»Warum mir das nah ist«

Bist du ein Lauch oder bist du keiner? Die Soziologie entdeckt den Gangstarap als Ausdruck sozialer Konflikte

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 6 Min.
Das Ghetto wird verdoppelt, aber weder überhöht noch romantisiert: Kendrick Lamar, 2015
Das Ghetto wird verdoppelt, aber weder überhöht noch romantisiert: Kendrick Lamar, 2015

Vor zehn Jahren hat der Rapper Kendrick Lamar mit »good kid, m.A.A.d. city« eines der Alben veröffentlicht, bei dem klar war, dass es ein Genre-Klassiker werden wird. Oder auch schon eins war, es ging jedenfalls sehr schnell. »good kid, m.A.A.d. city« beschreibt das Leben des jungen Kendrick, im Rückblick, und erzählt viel in kurzer Zeit, mit einer selbst im US-HipHop seltenen sprachlichen Dichte und Präzision. Der Musikjournalist Nicklas Baschek nimmt die Musik Lamars in »Living life like rappers do« zum Ausgangspunkt für einen Essay über Rassismus, strukturelle Gewalt und die Möglichkeiten, ihr zu entkommen. Die Verbindung von Musikkritik und kulturwissenschaftlich informierter Essayistik funktioniert hier ausgesprochen gut.

Durchgängig präsent, quasi Leitmotiv, ist das Moment der Zwangsläufigkeit: »Die Logik der Herkunft, die Unentrinnbarkeit des Schicksals, im Sprechen, im Sprechen darüber.« Zwangsläufigkeit auch in dem Sinne, dass diese Logik in den Körpern auch der Menschen fortwirkt, die Armut und Prekarität entkommen sind: »I’m trapped insinde the ghetto and I ain’ proud to admit it / Institutionalized, I keep runnin’ back for a visit«. Diese Zeilen sind aus »Institutionalized«, einem Track, der es sich nicht leicht macht: »Er spricht Rollen, er verstellt seine Stimme, er spricht verschiedene Figuren«.

Dieses Es-sich-nicht-leicht-machen ist das zweite charakteristische Merkmal dieser Musik, dann, wenn sie von Gewalt, Prägung und Ausbruch erzählt. »Das Ghetto wird verdoppelt, einmal als Ort und Chancenvernichter, einmal als Ideenproduzent der eigenen Handlungsroutinen« - und eben nicht dämonisiert, romantisiert oder sonstwie überhöht.

Ein Ausgangspunkt des Essays bildet die Frage, »warum mir das nah ist«, die Frage also, warum diese Musik auch für einen Autoren funktioniert, der im Alter des Protagonisten aus »good kid, m.A.A.d. city« als Nu-Metal-Fan in der deutschen Provinz ein vergleichsweise bequemes Leben hatte. Es geht, schreibt Baschek, darum, sich mit dem »Entfernten zu identifizieren«, also darum, »zu lernen, dass dort in der Hood und anderswo Menschen leben und deren Komplexität eingefangen werden muss.« In der Musik Kendrick Lamars sind diese Leben »mehr als Klischees«, also keine Klischees mehr, und das ist ein Angebot an die Hörer*innen, die mit diesen Welten keine Berührung haben, aber trotzdem etwas von ihnen begreifen wollen, so gut es aus der saturierten Distanz heraus eben geht.

Martin Seeligers Buch »Soziologie des Gangstarap« stellt die Frage nach der eigenen Affiziertheit eigentlich nicht, zumindest nicht explizit. Und weil Seeliger sich mit deutschsprachigen Gangstarap beschäftigt, verhält es sich mit den Klischees auch noch mal anders. Die nämlich werden in der Musik von Bushido, Sido und so weiter kaum gebrochen oder reflektiert, sondern als Selbstermächtigungsfantasien neu erzählt. Was zumindest eine Form von Aneignung darstellt.

Die Perspektive Martin Seeligers ist streng soziologisch, der Gegenstand wird auf der Basis einer Sozialstrukturanalyse betrachtet, die Gangstarap, so der Untertitel des Buches, »als Ausdruck sozialer Konflikte« versteht. Wo die Musik in erster Linie Ausdruck des Sozialen ist, geht es nicht zuerst um Ästhetik, sondern eben um Soziologie.

Der nüchtern akademische Duktus verbirgt, dass Martin Seeliger nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Fan ist (im Interview mit der Taz hat er gesagt:»Mich zieht das an, weil ich selbst nicht so bin. Ich kann ja keinen abziehen, die würden mich auslachen«). Das liest sich in seiner eventuell auch selbstironisch forcierten Umständlichkeit lustig, zum Beispiel bei der sachlich richtigen Diagnose, dass der »Sporttextilienmarke Lacoste (…) im Kontext des Gangstarap-Genres eine hohe Wertigkeit zugeschrieben wird«.

Gangstarap ist in dieser Perspektive der symbolische Kampf Marginalisierter um gesellschaftliche Anerkennung, der die Vermehrung symbolischen und ökonomischen Kapitals ermöglicht. Ein Kampf, in dem sich subversive, konservative und reaktionäre Momente überlagern. Anhand von Texten von Bushido, Sido, 187 Straßenbande, Kollegah und Schwesta Ewa arbeitet Seeliger heraus, wie sich im Genre eine realistisch anmutende Berichterstattung über die eigenen Lebensumstände mit einer Feier des zuerst prekären und dann glamourösen Gangsta-Lebens parallel läuft und beides Stoff für die Selbstinszenierung als Gangsta bildet, der es trotz aller Widerstände geschafft hat.

Dieses »Es -geschafft-haben«, indem man darüber rappt, wie man nach unten und nach oben gleichzeitig tritt, bleibt im Rahmen der neoliberalen Aufstiegserzählung und der mit ihr notwendig verbundenen Gewalt und Selbstzurichtungen.

Am Beispiel von Kollegah, der in seinem Lebensratgeber »Das ist Alpha!« prekäre Arbeitsverhältnisse als »moderne Sklavenverhältnisse« klassifiziert: »Anstatt die recht explizit geäußerte Kapitalismuskritik gegen das System zu wenden«, schreibt Seeliger, »interpretiert er sie in seinem Sinne gegen sich selbst.« Heißt: Wer es nicht schafft, sich genügend zu stählen und was im Weg ist plattzumachen, bleibt ein Lauch, der Lauf der Welt ist halt, wie er ist. Solidarität wäre Schwäche, wer was werden will, muss in der Lage und bereit sein, anderen aufs Maul zu hauen.

Klärend ist auch das Kapitel, das den Umgang der Medien mit dem deutschen Gangstarap rekonstruiert. Seeliger bestimmt vier Modi: Gangstarap als Bedrohung, als Ausdruck verwehrter Verbürgerlichung, Exotisierung von Fremdheit und Pekarität (Zitat aus einem Artikel: »Sie finden die Rapper in einer Sozialwohnung ohne Heizung, zu acht«) und Subversion, womit die Strategien gemeint sind, die Rapper verwenden, um die anderen drei Modi zu unterlaufen.

Die Logik, Ästhetik und Sprache des Genres ergibt sich in Seeligers Buch aus den medialen und sozialen Kontexten, in dem all das entsteht. In diesem dem Genre zugewandten analytischen Blick, der sich über seinen Gegenstand nicht erheben will, findet eine Kritik im Sinne einer Wertung des Ganzen ausnahmsweise mal nicht statt, stattdessen wird kontextualisiert, ausgiebig. Am Ende kann die Leser*in selbst entscheiden, wie man das alles findet. Und bevor man da was bewertet, ist es gut, eine Analyse zu haben, die soziale Welten aufeinander bezieht und nicht die eine schlicht als das kategorisch Andere versteht.

Sexismus, Misogynie, Homophobie, Verschwörungstheorie und was man dem Gangstarap noch vorwerfen kann, sind keine Phänomene der Ränder, das findet man auch in den sogenannten bürgerlichen Kreisen. Aus denen heraus man sich gerne über das Treiben an den Rändern beschwert, wenn es da wieder mal drastisch und hässlich zugeht. Und nicht subtil und anspielungsreich. Nach unten getreten jedenfalls wird aller Orten, so geht das halt mit der Karriere auf dem freien Markt. Solidarität könnte vielleicht helfen. Oder wenigstens die Musik von Kendrick Lamar.

Nicklas Baschek: Kendrick Lamar: »Living life like rappers do« .Reihe Testcard Zwergobst . Ventil, 120 S., brosch., 14 €.

Martin Seeliger: Soziologie des Gangstarap: Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte (HipHop Studies, 2). Beltz Juventa, 234 S., brosch., 16,95 €.

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