Der Code ist politisch

Blockchains laufen jenseits staatlicher Kontrolle. Mit Neutralität hat das nichts zu tun

Datenstruktur + Konsensbildung = Blockchain. Alles klar?
Datenstruktur + Konsensbildung = Blockchain. Alles klar?

Am 17. Mai stellte Martin Kaloudis, Geschäftsführer der BWI GmbH, ein bundeswehrnaher IT-Dienstleister, auf Twitter ein Projekt zum Thema »digitale Identitäten« vor: Die Staatsministerin Dorothee Bär checkte komplett digital per App in einem Hotel ein. »Via App«, so warb Kaloudis, »wird der Hotel-Check-In künftig digital - und dank Blockchain sicher«.

Die Idee der »Blockchain« taucht in den letzten Jahren immer wieder auf: als Technologie für nicht manipulierbare digitale Identitäten, als Basis für digitales Geld, zur digitalen Steuerung von Lieferketten und in vielen anderen Bereichen. Sie gilt (für einige) als zentrales Element auf dem Weg zu einer digitalisierten Gesellschaft. Doch was genau ist eine Blockchain?

Blockchains beruhen vor allem auf zwei Komponenten: Eine Datenstruktur und ein Verfahren zur Konsensbildung. Denn Blockchains wurden für einen Einsatz in Bereichen konzipiert, in denen man niemandem trauen kann und will: Der Code und die Struktur müssen sicherstellen, dass keine einzelne Person oder Organisation im dezentralen Netzwerk die Kontrolle innehat. Alle Teilnehmer*innen des Netzwerks haben Zugriff auf alle Daten, so dass alle jederzeit jede Bewegung der »Token«, also etwa der Bitcoins, sowie jede Datenveränderung kontrollieren können.

Die Datenstruktur, die man dafür einsetzt, stammt aus den 1970er Jahren, und wird Merkle Tree genannt. Merkle Trees basieren darauf, dass man neue Daten in »Blöcke« zusammenfasst, die miteinander verkettet sind: Jeder Block ist eindeutig mit seinem Vorgänger verbunden über seinen »Hash«. Ein Hash ist eine Prüfsumme, die aus den Daten innerhalb des Blocks berechnet wird. Würde also jemand einen Block manipulieren, würde sofort auffallen, dass sein Hash sich verändert hat und nicht mehr passt. Das funktioniert sehr zuverlässig, hat aber als Nebeneffekt, dass man Daten nicht löschen oder nachträglich verändern kann: Man kann immer nur neue Blöcke hinzufügen.

Konsensbildung ist ein Problem, mit dem sich Blockchains beschäftigen müssen, weil sie keiner Entität vertrauen wollen: Es gibt keinen zentralen Server, der neue Blöcke hinzufügt oder bestimmt, wer das tun darf, sondern das Netzwerk aller Teilnehmer*innen der Blockchain muss gemeinsam zu einem Konsens darüber kommen, was der nächste Block sein soll. Es gibt dazu im Moment ein paar typische Verfahren wie zum Beispiel das von den bekanntesten Blockchains eingesetzte »Proof of Work«: Hierbei versuchen die Teilnehmer*innen des Netzwerks durch das Raten von Zahlen für ein spezielles Feld im Block einen Hash zu erzeugen, der bestimmten Eigenschaften entspricht. Wer diese Aufgabe zuerst löst, darf den nächsten Block hinzufügen. Dann geht das Spiel wieder von vorne los. Es gibt auch noch andere Verfahren wie »Proof of Stake«, bei dem die Personen, die am meisten in die jeweilige Blockchain investiert haben, entscheiden dürfen, wie der nächste Block aussehen soll.

Die bekanntesten Blockchains im Moment sind vor allem Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Diese sind im eigentlichen Sinne keine Währungen, sondern komplett unregulierte Wert»papiere«, deren Kurse vor allem durch extreme Schwankungen charakterisiert sind. So ist es nicht ungewöhnlich, dass der Kurs des Bitcoin an einem Tag um mehrere tausend Euro fällt oder steigt. Bitcoin basiert auf dem oben beschriebenen »Proof of Work«-Verfahren, und das Bitcoin-Netzwerk verbraucht derzeit etwas mehr Strom als die Niederlande. In der Liste der Länder mit dem größten Energieverbrauch wäre Bitcoin heute auf Platz 33 mit aufstrebender Tendenz. Mit dieser Energie schafft es Bitcoin, ca. 4,5 Transaktionen pro Sekunde abzuwickeln. Eine ziemlich miese Bilanz, wenn es einem um die Abwicklung von Buchungen geht, aber den Bitcoinern geht es um die Sache.

Blockchains sind eine sehr spezialisierte Technologie, die für besondere Kontexte entwickelt wurde: Situationen, in denen viele Teilnehmer*innen eine gemeinsame Datenbank brauchen, sie sich aber absolut nicht vertrauen können und wollen. Und wie bei jeder Technologie sind solche Features mit Einschränkungen verbunden: Blockchains funktionieren ohne zentrale Server, dafür müssen alle Teilnehmer*innen zum Beispiel eine vollständige Kopie der Blockchain auf ihrem System haben, um alle neuen Blöcke kontrollieren zu können. Blockchains bieten die Möglichkeit, fälschungssicher Daten dezentral zu speichern, dafür sind sie extrem langsam, weil es sehr lange dauert, bis sich das Netzwerk geeinigt hat, wie der nächste Block aussehen soll. Für spezielle Probleme mögen Blockchains vielleicht eine passende Lösung darstellen, in der Realität befinden wir uns allerdings nur sehr selten in Situationen, in denen wir niemandem trauen können und wollen. Warum wird Blockchain trotzdem so offensiv beworben?

In seinem Buch »The Politics of Bitcoin: Software as Right-Wing Extremism« zeichnet der US-Wissenschaftler David Golumbia die Entstehungsgeschichte der bekanntesten Blockchain Bitcoin nach und illustriert, wie sehr die technischen Designentscheidungen der Technologie auf politischen Grundsätzen fußen: So soll die Blockchain es etwa Staaten unmöglich machen, in den Datenverkehr einzugreifen. Das mag konsensfähig sein, wenn es um staatliche Zensur geht, schließt aber auch ein, dass kein Gericht erzwingen kann, dass zum Beispiel gestohlene oder durch Betrug erschlichene Bitcoins zurückgegeben werden. Blockchains wurden aus einer fast antipolitischen Haltung heraus entwickelt: Es sollte nicht nur möglich sein, am Staat und insbesondere an dessen Steuerermittler*innen vorbei »Geld« zu bewegen, sondern es sollten Strukturen entwickelt werden, die die Normen und Gesetze einer Gesellschaft durch in Computercode formulierte Verträge ohne die klassischen Mechanismen zum Schutz vor Betrug oder Übervorteilung ersetzen.

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Neben den Bitcoin-Spekulant*innen, den Beratungsfirmen und Wissenschaftler*innen, die durch die Werbung für Blockchain versuchen, einen schnellen Euro zu machen, sind einige der Vertreter*innen der Blockchain-Technologie auf weit weniger kurzfristige Trophäen aus. Sie sind vor allem daran interessiert, die Ideologie des Neoliberalismus durch Code noch tiefer in der Welt zu verankern: Ob gefordert wird, Impfpässe oder das Grundbuch in Blockchains zu schreiben, das Ziel ist immer, hoheitliche Aufgaben aus demokratisch legitimierten und kontrollierten Institutionen in private Unternehmen zu verlagern und die klassischen Mechanismen des Ausgleichs von Machtgefällen abzuschaffen und durch Code zu ersetzen: Wo heute selbstverständlich ist, dass mir eine Rückzahlung zusteht, wenn ich von jemandem betrogen wurde, wird in der Blockchain per Code festgeschrieben, dass man das leider nicht erzwingen kann. Jedes Risiko wird verlagert auf das Individuum, das hoffentlich niemals einen Virus auf dem Rechner hat, aus Versehen den falschen Link anklickt oder einfach klassisch betrogen wurde. Jede*r kann frei Verträge abschließen und trägt das volle Risiko.

Im politischen Projekt »Blockchain« wird versteckt im trojanischen Pferd der Digitalisierung durch eine Softwarearchitektur ein politisches Programm eingeschleust, um es an jedem demokratischen Prozess vorbei zur materiellen Realität zu machen. Blockchain ist bei Weitem nicht nur ein technisches Umsetzungsdetail, sondern transportiert - noch mehr als viele andere Softwareplattformen - eine politische Ideologie. Eine Ideologie, die gerade in Modellprojekten überall in der öffentlichen Verwaltung tief und unveränderbar verankert werden soll.

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