Leadsänger des Backgrounds

Hans-Dieter Schütt befragt einen untypischen Hauptstadtpolitiker

  • Lesedauer: 9 Min.

Klaus Lederer, geboren 1974 in Schwerin und seit 2016 Bürgermeister und Kultur- und Europasenator in Berlin, gehört zu den prägenden politischen Köpfen unserer Zeit. Er ist ein Linker mit Lebenslust, ein Theoriefreudiger mit Nerv für die Tat, ein Sach-Bearbeiter mit Fantasie. Im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt gewährt Lederer Einblicke in seine Arbeit, seine Ansichten und auch in sein Privatleben. Der erprobte A-cappella-Sänger, Ausdauersportler und leidenschaftliche Literaturfreund zeigt sich von jenen Seiten, die ihn zum beliebtesten Politiker der Hauptstadt gemacht haben, provoziert aber zugleich mit seiner Haltung wider Normen und Biederkeit. Für nebenstehende Leseprobe haben wir Auszüge aus dem Eingangsessay von Hans-Dieter Schütt ausgewählt.

Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden, so Walter Benjamin, heiße nicht viel. Aber sich in einer Stadt zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, dies brauche Schulung. Es bedarf des wachen Blicks für Licht, dem man ausweicht, und Schatten, die man sucht; es bedarf der Lust auf Überraschungen unterwegs, die man nicht sofort mit Zu- und Einordnung erledigt. Geh hin, wo es nichts zu sehen gibt und wo du dir trotzdem alles merken willst. Wo du nur ums Haus gehst - und es ist ein Weg um die Welt. Jedes Gossengras gehört zur Geschichtsschreibung der Menschheit. Geh schräg. Steig hinab. Sei daneben. Dunkle dich weg. Fahr mit Fernlicht in Sackgassen. Vertrau Wegweisern, die noch keine Aufschrift tragen. Benjamin band seine Bemerkung über das Verirren ans geschäftige, wirre, brodelnde Berlin. Auch für den Dichter Uwe Johnson, viele Jahrzehnte später, war Berlin ein Grund für Lob. Lob etwa für eine Bahn, »in der ein Fensterplatz noch was wert ist«. Denn dies erlaube Blicke hinaus in des Ortes so besondere Dreifaltigkeit: das Geerbte, das Gekerbte, das Gegerbte. Die S-Bahn: »das Dunkelkarmin, das Ochsenblut, das behäbige Geld darüber. Wir erkennen das Geräusch ohne Nachdenken, die klirrende Durchfahrt, nachts das atmende Bremsen und Anfahren, singende Beschleunigung.«

Berlin ist Großstadt - und längst auch Klein-Staat. Stadtstaat. Bundesland. Klaus Lederer von der Linkspartei ist Senator für Kultur und Europa. Die Kultur ist im Grunde solch eine Benjamin’sche Einladung: sich kundig zu verirren. In Vielfalt, in Mehrfarbigkeit, in Erlebnisfülle. In Berlin dürfen die grandiosen urbanen Angebote des Universalen unanfechtbar behauptet und beschworen werden. Nunmehr muss freilich hinzugefügt werden: wenn nicht gerade Corona-Beschränkungen schwer auf allem lasten. Lederer, Jahrgang 1974, war Landesvorsitzender seiner Partei; seine Senatsverwaltung ist Teil einer rot-rot-grünen Koalition; inzwischen wurde er Spitzenkandidat der Linken für das im Herbst 2021 neu zu besetzende Amt des Regierenden Bürgermeisters. Das Grün der Stadt, der Ankauf kommunaler Wohnungen, die Bekämpfung der Armut, das kosmopolitische Lebensgefühl und Berlin als Teil eines europäischen Metropolennetzwerks - Lederer wird wissen, wie man für den möglichen großen Schritt ins Rote Rathaus gewichtige Pakete schnürt. Aber in unseren Begegnungen für dieses Buch breitet er vordergründig keine politische Bilanz aus. Und er präsentiert kein Parteiprogramm - Wahlpapiere werden woanders ediert. Er kapriziert sich auch nicht als Kandidat. All das hätte mich wenig interessiert und kaum im Dialog gehalten. Denn interessantere Schlüssellochperspektiven als die eines Politikerbüros gibt es allemal. Es bleibt also genügend Misstrauen: Wer mit einem Politiker Interviews führt, macht sich generell der Beihilfe zu dessen Eigenwerbung schuldig. Hier nun trotzdem ein Funktionärs-Bild in Frage und Antwort?

Was mich zum Gespräch bewog, war eine Vermutung: Da versucht sich einer in halbhoher Politik, und man sieht ihm an, wie er sich gegen landläufige Rekrutierungsmechanismen des Betriebes wehrt. Eines Betriebes, der überall darauf hinauszulaufen scheint, sich ins Gegenteil seines Auftrages zu verkehren, nämlich: aufzulösen statt zu binden. Was sich in der politischen Praxis allenthalben auflöst, sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Wahrlich, wer die Wahl hat, hat viel Qual: Bevölkerung, die gewonnen werden soll, fühlt sich von Politikern und Parteien zunehmend gepeinigt. Es genügt zur Bestätigung das lähmende Erlebnis eines TV-Tages mit »phoenix« oder »n-tv«: Ausführungen, Einlassungen, Erörterungen. Statements. Pressekonferenzen, Gesprächsrunden. Fraktionen sitzen, Ausschüsse sitzen, Kommissionen sitzen. Räte, Präsidien, Gremien aller Art. Alles sitzt. So geht der Betrieb. So scheint alles stillzustehen. Kontakt zum Leben: Fehlanzeige. Man betrachte sich die Aufenthaltsorte von Politikern: Gemeinplatz, Schleudersitz, Listenplatz, Regierungsbank, Hinterbank oder jene lange Bank, auf der die Probleme gehortet werden. Gefesselte Gullivers allesamt. Und ihre Lektüre erst! Akten, Rundschreiben, Vorlagen, Dossiers, Entwürfe, Positionspapiere, Bulletins, Resolutionen, Protokolle, Gutachten, Anfragen, Anträge, Berichte, Richtlinien, Entschließungen. Angesichts dessen muten Treffen mit Politikern wie eine fatale Einladung an: Komm mit ins Elend!

Lederer weiß das. Er kann Elend weglächeln. Er lächelt gern, weil es ihm ein Entree für Gedanken ist. Die er dort hat, wo andere nur Argumente vorbringen. Manchmal freilich gehen sie aus. Ein Tweet vom Ende des vergangenen Jahres: »Ich kann nicht mehr. Heute bin ich richtig durch. Schnauze voll. Morgen wird es wieder besser sein. Es hilft, an die zu denken, die wirkliche Probleme haben. Mir geht es doch gut.«

Er ist einer von den großen Kerls. Große, oder präziser: lange Kerls neigen zur Herablassung. Das ist ein natürlicher Reflex, denn die Welt der meisten anderen Menschen befindet sich nun mal auf einem etwas niedrigerem Niveau der Körpergrößen, und das Herabneigen bekommt damit etwas charmant Ungelenkes. Weil der Eindruck vermieden werden soll, man selber blicke von oben herab, sei also - bleibe man ungebeugt - herablassend. Demnach kann Augenhöhe für große Kerls eine Turnübung sein. Gegen den Verdacht des Hochmuts. Der aufrechte Gang, welch Paradoxon, erhält damit zwangsläufig etwas Gekrümmtes. Klaus Lederer weiß auch das und lässt sich also, wenn er in eine Begegnung hineingeht - herab. Was bleibt ihm übrig. Lächelt er jetzt vorsichtshalber? Nein, zugewandt. Er genießt sich selber auf angenehme Weise und möchte wahrscheinlich am liebsten, dass Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen, dies auch tun. Oft, so der Eindruck, schafft er das.

Ist das schon Verhandlungsgeschick? Der Journalist Stefan Willeke hat es in der Hamburger »Zeit« so beschrieben: Klaus Lederer vom Flügel »der Total-Pragmatiker und Halb-Reformer« habe »ein Händchen dafür, schwerwiegende Konflikte fein zu zerbröseln«. In den Jahren als Landeschef der Berliner Linken gelang es ihm zum Beispiel, sehr heftigen, nicht ungefährlichen innerparteilichen Richtungskämpfen auf eine Weise beizukommen, dass die gemeinsame Handlungskraft bewahrt blieb. Er war »der erste Alternative auf dem Chefsessel der Berliner Sozialisten«. So die »taz« 2005, als Lederer Vorsitzender des PDS-Landesverbandes geworden war. »Mit spektakulären Bekanntmachungen über einen neuen Kurs kann ich nicht dienen«, war damals einer seiner ersten Sätze in ein Mikrofon. Diese erste, grundlegende Maßnahme: Maß einzig an dem zu nehmen, was die Wirklichkeit vorgibt. Die Wirklichkeit, nicht die Utopie. Eine Vorsichts-Maß-Nahme. Das leise Treten als Ausdruck von Courage. Lederer wurde so zum Leadsänger des Backgrounds. Er hört nicht schlechthin zu, er hört offen. Er sammelt, ehe er entscheidet. Es sind die kleinen Kreise, die er zu großen Impulsgebern erhebt.

Die Frage nach einem Heil hat ihn nie bedrängt. Einer Mission hing er nie an und nach. Er gehört zum Beispiel auch nicht zu jenen, die eine links so hervorstechend gewordene Identitätspolitik mit nervender Tendenz zur Selbstradikalisierung betreiben. Queeres Selbstbewusstsein? Natürlich. Lederer präsentiert es. Aber fern jener neuen Ideologie, die »aus jeder Sachfrage eine Frage der Ehre macht«, wie es der Dramaturg Bernd Stegemann im »Spiegel« formulierte. In einem Essay warnte er vor »Aktivisten, die sensibel nach Kränkungen fahnden und blind für ihre eigene Aggressivität sind, mit der sie andere anprangern«. Lederer ist das Pendant. Er steht gegen die Vorherrschaft des vermeintlich politischen Richtigen, das sein Urteil einzig aus dem Glaubenssatz bezieht: Diese Gesellschaft will mich nicht so, wie ich bin. Ein Glaubenssatz, der sich gern als linkes Bekenntnis betrachtet. Lederer steht gegen derartig unterkomplexes Denken aus dem heraus, was Stegemann »Wutspannung« nennt. Zudem ist er keiner von den Genossen, die nach wie vor und explizit in vorwiegend östlicher deutscher Geographie ihre so wichtigen Selbstbejahungsstellen finden. Er ist also keiner von denen, die noch immer in der politischen Gefahr stehen, dass ihre DDR-grundierte Bodenhaftung zu blockierender Hermetik wird. Lederer: für sowas zu jung, zu klug, zu neugierig.

Als Kultursenator war er Ende 2016 auf Tim Renner gefolgt. Einer fatalen Unrühmlichkeit hatte dieser Staatssekretär von Wowereits leichtfertigen Gnaden die Krone aufgesetzt, als er den Direktor der Tate Gallery of Modern Art, Chris Dercon, zum Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz machte. Nach einem Vierteljahrhundert Frank Castorf. Ein Proteststurm brach los. Warnungen gingen an Renner, das Theater nicht mehr zu betreten. Als er 2018 dort eine Filmvorführung besuchte, traf er auf den Schauspieler Alexander Scheer. Der schüttete ihm ein Glas Bier über den Kopf. Vier Jahre nachdem Lederer Senator geworden war, einige Monate nach dem Beginn der Corona-Krise, »ernannte« ihn Reimund Spitzer, der Betreiber des Golden-Gate-Clubs, in einem Gespräch mit dem »Tagesspiegel« zum »St. Georg der hauptstädtischen Kulturlandschaft«. Die Zeitung kommentierte: »Wer weder Rheinländer noch katholisch geprägt ist, würde auf den Drachentöter-Vergleich vielleicht nicht kommen. Doch was Lederer vor seiner Senatorenzeit im Blick hatte - Minderheitenschutz und Bürgerrechte - das will er auch im Kulturbereich realisieren.« Und er tat es. Einen »Beschützer soziokultureller Nischen« und »Apostel der Teilhabe« bezeichnete ihn Frederik Hanssen im »Tagesspiegel«. Und plötzlich dann war er der sehr Entschiedene - und war dies entschlossener als andere. Er nämlich war es, der im Corona-Anbruch des Frühjahrs 2020 - gewissermaßen gegen den eigenen Herzschlag - das Schließen der hauptstädtischen Theater und anderer Kulturinstitutionen betrieb. Mit bitterem Dank an seine Mathematiklehrerin, die »uns die Exponentialfunkton lehrte«.

Es überraschte mich während der Gespräche, wie wiederkehrend schnell Klaus Lederer von Alltäglichkeiten auf Astronomie zu sprechen kam, auf Sterne, auf Konstellationen weit außerhalb unserer Begreifensgabe. Um just diese Gabe zu schärfen. Das Unbegreifliche als Trainingsfeld für die Zuversicht ins Wissen. Und ebenso für die Zuversicht, dass Wissen nicht alles ist. Weiß der Himmel!, so ruft der Mensch seine Unsicherheit hinaus. Der Himmel als das, was diese Stadt Berlin teilte (Christa Wolf); der Himmel als der Ort, von wo Engel herabkamen (Wim Wenders). Der Himmel über Berlin; ein nordischer. Irgendwo in dieser Stadt liegt vielleicht noch ein Stück Stacheldraht. Hat vergessen, was es bewachen sollte. Gegenüber der Senatsverwaltung in der Brunnenstraße, wo Klaus Lederer arbeitet, prangen an einem Gebäude groß und weiß, die Worte von oben nach unten, über die gesamte Fassade verteilt: »Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.« Und wieder Heiner Müller: »Berlin ist das Letzte. Der Rest ist Vorgeschichte./ Sollte Geschichte stattfinden, wird Berlin/ der Anfang sein.« War das schon? Ist das gerade? Kommt das erst?

Hans-Dieter Schütt
Klaus Lederer. Die Sterne über Berlin
Mit einem Vorwort von Gregor Gysi
be.bra Verlag
272 S., kt.; 18,00 €

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