Der am meisten gefolterte Mann

Berlinale Special Gala: Mit «The Mauritanian» wird die Berlinale eröffnet

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 3 Min.

The Mauritanian« erzählt die Geschichte des ehemaligen Guantanamo-Häftlings Mohamedou Ould Slahi, dessen Fall bis zu seiner Entlassung im Jahr 2016 für großes Aufsehen sorgte und der bis heute als der am meisten gefolterte Mann von Guantanamo gilt. Noch in Haft hatte er auf Englisch, das er überwiegend in seiner Haftzeit gelernt hatte, seine Erinnerungen aufgeschrieben.

Im Jahr 2001 war Slahi in Mauretanien festgenommen, zunächst vor Ort verhört und schließlich im August 2002 nach Guantanamo gebracht worden. Dort verblieb er letztlich 14 Jahre, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben worden wäre.

Der Film von Regisseur Kevin Macdonald (»Ein Tag im September«) konzentriert sich auf die brutale Misshandlung Slahis durch das US-Militär, das ihn für einen der Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center in New York hielt, und schließlich die Feststellung eines Gerichtes, wonach Slahi aus der Haft zu entlassen sei, da seine Inhaftierung rechtswidrig sei. Erst 6 Jahre später konnte er tatsächlich das Gefängnis verlassen.

»The Mauritanian« ist unübersehbar für das große Publikum konzipiert und inszeniert und macht aus dem Stoff, der bereits gut dokumentiert ist, einen Thriller, der mit sich selbst aber oft nicht recht weiß, wohin. Um überhaupt eine hollywoodreife Geschichte erzählen zu können, setzt Macdonald auf eine Mischung aus Justiz- und Gefängnis-Drama mit der personalen Zuspitzung Staatsanwalt vs. Rechtsanwältin sowie teilweise extremen Folter-Darstellungen. Er versucht, aus einem diffizilen Fall eine konventionelle Story zu stricken, was angesichts der tatsächlichen Vorgänge kaum hinreichen kann. So zeigt der Film zwar einerseits den Skandal und will das Publikum unübersehbar aufwühlen, die politischen Strukturen jedoch, die die teilweise Außerkraftsetzung der US-amerikanischen Verfassung ermöglicht haben, bekommt er nicht zu fassen. Als irgendwie Bösewichte fallen die Namen Rumsfeld und Obama, mehr hat Macdonald dazu nicht zu sagen. Stattdessen lässt er seinen Helden vor Gericht pathetische Reden auf westliche Werte und insbesondere US-amerikanische halten. Die drastische Darstellung läuft so als reine Empörung letztlich ins Leere, es wird zwar eine krasse Ungerechtigkeit und Amoralität gezeigt und durch die Justiz-Nebenhandlung auch kontextualisiert, die präsentierten Figuren im Film sind aber durchweg integer und moralisch.

Macdonalds Film enthält ein zentrales Problem linksliberaler Kritik gewissermaßen als Anschauungsunterricht: Man ist moralisch ehrlich empört, man blickt auf eine unfassbare Ungerechtigkeit, hat aber keinen Zugang zu kategorialer Kritik, da der Nationalstaat (und mit ihm der Kapitalismus) als politisches System nicht grundsätzlich infrage gestellt werden darf. Da sich der Liberale jede Form radikaler Staatskritik verbitten und verbieten muss (schließlich ist er selbst Angehöriger der Bourgeoisie), bleibt ihm nichts als Empörung und schlichtes Anprangern. Und daran scheitert »The Mauritanian«.

Dabei ist der Film formal durchaus gelungen und auch ein kurzweiliges Thriller-Vergnügen. Insbesondere Tahar Rahim (derzeit auf Netflix in »Die Schlange«) als Slahi legt einen furiosen Auftritt hin, friert, hungert, magert ab, wird mit Death-Metal-Musik beschallt, watergeboardet, sexuell misshandelt und unterschreibt schließlich als körperliches und seelisches Wrack jenes Geständnis, das später weder der Staatsanwalt Lt. Couch (Benedict Cumberbatch) noch der zuständige Richter gelten lassen wollen. Das Staraufgebot in »The Mauritanian« wird ergänzt durch Jodie Foster, die für ihre Darstellung der Slahi-Anwältin Nancy Hollander einen Golden Globe erhielt, und Shailene Woodley als Hollanders Assistentin.

Am Ende sehen wir den echten Slahi fröhlich ein Bob-Dylan-Lied mitsingen. Der Mann hat offenbar seinen Frieden mit der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, gemacht. So verständlich das für Slahi als Person ist, sollte sich die Öffentlichkeit diesen Frieden nicht zu eigen machen, auch nicht in einem Film wie »The Mauritanian«.

»The Mauritanian«: Vereinigtes Königreich 2021. Regie: Kevin Macdonald. Termine: 9.6., 21.30 Uhr, u. a. Freiluftkinos Friedrichshain, Friedrichshagen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung