan hatte sich häufiger gegen einen kurdischen Nationalstaat ausgesprochen. An dieser Meinung hält man bislang fest, das glaubt auch Um George. Trotzdem sagt sie: »In einem Land, in dem es schnell passieren kann, dass man wegen seiner Religion ermordet wird, ist Friede zwischen den Religionen ein sehr optimistisches Ziel.«

Die Kriegerin

Nur eine Autostunde entfernt lebt und kämpft Sharifa. Mit ihren Genossinnen sitzt sie in einem verlassenen Haus in der umkämpften Kleinstadt Ain Issa und trinkt Tee. Ihre Kalaschnikow hat die 27-Jährige immer bei sich, denn obwohl es an diesem Morgen ruhig ist, kann jederzeit der Einsatzbefehl kommen. Nur etwa 500 Meter von ihrer improvisierten Basis steht die sogenannte Syrische Nationale Armee – ein Kampfverband verschiedener Rebellengruppen, unter anderem der islamistischen Ahrar asch-Scham. Unterstützt werden sie von der türkischen Armee. Sharifas Einheit – eine arabische Fraueneinheit der SDF – kämpft ihrerseits neben Soldaten der Syrischen Arabischen Armee, den offiziellen Regierungsstreitkräften der Regierung. Für Sharifa ist es eine wackelige Zweckfreundschaft, die jederzeit auseinanderbrechen kann. »Die türkische Offensive im Oktober 2019 hat nicht nur Tausende militante Islamisten in unsere Gebiete gelockt, sondern auch der Regierung ermöglicht, ganz widerstandslos Tausende ihrer Soldaten auf Gebiete zu positionieren, die sie einst verloren hatte.«

Sharifa ist nicht ihr echter, sondern ihr Kampfname. Den alten hat sie abgelegt, er gehört für sie zu einer Zeit und einem Leben, an das sie nicht mehr glaubt. Sie selbst kommt aus Deir ez-Zor, einer Provinz, in der arabische Stammesstrukturen vorherrschen. Sie selbst war darin gefangen gewesen, wie sie sagt. Als ihre beiden Eltern in einem Luftschlag 2015 sterben, flieht sie aus ihrer von Islamisten kontrollierten Heimat in den kurdischen Gebieten im Norden. Dort wird sie für eine Fraueneinheit der YPG rekrutiert – seitdem kämpft sie ununterbrochen. Für Sharifa persönlich ist eine Annäherung an die Regierung in Damaskus ein großer Fehler. Sie selbst sei auch nicht nur aus Selbstverteidigung bei der SDF, sondern aus Überzeugung. Das Ziel ihres Kampfes: »Sozialismus! Und die Befreiung der Frau!«

Bei Ain Issa stagniert der Konflikt seit der türkischen Invasion im Oktober 2019. Doch vor allem die Präsenz Russlands, das mehrere Militärbasen und einige hundert Soldaten in Ain Issa hat, hindert die Türkei daran, eine groß angelegte Offensive zu starten und ihren gegenüber der SDF größten Vorteil einzusetzen: Den Luftangriff, durch Kampfjets ebenso wie durch bewaffnete Drohnen. Für Sharifa ist offensichtlich: »Russland hat der Türkei grünes Licht für diese Invasion gegeben. Jetzt sind wir gezwungen, mit ihnen und Damaskus zu verhandeln, denn auf einmal sind wir von ihnen abhängig.«
Kapitalismus in einer Räterepublik

Doch auch wenn sich die SDF militärisch und diplomatisch gegen die Regierung, Russland, die Türkei und die von ihnen unterstützen Rebellen behaupten können – die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Damit wächst nicht nur die generelle Unzufriedenheit, sondern so wachsen auch Spannungen zwischen Volksgruppen. Ein großer Streitpunkt ist das Öl. Nach Regierungsangaben in Damaskus sind über 90 Prozent der Ölvorkommen Syriens durch die USA besetzt. Der Energieminister Bassam Tomeh verglich das Vorgehen Washingtons mit »Piraterie«. Der dadurch entstandene wirtschaftliche Schaden belaufe sich auf über 92 Milliarden US-Dollar. Die Selbstverwaltung wie auch die USA bestreiten eine Teilnahme Washingtons. Beide betonen, das Ölgeschäft befinde sich zu 100 Prozent in Händen der Verwaltung Rojavas. Die gibt an, ein überwiegender Teil der Geschäfte werde im Inland abgewickelt, nämlich mit der Regierung in Damaskus.

Doch ganz egal, wer nun am meisten vom Öl profitiert: Die Menschen in allen Regionen leiden seit über zehn Jahren unter dem Krieg und dem politischen und wirtschaftlichen Tauziehen zwischen den verschiedenen Fraktionen. Erst im Juni 2020 haben die USA neue Wirtschaftssanktionen implementiert und damit vor allem die Währung in die Knie gezwungen. Die Folgen von Inflation und Warenmangel sind auch in Rojava zu führen, denn die syrische Lira ist auch dort Hauptzahlungsmittel, wo die Regierung, die angeblich das primäre Ziel der Sanktionen ist, keine Kontrolle hat. Um der Inflation entgegenzusteuern, druckt die Regierung Geld: Erst im Januar wurde die 5000-Lira-Note eingeführt. Zum Vergleich: Vor Kriegsbeginn bekam man für einen US-Dollar circa 50 Lira. Heute sind es über 1000. Die meisten Wechseltransaktionen finden jedoch auf dem Schwarzmarkt statt, wo man bis zu 4000 Lira erhält. Als Folge wächst die Schere zwischen Arm und Reich rasant, denn wer Zugang zu Devisen hat, für den ist alles spottbillig. Der Rest kann sich kaum mehr das Nötigste leisten.

Wie in jeder Krise jedoch gibt es auch Menschen, die davon profitieren. Und während in Rojava viel Wert auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau, auf Partizipation und Identität gelegt wird, hat man auch hier keinen Weg gefunden, diese wachsende Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Der Markt in Rojava wird kaum reguliert, ein Großteil der Produkte im Supermarkt kommt aus Assads Gebieten – oder aus der Türkei.

Einer, der durch den Krieg reich geworden ist, der genau dort sein Geld macht, wo die meisten ihres verlieren, ist Abdulrahman al-Jasim. Das Büro des Geschäftsmanns liegt neben einem völlig zerschossenen Wohnhaus. Neben den Kriegsruinen hat er im Erdgeschoss einen dunklen Raum mit mehreren Sofas und einem Brennofen eingerichtet. Dort sitzt er und empfängt jene, die ihn in größter Not aufsuchen. Es sind vor allem Familien, deren Mehrfamilienhäuser während des Krieges zerbombt wurden. Sie haben kein Geld, die Ruinen wieder aufzubauen. Hier kommt al-Jasim ins Spiel. Er verspricht ihnen, die Häuser wieder aufzubauen. Im Gegenzug will er jeweils die Hälfte der Wohneinheiten. Ganz offen erzählt der Mittvierzigjährige von seiner Methode. »Schaut euch Mohammed an«, sagt er, und zeigt auf einen jungen Mann, der stillschweigend auf einem Sofa sitzt. »Er verdient ungefähr 50 Euro im Monat, das Haus seiner Familie ist zerstört, wie sollen sie sich alleine helfen?« Er selbst sieht nichts Verwerfliches an seiner Vorgehensweise. Dass er mit dem Leid anderer reich wird, ist für ihn eine Belohnung für eine gute Tat. Die ihm überschriebenen Wohnungen verkauft er. »Die meisten gehen an Syrer, die Asyl in Europa beantragt haben. In Deutschland und Schweden leben die meisten Käufer«, so al-Jasim.

Die Geschichten der Christin Um George, der Kämpferin Sharifa und des Geschäftsmanns Abdulrahman al-Jasim zeigen: Rojava schwebt zwischen schwieriger Gegenwart und unsicherer Zukunft. Während die Verwaltungsebene und das Militär von Idealismus angetrieben sind, kämpft man auf ziviler Ebene darum, die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Sozialismus im Alltag der Menschen zu verfestigen. Doch eine potenzielle Eskalation der Kämpfe entweder mit der Regierung Assads und vor allem mit der Türkei und den von ihnen unterstützten islamistischen Rebellen droht, das Projekt im Krieg versinken zu lassen. Das gleiche bewirkt das politische Tauziehen zwischen Regierung, USA, Europa, Russland und der Türkei. Der einzige Ort in Syrien, an dem die Forderungen der Revolution 2011 zumindest teilweise durchgesetzt wurden, könnte somit bald wieder verschwinden.

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