Die Berge vor Budapest

Rebecca Maria Salentin zieht einfach mal los: auf dem Weg der Freundschaft

  • Lesedauer: 9 Min.

Sie schnauft bei jeder Treppenstufe, bricht bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus und wird beim Radfahren von Rentnern überholt. Sie hat Angst vor Spinnen, Hunden, Gewitter, tiefen Seen, steilen Höhen und sie ist nachtblind. Außerdem hasst sie Berge. Nur Cola und Kaktus-Eis können sie beim Aufstieg besänftigen.

Trotzdem geht Rebecca Maria Salentin eines Tages einfach los, bepackt mit Rucksack, Zelt und Kocher, um 2 700 Kilometer weit zu laufen. Auf dem Internationalen Bergwanderweg EB von Eisenach nach Budapest (auch: »Weg der Freundschaft«) erobert sie sich den Boden unter den Füßen zurück, nachdem sie im Jahr zuvor fast alles verlor. Was blieb: ihre Freunde und Freundinnen. Zusammen bilden sie den Klub Drushba. Denn »Drushba« heißt Freundschaft.

Thüringen, April 2019

Schwer atmend kämpfe ich mich den Berg hinauf und habe dabei noch nicht mal den offiziellen Startpunkt erreicht. Irgendwo da oben, verdeckt durch Baumwipfel, thront sie, die weltberühmte Wartburg, in der sich einst Martin Luther versteckte und die Bibel übersetzte. Und an dieser historischen, zum UNESCO-Welterbe gehörenden Stätte geht er los, der EB. Das Kürzel EB steht für Eisenach-Budapest. Und genau das habe ich vor: zu Fuß von Eisenach nach Budapest gehen. Bepackt mit Rucksack, Zelt und Kocher will ich beinahe 2.700 Kilometer weit laufen.

Angesichts dessen, dass meine Unterschenkel schon auf den ersten Metern ebenso erbarmungslos brennen wie die für den Monat April ungewöhnlich heiße Sonne, frage ich mich allerdings einmal mehr, wie ausgerechnet ich auf die Idee kommen konnte, eine solche Wanderung zu bewältigen. Ich bin weder mutig noch trainiert. Ich ächze und schnaufe bei jeder Treppenstufe, breche bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus, werde beim Radfahren von Rentnern überholt, habe Angst vor Spinnen, Hunden, vor Gewitter, tiefen Seen und steilen Höhen, ich fürchte mich im Wald und bin außerdem nachtblind. Ich war schon als Kleinkind motorisch ungeschickt, lernte erst spät laufen und galt als Stubenhockerin. In der Grundschule blieb ich bei Mannschaftsspielen übrig bis zum Schluss, stand neben denen, die als dick galten, und dem Spätaussiedler, der in einem schwarzen Anzug zum Unterricht kam, dem er längst entwachsen war. Mit uns wollte keiner spielen, uns wollte keiner in seiner Mannschaft haben. Ich war so ungeschickt und ängstlich, dass ich zu den ersten gehörte, die abgeworfen wurden und auf der langen Holzbank Platz nehmen mussten. Bundesjugendspiele waren mir ein derartiges Grauen, dass ich mir einmal mit Absicht einen großen Stein auf den Fuß plumpsen ließ, nur um nicht teilnehmen zu müssen. Damit noch nicht genug: Ich finde Funktionskleidung hässlich. Bei mir passen normalerweise die Schuhe zum Gürtel, der Gürtel zur Handtasche, die Handtasche zu den Ohrringen und die Ohrringe zum Nagellack. Ich liebe Blümchen, Rüschen und Stickerei. Wandern hingegen mag ich nicht. Und schon gar nicht, wenn es bergauf geht.

Was treibt mich also an? Zum einen bin ich ziemlich stur, was die Durchsetzung meiner Pläne und Träume angeht. Und davon habe ich so viele, dass ich zum anderen berüchtigt bin für meine Wutzideen. Eine Wutzidee, das ist in der Region, in der ich aufwuchs, nämlich in der Eifel, der Begriff für einen dummen Einfall, ein absurdes Vorhaben oder eine verbissene Fixierung. Wutzideen sind in der Regel etwas, worüber das Umfeld lacht, den Kopf schüttelt oder schimpft. Aber wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es auch durch, egal wie hanebüchen oder spinnert andere es finden. Ich meckere laut vor mich hin, irritiere Spaziergänger und Anwohner. Wie ich bloß auf eine so dumme Idee kommen konnte, bis Budapest zu laufen, nur weil ich drei Jahre zuvor im Elbsandsteingebirge zufällig über eine EB-Hinweistafel stolperte! »Man kann von Eisenach bis Budapest wandern?«, wunderte ich mich damals angesichts des beeindruckenden Schaubilds - und beschloss noch in derselben Minute: »Das will ich machen!«

Natürlich hatte ich schon vom Fernwandern gehört, wusste, dass man tausende Kilometer von Mexiko bis Kanada, von Italien bis ans norwegische Nordkap oder ganz populär auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela wandern konnte. Aber von diesem Weg hatte ich noch nie gehört, obwohl er direkt um die Ecke lag. Ich lebe in Leipzig, nur 200 Kilometer entfernt von Eisenach - das Abenteuer wartet quasi vor der Haustür. Wozu weit reisen oder über den Atlantik fliegen, wenn man abgeschiedene Wälder, einsame Moore, zerklüftete Gebirge, schwindelerregende Gratwege und freilebende Bären von zu Hause aus erreichen konnte? Denn so interessant ich die Berichte über die großen amerikanischen Trails auch fand, mich schreckte ab, dass man dafür nicht nur so fit sein musste, dass man dreißig Kilometer täglich schaffte, sondern außerdem teure und umweltschädliche Flüge buchen, Visa, Feuergenehmigungen und Nationalparktickets beantragen und Versorgungspakete vorschicken musste. Und sollte ich auf den ersten Kilometern merken, dass ein sogenannter Thruhike doch nicht das Richtige ist, wäre es schon ein bisschen blöder, diese Erkenntnis in der kalifornischen Wüste zu haben als in der thüringischen Provinz. Ich fand es beruhigend, zu wissen, dass ich bei einer Kapitulation vor meiner eigenen Courage einfach in den Zug steigen und wieder nach Hause fahren konnte.

Kurzentschlossen legte ich an diesem Tag im Sommer 2016 auch direkt das Startdatum fest: Am 19.04.2019 würde ich an der Wartburg losmarschieren und den EB bezwingen! Ob Isergebirge, Altvatergebirge oder die Karpaten - ich war bereit, jede einzelne Bergkuppe der Mittelgebirge zu erklimmen, auf die der Bergwanderweg führt! Doch mit dem Wort Bergwanderweg fangen die Probleme schon an: Aufgrund einer Autoimmunkrankheit ist jeder Höhenmeter für mich eine besondere Belastung. Dumm nur, dass der EB mit rund 75 000 Höhenmetern aufwartet. Manch einer munkelt sogar, es wären 90 000! Dazu kommt: Ich vertrage kein Gluten. Brot, Nudeln, Mehlspeisen, Soßen, Bier: nichts für mich. Wenn ich glutenhaltige Speisen verzehre, quelle ich auf wie ein Wasserballon, bekomme fürchterliche Kopfschmerzen, werde müde und kraftlos und bin mehrere Tage außer Gefecht gesetzt. Von den Darmproblemen ganz zu schweigen. Verpflegung außerhalb meiner eigenen Küche ist wie Russisch Roulette. Daran kann ich nichts ändern, aber was die Fitness betrifft, hatte ich Hoffnung. Denn auch darum ging es mir in der Sekunde des spontanen Entschlusses: die Kontrolle über meinen Körper zurückzugewinnen, die mir seit Langem verloren schien. Früher ging ich mehrmals die Woche klettern, raste mit dem Fahrrad durch die Gegend und tanzte mich leidenschaftlich durch die Tangosalons, aber dann wurde ich immer schlapper. Irgendwann ging es mir so schlecht, dass ich die Treppe zu meiner Wohnung im ersten Stock kaum noch hochkam. Ich war ausgelaugt, ständig müde, wahlweise gereizt oder niedergeschlagen und nahm in kurzer Zeit beinahe dreißig Kilo zu.

»Sie sind selbstständig und ziehen zwei Kinder alleine groß, Sie brauchen mal eine Pause«, sprach der Hausarzt und verordnete mir eine Mutter-Kind-Kur, die an meinen Beschwerden nicht das Geringste änderte. Stattdessen wurde es immer schlimmer; das dunkelste Kapitel meines Lebens begann, denn morgens klappte ich direkt nach dem Aufstehen regelmäßig zusammen. Ich musste meine Kinder an diesen Tagen vom Bett aus in den Tag dirigieren und fühlte mich dabei wie eine Rabenmutter. Weil es nach dem Urteil des Arztes keine physische Ursache gab, zweifelte ich an meiner Psyche. Ich glaubte, einfach nicht stabil und stark genug zu sein. Erst als ich ein paar Jahre später den Arzt wechselte, bekamen die Symptome mit der Diagnose Hashimoto-Thyreoiditis einen Namen. Diese Autoimmunkrankheit äußert sich in einer dauerhaften Entzündung der Schilddrüse und der Zerstörung des Schilddrüsengewebes, wodurch eine chronische Unterfunktion entsteht. Man überwies mich zu einem Endokrinologen, der feststellte, dass die Zerstörung schon so weit fortgeschritten war, dass ich kurz davorstand, ins Koma zu fallen, seit Jahren unfruchtbar sei, und sich auch an meinem Gewicht nichts mehr ändern werde. Ich bekam Hormontabletten und warf meine Personenwaage weg. Nach ein paar Monaten konnte ich meinen Alltag wieder bewältigen, erreichte aber nie mehr das Aktivitätslevel, das ich vor der Krankheit hatte (und war froh, dass meine Familienplanung schon längst abgeschlossen war). Dennoch: Schwindel, Herzrasen und Atemlosigkeit bleiben meine ständigen Begleiter, besonders wenn es aufwärts geht.

Die Trekkingstöcke liegen ungewohnt und sperrig in meinen Händen, das Gewicht des Rucksacks drückt mich nieder. Ich stolpere auf den steil hinauf führenden Pflastersteinen. Die Gasse ist gesäumt von akkuraten Vorgärten, bunte Plastik-Ostereier baumeln an beinahe jedem Strauch. An den Laternen prangen nicht minder bunte Wahlplakate für die bevorstehende Europawahl, vornehmlich von AfD und NPD. Vornüber auf die Stöcke gestützt, rackere ich mich voran und fühle mich dabei ungefähr so flink und beweglich wie Lonesome George, das letzte Exemplar einer Galapagos-Schildkröten-Art. Diese Fernwanderung sollte der symbolische Übergang von meinem Leben als Mutter und Cafébesitzerin zur neuen Unabhängigkeit sein. Doch wenn ich ehrlich bin, ist das Gefühl, alles verloren zu haben, in diesem Moment stark und übermächtig.

Als ich endlich an der Wartburg ankomme und mir der Wind ungewohnt kühl um den rasierten Nacken fährt, denke ich einmalmehr daran, dass innerhalb des letzten Jahres alle Konstanten weggebrochen sind, die mein Leben prägten. Geplant waren nur der Verkauf meines Cafés und der Kurzhaarschnitt. Extra für die Wanderung habe ich mich von meinen langen, roten Locken getrennt, die mein Leben lang das auffälligste meiner äußeren Merkmale waren. Als ich verkündete, sie abzuschneiden, waren die Reaktionen heftig. Alle waren dagegen. Dabei war es eine rein pragmatische Entscheidung: Ich kann meine Haare nur kämmen, wenn sie nass und mit Conditioner getränkt sind. Tue ich das nicht, habe ich eine Frisur, die meine Kinder stets zum Lachen brachte. »Mama ist fluffy Amadeus!«, riefen sie kichernd, wenn ich morgens aus dem Bett stieg. In ihren Augen sah ich aus wie Mozart mit aufgebürsteter Perücke.

Was habe ich als Kind geweint, wenn meine Oma mir das Haar bürstete! Meine Oma wurde während der Inflation als jüngstes von achtzehn Kindern eines Bäckermeisters geboren. Im Krieg wurde sie ausgebombt und evakuiert. Sie heiratete und zog neben ihrer Tätigkeit als Sekretärin neun Kinder groß, in Zeiten, in denen Schmalhans Küchenmeister und die Prügelstrafe noch gängig war. Da hatte sie wenig Verständnis für meinen Widerstand gegen das Kämmen. »Wie die Haare, so der Sinn«, schalt sie mich. Sie abzuschneiden war ein radikaler Schritt, denn meine Frisur war Markenzeichen und Schutzschild zugleich. »Die mit den roten Locken«, so beschreiben mich die meisten Leute (auch wenn der Kupferton längst aus der Tube kam). Warum ich als Einzige in der Familie eine so starke Krause habe, weiß ich nicht. Allerdings weiß es eine nicht geringe Zahl von Menschen, die hören, dass mein Vater Israeli ist: »Ach daher die Haare! Ihr Juden habt ja alle Locken!«

Ganz bestimmt die richtige Fährte, Sherlock!

Rebecca Maria Salentin
Klub Drushba. Ein Reisebericht
Voland & Quist
320 S., kt.; 20,00 €
erscheint am 15. Juni 2021

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