Als die Inkas Europa entdeckten

Ein Roman zwischen Saga, Satire und Möglichkeitssinn: »Eroberung« von Laurent Binet

  • Von Achim Engelberg
  • Lesedauer: 5 Min.
Dieser Tempel könnte sich nicht in Mexiko befinden, sondern in Portugal – rein theoretisch.
Dieser Tempel könnte sich nicht in Mexiko befinden, sondern in Portugal – rein theoretisch.

Alle Kunst ist Verfremdung: Das vermeintlich Bekannte muss neu gesehen werden. Laurent Binet erzählt in seinem preisgekrönten, nun auf Deutsch erschienenen Roman »Eroberung« eine unmögliche Geschichte: Inkas und dann später auch Mexikaner kommen im 16. Jahrhundert aus dem westlichen Amerika und entdecken von Lissabon aus die östliche Halbinsel Europa. Sie wundern sich über die merkwürdigen Sitten und Gebräuche der aus ihrer Sicht Orientalen - seltsame Gebärden vollziehen die offensichtlich bewegten Eingeborenen vor einem »angenagelten Gott« (Jesus am Kreuz), trinken ein schmackhaftes »schwarzes Gebräu« (Wein), zelebrieren grausame Menschenopfer, die alles übersteigen, was die Inkas kennen: Diese Orientalen verbrennen qualvoll lebendige Menschen (Ketzer).

Was auf den ersten Blick wie ein Scherz daherkommt, erweist sich als Abenteuerroman mit Tiefgang.

Das Bestreben, die Historie in Romanform alternativ zu entfalten, schwoll in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem starken Strom. In diesem Fluss gibt es zwei starke Strömungen: So schrieb Robert Harris mit »Vaterland« (1992) einen weltweit gelesenen Thriller mit einer grundsätzlichen Änderung der Weltgeschichte: 1964 beherrschen die Nazis immer noch Europa. Spannend liest sich dieser Krimi, er enthüllt und veranschaulicht auch einiges der untergegangenen Schreckensherrschaft, aber nichts kann erklären, wie die Alliierten den Krieg noch verloren haben. In »Verschwörung gegen Amerika« (2004) dagegen gestaltet Philipp Roth die Möglichkeit, dass die USA zu den Verbündeten der europäischen Faschisten werden, doch dann scheitert die Errichtung einer Diktatur in den Vereinigten Staaten. Im Roman wird der Präsident Franklin D. Roosevelt erst gestürzt, doch dann gewinnt er die nächsten Präsidentschaftswahlen und die USA treten nach dem Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg ein. Roths Roman ist ein kontrafaktisches Interregnum, welches den Lauf der Geschichte nur unterbricht, nicht fundamental ändert.

Laurent Binet nun wiederum gestaltet nicht einen Unfall, der Alternativen aufscheinen lässt und behauptet auch keinen anderen Verlauf der Weltgeschichte wie Robert Harris, nein, er gestaltet den Verlauf selbst und zwar hinreißend. Dafür beginnt er seine Geschichte rund fünfhundert Jahre vor Kolumbus mit einer Wikingerfahrt von Norwegen über Island und Grönland bis nach Amerika. Solche Fahrten sind historisch verbürgt. Binet aber lässt die Wikingerbesatzung, angeführt durch die einfallsreiche Heldin Freydis Eriskdottir, gen Süden wandern. In dieser Bewegung ist eine feministische Umkehrung der Historie schon angelegt.

Europäische Krankheiten dezimieren die Einheimischen, aber immunisieren auch die Überlebenden. Geschickt webt Laurent Binet ein Beziehungsgefüge, indem beispielsweise die Indigenen schon damals lernen, das Eisen zu schmieden, so dass sich im Laufe des Romans allmählich erklärt, warum hier die europäischen Eroberer Jahrhunderte später bei ihren sogenannten Entdeckungsreisen kläglich scheitern.

Ein Ereignis wie die Fahrt des Kolumbus kann Geschichte ändern. Aber es ist meist nicht mehr als der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der die schon angelegte Änderung letztlich bewirkt. Deshalb findet man gerade bei historisch wirkmächtigen Personen, die ihr Verhalten stärker reflektierten als Kolumbus, Äußerungen wie: »Der Mensch kann den Strom der Zeit nicht schaffen und nicht lenken, er kann nur darauf hinfahren und steuern.« So Otto von Bismarck und einer seiner Antipoden, Karl Marx, schrieb: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.« Wer die Weltgeschichte glaubhaft anders als geschehen erzählen will, muss also mehr ändern als ein zufälliges Ereignis.

Laurent Binet legt nun keinen Historienschinken vor, sondern er spielt mit den verschiedenen Formen des Erzählens. Die Vorgeschichte, in denen Wikinger in den Süden Amerikas vordringen, erzählt er wie eine isländische Saga. Die Geschichte vom Scheitern des Kolumbus nähert sich dessen Tagebuch an und ist eine Satire auf die vermeintliche Überlegenheit der weißen Christenheit. Die Wahrnehmung der Fremden wie in Michel de Montaignes berühmtem, ja genialischem »Kannibalen« (Essais, Buch I, 31) dreht Laurent Binet um. Die Inkas entdecken Europa und können bei der Pracht vieler europäischer Städte nicht verstehen, dass viele Menschen dennoch in Lumpen vegetieren und sich nicht dagegen wehren. Nicht die anderen, sondern die Europäer sind hier die Exoten, die Orientalen. Das Spielmaterial, das von Miguel de Cervantes bis Thomas Münzer reicht, ist am Ende des Buches aufgelistet.

Mit viel Esprit erzählt der 1972 in Paris geborene Autor, der Geschichte studiert hat, wie Tizian die Landung der Inkas in Lissabon malt oder die Kurfürsten den Inka-Herrscher zum deutschen Kaiser wählen. Zuweilen gibt es Passagen, die zu laut und bunt sind, so dass das Stakkato der Einfälle den epischen Fluss bremst und unschön staut, bevor er wieder weiterfließen kann. In den besten Passagen erweist sich Laurent Binet als der jüngere, kontrafaktische Bruder des 1968 geborenen Éric Vuillard. Beide gestalten oft Wendepunkte der Geschichte: Bei der Machtübergabe an die Nazis blendet Vuillard in »Die Tagesordnung« (2017) in die Hinterzimmer der Macht und erfindet die Lücken zwischen dem Überlieferten. Oder er lässt sein Publikum in »14. Juli« (2016) am Sturm auf die Bastille teilnehmen.

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Seit dem Ausbruch der Corona-Seuche haben wir wieder erfahren, dass sich Geschichte nicht vorhersagen lässt. Laurent Binet zu lesen aber macht Spaß, es trainiert den Möglichkeitssinn, den Robert Musil mit dem Realitätssinn verband. Salopper gesagt: Laurent Binets »Eroberung« ist ein literarisches Fitnesscenter, um Alternativen schneller zu erkennen. Es ist ein humoristischer Unterhaltungsroman, mit dem man erstaunlich tief nachdenken kann über Zufall und Notwendigkeit, über den oft tragischen Lauf der Geschichte. Und am Ende hat diese Alternativweltgeschichte natürlich noch eine Pointe.

Laurent Binet: Eroberung. A.d.Franz. v. Kristian Wachinger. Rowohlt, 384 S., geb, 24 €.

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