»Eine Scheidung kommt nicht in Frage«

Mit feministischem Witz erzählt die mazedonische Autorin Rumena Bužarovska in »Mein Mann« vom Frausein

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 4 Min.
Belastende Paarbeziehungen: Rumena Bužarovska führt in ihren Erzählungen verinnerlichte patriarchale Zwänge vor.
Belastende Paarbeziehungen: Rumena Bužarovska führt in ihren Erzählungen verinnerlichte patriarchale Zwänge vor.

Mein Mann - das ist ein eitler Gynäkologe, der sich für einen Dichter hält, ein manipulativer Ehebrecher, der gerne laut das Wort »Fotze« brüllt, oder ein »echter Gentleman«, der seiner Frau einen Liebhaber sucht, wenn er selbst keinen Sex mehr haben kann. Im Erzählungsband »Mein Mann« der mazedonischen Autorin Rumena Bužarovska schildern Frauen das Leben mit ihren mehr oder weniger unerträglichen Ehemännern. Doch nicht nur mit denen müssen sie fertig werden, sondern auch mit Rollenerwartungen, Alltagssexismus und Schönheitsidealen.

Gleich die erste Geschichte überzeugt mit viel feministischem Witz. Die Ich-Erzählerin rechnet mit der Eitelkeit ihres Ehemanns ab, der sich für den Größten hält. Von der anfänglichen Faszination für den Gynäkologen mit poetischer Ader ist nach einigen Ehejahren nicht mehr viel übrig: »Wenn ich ihn dann so mitten im Wohnzimmer stehen sah, im scharfen Licht der Deckenlampe, das seine knollige Nase und seinen ungesunden Teint betonte, begriff ich langsam, dass seine Gedichte nicht besonders gut sind.« Die Erzählerin entlarvt nicht nur das Nervige an ihrem Partner, der keine Kritik erträgt und keinen Widerspruch duldet, sondern sie reflektiert auch, wie sie sich selbst lange kleingemacht hat, um ihn nicht zu kränken.

Auch in anderen Erzählungen geht es um mehr oder minder geglückte Ausbrüche aus belastenden Paarbeziehungen. Doch nicht immer sind die Geschichten empowernd, nicht alle von Bužarovskas Protagonistinnen sind emanzipiert und reflektiert. Einige fügen sich auch recht widerstandslos in die Erwartungen, die ihr Umfeld an sie stellt. Und das heißt vor allem: eine gute Mutter und gehorsame Ehefrau zu sein. Statt Hoffnung und Aufbruchsstimmung vermitteln die Geschichten dieser Frauen die bittere Realität der patriarchalen Gesellschaft. Es sind Frauen, die sich verbiegen, um ihren Männern zu gefallen, die sich von ihnen beschimpfen lassen und sich aus Angst nicht wehren. Zu anderen Frauen stehen sie in Konkurrenz, statt Solidarität gibt es Eifersucht. Einige der Figuren beschimpfen andere Frauen konsequent als »Nutten«.

Die passenderweise mit »8. März«, also dem Datum des Weltfrauentages, betitelte Geschichte führt den offenen Sexismus im beruflichen Kontext gekonnt vor. Und das Schlimmste daran ist: Er geht nicht nur von Männern aus. Bei der Firmenfeier stimmt die Ich-Erzählerin am lautesten mit ein, als es darum geht, der unverheirateten Kollegin ohne Make-up zu erklären, wie viel netter und glücklicher sie wäre, wenn sie etwas für ihr Aussehen tun würde. Auch heiraten sollte sie dringend, denn bald sei der Zug abgefahren, die Uhr tickt usw. Als die Angesprochene nach längerer Diskussion wütend fragt: »Was geht euch meine Möse an? Ich mische mich ja auch nicht in eure Geschlechtsorgane ein!«, reagieren die anderen mit Unverständnis. Später freut sich die Ich-Erzählerin dann sehr über das Kompliment eines Kollegen: »Du bist geistreich. Das ist selten bei Frauen.« Es freut einen beim Lesen, dass der Abend für diese beiden nicht besonders glamourös endet.

Doch der geschilderte Firmenfeiersexismus ist noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zu der Erzählung »Ehebrecher«. Darin geht die Figur Zoran nicht nur fremd, sondern stimmt auch regelmäßig verletzende Schimpftiraden gegen seine Frau Tanja an: »Du LEBST von dem, was ich VERDIENE. Du fährst in den URLAUB und gehst zur MANIKÜRE, zur PEDIKÜRE und zur KOSMETIKERIN, und all das von dem Geld, das ICH nach Hause bringe! … Und jetzt mischst du dich in meine Angelegenheiten ein? Du Miststück, du Müllhaufen, ich scheiß auf dich!« Aber Tanja denkt nicht daran, sich zu trennen. Stattdessen richtet sich ihr Hass auf die potenziellen Geliebten des Mannes. Und falls es Zweifel gegeben haben sollte, macht die Mutter sofort klar, wie es läuft: »Er ist dein Mann. Du hast ihn dir ausgesucht, du musst ihn ertragen. Eine Scheidung kommt nicht in Frage.«

Nicht nur die Männer sind die Unterdrücker in Bužarovskas Erzählungen, sondern auch die Frauen selbst, die frauenfeindliche Strukturen reproduzieren. Sie sind es gewohnt, sich zu fügen, sich unterbuttern zu lassen, und sie haben Angst, ihren Mann zu verlieren, auch wenn er noch so gewalttätig und einengend ist. Das ist teilweise erschütternd zu lesen. Vor allem die Erzählung »Lile« hat es in sich. Die Ich-Erzählerin bringt aus Angst vor ihrem Mann die verletzte Tochter nicht ins Krankenhaus. Der könnte so nämlich herausfinden, dass sie zu ihrer Mutter gefahren ist, obwohl er es verboten hatte. Die Furcht vor seiner Reaktion ist größer als die Sorge um das Leben ihres eigenen Kindes.

Sprachlich sind Bužarovskas Erzählungen nicht besonders komplex, aber sie treffen immer ins Schwarze: Persönliche Schwächen werden genauso gnadenlos vorgeführt wie die verinnerlichten patriarchalen Zwänge. Eine intensive feministische Lektüre und eine gute Gelegenheit, Literatur aus Nordmazedonien kennenzulernen, denn die wird nicht besonders häufig ins Deutsche übersetzt.

Rumena Bužarovska: Mein Mann. Stories. A. d. Mazedonischen von Benjamin Langer. Suhrkamp, 171 S., geb., 22 €.

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