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Südostasiens Erfolg gegen Corona ist brüchig

Wenige Impfstoffe und neue Virusvarianten wie in Vietnam lassen Fallzahlen ansteigen

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 3 Min.

Was das Gesundheitsministerium in Hanoi am vergangenen Wochenende vermeldete, bietet mal wieder Grund zu Sorge. Eine in Vietnam entdeckte Mutante des Coronavirus Sars-CoV-2 zeigt Eigenschaften jener Mutationen auf, die zuvor in Großbritannien und Indien gefunden worden waren. Sie ist wie diese möglicherweise besonders infektiös. Wie viele Menschen damit infiziert sind, wird aber gerade erst ermittelt. Am Montag startete ein Test für die gesamte Bevölkerung der größten Metropole des Landes: Ho-Chi-Minh-Stadt mit rund neun Millionen Einwohnern.

Das 96-Millionen-Land in Südostasien war bisher gut durch die Pandemie gekommen. Kaum 50 Todesfälle wurden registriert, die Infektionszahl liegt mit bisher rund 7000 auch sehr niedrig. Allerdings ist mehr als die Hälfte davon im vergangenen Monat bekanntgeworden.Wird also nun auch Vietnam von einer größeren Welle heimgesucht? In Ho-Chi-Minh-Stadt werden die Menschen jedenfalls angehalten, nur noch für notwendige Besorgungen das Haus zu verlassen. Lokale, Friseursalons, Gebetsstätten und dergleichen mussten diese Tage schließen. Auch die Abstandsregeln wurden wieder verschärft.

Es ist eine Beschreibung, die sich grob auch auf ganz Südostasien übertragen lässt. Nicht nur Vietnam hat in der Pandemie lange Zeit als Positivbeispiel in Bezug auf Infektionsvorsorge gegolten. Die ganze Region fiel dadurch auf, dass trotz einer vielerorts hohen Bevölkerungsdichte und begrenzter Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung die Ansteckungszahlen gering blieben. Als verantwortlich dafür galten schnelle Grenzschließungen, harte Quarantäne- und Abstandsregeln, diszipliniertes Masketragen und womöglich auch das heiße, schwüle Klima.

Doch lassen sich damit auch die Mutanten von Sars-CoV-2 aufhalten, derer allein in Vietnam mittlerweile sieben verschiedene registriert wurden? Die Inzidenzen in den Philippinen, Thailand und Kambodscha liegen derzeit mit um die 30 im Sieben-Tage-Schnitt in etwa so hoch wie in den USA, Deutschland und Großbritannien. In Vietnam liegen sie mit 1,9 deutlich darunter, in Malaysia mit 165,1 um ein Vielfaches darüber.

Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie schnell es gehen kann. So machte in Kambodscha ein Fall von vier Touristen aus China Schlagzeilen, die im Februar aus Dubai ins Land eingereist waren und sich nicht an die Quarantänevorschriften halten wollten. Sie bestachen offenbar einen Offiziellen, besuchten Nachtclubs und steckten mehrere Menschen an. Bald sprangen die täglichen Neuinfektionszahlen von rund zehn auf knapp 500. Die Regierung reagierte mit einem strengen Lockdown und der Drohung, dass Zuwiderhandlungen mit langen Gefängnisstrafen geahndet würden.

Doch wie erfolgreich solche Maßnahmen langfristig sind, ist ungewiss. Bis auf den wohlhabenden Stadtstaat Singapur sind die Länder Südostasiens von Arbeitsmärkten mit Tagelohnjobs geprägt und bisweilen eher hohen Zahlen von Personen pro Haushalt. So ist erstens das Zuhausebleiben oft aus finanziellen Gründen nur kurz durchzuhalten. Und zweitens hat häufig nicht jede Person ein Zimmer für sich.

Besonders schwierig ist es in den Staaten, die die Uno zu den »least developed countries« zählt, also den ökonomisch am wenigsten entwickelten: Laos, Kambodscha, Osttimor und Myanmar. Besonders groß ist die Unsicherheit in Myanmar, wo seit dem Putsch im Februar täglich auf den Straßen protestiert und unter anderem auf Krankenhäuser geschossen wird. Offizielle des Gesundheitssystems befinden sich zu großen Teilen im Streik gegen das Militärregime. Mit dem Putsch haben die Behörden daher praktisch auch aufgehört, Infektionszahlen zu dokumentieren.

Die meisten Länder Südostasiens sind auf Impfstofflieferungen durch den internationalen Mechanismus Covax oder aus China angewiesen. Hinter Singapur, wo schon mehr als ein Drittel mindestens eine Impfung erhalten hat, führt Kambodscha mit einer derzeitigen Impfquote von 15 Prozent das Feld an. In Laos sind es bisher rund acht, in Indonesien, Osttimor und Malaysia ungefähr sechs Prozent, die Philippinen und Thailand liegen leicht dahinter. Vietnam will wegen der angespannten Beziehungen zu Peking bisher keine chinesische Impfstoffe und ist mit etwa ein Prozent Impfquote Schlusslicht.

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