Stichwahl der Extreme

In Peru trifft der linke Grundschullehrer Pedro Castillo auf die rechte Berufspolitikerin Keiko Fujimori

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 4 Min.
Die indigene Bevölkerung hat laut Umfragen eindeutig mehr Sympathien für Pedro Castillo.
Die indigene Bevölkerung hat laut Umfragen eindeutig mehr Sympathien für Pedro Castillo.

Viel konträrer geht es nicht: Ein bekennender Marxist-Leninist gegen eine bekennende Ultrarechte. Ein Grundschullehrer gegen eine Berufspolitikerin. Kurzum: Pedro Castillo gegen Keiko Fujimori, die einst mit 19 Jahren die Rolle der First Lady unter ihrem Vater Alberto Fujimori einnahm, der Peru von 1990 bis 2000 regierte und wegen Menschenrechtsverbrechen im Gefängnis sitzt. Gewinnt Keiko Fujimori, gegen die wegen Korruption ermittelt wird, die Stichwahl am Sonntag, würde sie ihren Vater und Ex-Diktator Alberto Fujimori begnadigen. Pedro Castillo würde im Fall seines Wahlsieges versuchen, seinen Slogan umzusetzen: »Keine Armen mehr in einem reichen Land«.

Victoria Vigo ist nicht überrascht über die Dreistigkeit, mit der Keiko Fujimori die Politik der Zwangssterilisationen unter ihrem Vater leugnet. »Sie hat das, was uns widerfahren ist, nicht zum ersten Mal als Programm zur Familienplanung dargestellt. So hat es die Regierung ihres Vaters damals auch vertreten, internationale Gelder eingeworben. Nur dass es Zwang gab, dass es vor allem indigene Frauen waren, die sterilisiert wurden, das ist verschwiegen worden«, so Vigo, die 1996 ohne ihr Wissen sterilisiert wurde und als erste Peruanerin klagte.

Der Prozess gegen Ex-Diktator Alberto Fujimori und die zuständigen Gesundheitsminister läuft seit ein paar Monaten, und für die Opfer, rund 300 000 Frauen und 20 000 Männer meist indigener Herkunft, ist er ein Hoffnungsschimmer. Sie werden kaum für die Tochter des Despoten stimmen, die zwar in Lima alle Umfragen anführt, aber außerhalb der Zehnmillionenmetropole weit hinter Castillo zurückliegt. Der Grundschullehrer aus der rund 800 Kilometer nördlich von Lima gelegenen Kleinstadt Chota ist der Kandidat derjenigen, die sich schon lange nicht mehr gehört fühlen, meint Salomón Lerner, der ehemalige Vorsitzende der Wahrheitskommission zur Aufarbeitung des bewaffneten Konflikts in Peru 1980 bis 2000, »der mies bezahlten Lehrer in den ländlichen Regionen, aber auch der vielen einfachen Bauern, die von der Politik lange nicht beachtet wurden«. Lerner hat immer wieder für mehr Bildung und die Förderung der ländlichen Regionen plädiert - Castillo will das real durchsetzen, falls er die Mehrheit der Stimmen erhält.

»Wenn Castillo gewinnt, wäre das eine Sensation, denn der 51-jährige Dorflehrer ist vor allem ein Produkt der latenten politischen Krise in Peru«, so Carlos Monge, Historiker und Lateinamerika-Koordinator des Natural Resource Governance Institute in Lima. Castillo sei der Kandidat des Protests gegen das korrupte politische Establishment, aber auch Symbol für eine gewisse Demokratiemüdigkeit nach mehr als zwei Jahrzehnten mit immer neuen Korruptionsskandalen.

Gegen alle Präsidenten in den vergangenen 30 Jahren wurde wegen Korruption ermittelt, und das galt auch für 6 der 18 Kandidaten im ersten Wahlgang. Keiko Fujimori gehört dazu, Pedro Castillo aber eben nicht. Während gegen die Tochter von Fujimori weiterhin wegen illegaler Wahlkampffinanzierung durch den brasilianischen Baukonzern Odebrecht ermittelt wird, liegt gegen Pedro Castillo nichts vor. Ein Pluspunkt für den Grundschullehrer, der hoch zu Ross und mit einem Cowboyhut auf dem Kopf zum ersten Wahlgang einritt. Das ist auch am kommenden Sonntag zu erwarten, und dann wird sich herausstellen, ob der Pädagoge seinen Vorsprung aus den Meinungsumfragen von zwei bis sieben Prozentpunkten wirklich ins Ziel rettet. Dafür spricht, dass Castillo nun auch ganz offiziell eine Erklärung unterzeichnet hat, dass er durch eine Verfassungsnovelle Peru ähnlich wie die Nachbarländer Ecuador und Bolivien zum »plurinationalen« Staat erklären will, der die Selbstbestimmung der indigenen Völker als Nationen garantiert.

Ein plurinationaler Staat wäre für Peru, wo Diskriminierung und Rassismus durchaus verbreitet sind, ein revolutionärer Schritt. Das könnte dem durch die Mitarbeit in der Lehrergewerkschaft Sutep geschulten Castillo zusätzliche Stimmen bringen. Die konservative Allianz, die sich hinter Keiko Fujimori versammelt hat, versucht das mit typischen Parolen zu verhindern. Castillo werde die Wirtschaft ruinieren und den Terrorismus zurückbringen, heißt es gern in konservativen Medien.

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Die Ankündigungen Castillos, das Verfassungsgericht zu entmachten, die Verfassung von 1993 durch eine neue zu ersetzen und die Medien zu regulieren, wenn er an die Macht käme, haben ihm allerdings auch kritische Fragen von Nichtregierungs- und Presseorganisationen eingebracht. Ohnehin sei der zweite Wahlgang eine Wahl zwischen Pest und Cholera, meint die Berliner Peru-Spezialistin Bettina Schorr. Sie sieht mit keinem der konträren Kandidat*innen bessere Zeiten anbrechen. Eine Einschätzung, die Salomón Lerner teilt. »Unser politisches System steht vor einer Zerreißprobe, und die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft ist beinahe greifbar«, warnt der emeritierte Professor.

Antifujimoristas und Anticomunistas stehen sich am 6. Juni an den Urnen gegenüber und der Ausgang ist offen.

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