Mallorca ja, Istanbul nein

Leo Fischer über salonfähigen Corona-Rassismus im bürgerlichen Lager

  • Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Ausländer sind schuld! Lange Zeit dachte man, dass Aussagen wie diese entweder nur mehr verklausuliert, unter Verwendung zahlreicher Codes vorgetragen werden können, oder aber von Personen stammen müssten, die sich ohnehin schon aus dem demokratischen Spektrum verabschiedet haben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigt, dass auch hier die Uhren wieder zurückgestellt werden, dass es auch hier wieder komplett uncodiert und schamlos geht: Mit seiner Aussage, Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan hätten 2020 phasenweise jede zweite Neuinfektion ausgelöst, ist blanker Corona-Rassismus auch im bürgerlichen Lager wieder salonfähig.

Es ist so durchschaubar und gleichzeitig fast zwangsläufig: Im Corona-Versagerland Deutschland, in dem die niedrigen Inzidenzzahlen zu Beginn der Pandemie bei Wirtschaft und Politik schon im April letzten Jahres Öffnungsfantasien reifen ließen, in dem sich Abgeordnete der Unionsfraktionen mit Maskendeals dumm und dusslig verdienten, in dem Springer-Presse und angeschlossene Anstalten der Querdenken-Bewegung immer wieder die Stichwörter lieferten, in dem sich der leibhaftige Gesundheitsminister nicht an die politischen Hygieneregeln hielt, solange es Spenden einzusammeln, Häuser zu bauen und alte Kumpel zu beschäftigen galt, in diesem Land also, das sich von Anfang an der »chinesischen Krankheit« (Trump) überlegen, gar gegen sie immun wähnte - da sollen es am Ende mal wieder die »Ausländer« gewesen sein. Während Weißdeutschland Bootspartys auf der Spree veranstaltete, sich mit gefälschten Attesten auf Sylt schmuggelte und sich in Gestalt von Thea Dorn und Jan Josef Liefers auch hochkulturell Hedonismus verordnete, blieb stets noch genug Zeit, sich kritisch die Abwesenheitszeiten des Nachbarn zu notieren, der sich auch in vierter Generation leider, leider noch nicht so weit integriert hat, komplett mit seiner Familie in Anatolien brechen zu wollen. Doch keine Sorge: Spahn hat für solche unverbesserlichen Fälle schon neue Reisebeschränkungen in der Tasche, sicherlich auch mit großzügigen Ausnahmeregelungen für den Balearen-Tourismus, denn der ist ja altdeutsche Tradition, damit also keimfrei und unbedenklich.

Ein Schlag ins Gesicht jener Niedriglöhner*innen, die die Kosten der Krise, auch die gesundheitlichen, am stärksten zu tragen hatten; über 40 Prozent von ihnen sind migrantisch geprägt. Sie, die den Spahns dieser Republik in der Krise Pizza und Pakete brachten, sich bei Tönnies oder beim Spargelstechen infizierten, bekamen am Ende dafür, die allerundankbarsten Jobs gemacht zu haben, noch das bisschen Urlaub vorgeworfen, das sie sich leisten können - von einem Mann, der im Corona-Sommer darauf bestand, seinen Einzug in ein »Baudenkmal in Bestlage« (Tagesspiegel) als Privatsache behandeln zu dürfen.

In einigen Bundesländern zieht die AfD, die man glaubte besiegt zu haben, schon an der CDU vorbei, und es sind wahrscheinlich genau solche Zahlen, die einem Mann wie Spahn solche Sätze einflüstern. In der CDU kann man sich die Post-Merkel-Zeit offenbar nur als Rechtsruck vorstellen und bereitet sich ideologisch auf ihn vor; zu diskutieren gibt es da lediglich, in welcher Schattierung dieser Rechtsruck daherkommen wird: turboliberalisiert mit Merz, katholisch-homophob mit Laschet oder eben klassisch rassistisch mit Spahn. Dass auch ein grüner Koalitionspartner da kaum lindernd wirken dürfte, zeigt Österreich, wo Sebastian Kurz unwidersprochen behaupten durfte, »Reiserückkehrer« hätten »uns Ansteckungen ins Land hineingeschleppt«. Nein, dieser Sündenbock kommt garantiert niemals außer Mode.

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