Nowitschok ist überall

»Der Giftanschlag von Salisbury« erzählt vom Angriff auf Sergej Skripal - zum Glück nicht als Agententhriller

Erst als Ermittler unterwegs, bald selbst Vergiftungsopfer: Polizist Nick Bailey in »Der Giftanschlag von Salisbury«
Erst als Ermittler unterwegs, bald selbst Vergiftungsopfer: Polizist Nick Bailey in »Der Giftanschlag von Salisbury«

Es mag eine Binsenweisheit sein, aber das Leben schreibt bekanntlich oft bessere Geschichten als alle »Writers’ Rooms« der Erde, wie Filmautorenkollektive heutzutage genannt werden. Das Leben schrieb also auch die folgende Story: Ein russischer Spion wird wegen seiner Tätigkeit für Nachrichtendienste rivalisierender Nationen enttarnt und taucht nach vierjähriger Haft im britischen Exil unter, wo ihn der skrupellose Autokrat seiner alten Heimat mit einem Kampfstoff aus sowjetischer Produktion vergiften lässt und dabei so rücksichtslos vorgeht, dass die Kontamination des halben Ortes zur diplomatischen Eskalation zweier Atommächte führt.

Klingt etwas nach 007, spielt aber im südenglischen 08/15-Städtchen Salisbury, wo es zudem kein mysteriöser Bösewicht à la Goldfinger, Blofeld oder Hugo Drax auf Sergej Skripal abgesehen hat, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach der, nun ja: zumindest anfangs noch demokratisch gewählte Staatspräsident Wladimir Putin. Von Geheimagenten bis Superschurken bietet »Der Giftanschlag von Salisbury« natürlich trotzdem Stoff für aufregendes Serienentertainment. Und hätten, sagen wir, ARD oder ZDF ihre Finger drin, würde ein MI5-Spitzel (Jürgen Vogel) vermutlich Jagd auf Putin (Heino Ferch) und seine Schergen (Sascha Alexander Geršak) machen.

Wie gut, dass der gleichnamige Vierteiler aus Sergej Skripals Wahlheimat stammt und einen völlig anderen Fokus setzt als auf die Hintermänner eines beispiellosen Verbrechens mit der tödlichen Chemiewaffe Nowitschok. Unter dem sehr viel treffenderen Originaltitel »The Salisbury Poisonings« begeben sich die Autoren Declan Lawn und Adam Patterson nämlich nicht global, sondern lokal auf die Spurensuche eines Terrorangriffs, dessen primäres Ziel vergleichsweise glimpflich davonkam. Schließlich hat »Der Giftanschlag von Salisbury« vielzählige Menschenleben als »Kollateralschaden« zumindest in Kauf genommen.

Weil Regisseur Saul Dibb eher deren Schicksal als das zweier Staatsapparate im Nah- und Fernkampf erzählt, passt die wahre Geschichte übrigens so gut in unsere Zeit. Als Skripal (Wayne Swann) und seine Tochter Julia (Jill Winternitz) zuckend auf einer Parkbank inmitten der belebten City kollabieren, wird diese nämlich von Menschen in beängstigenden Ganzkörperschutzanzügen heimgesucht, die dem Arte-Publikum am Sonntag ein schauriges Gefühl von Bergamo vor gut einem Jahr bescheren werden. Doch nachdem die Serie so an Virenthriller wie »Outbreak« erinnert, wird sie zügig zur Milieustudie einer ländlichen Gemeinde, die unversehens ins Kreuzfeuer zwischenstaatlicher Konflikte gerät.

Hauptfigur dieses bodenständigen Katastrophenfilmformats ist deshalb Tracy Daszkiewicz (Anne-Marie Duff), Leiterin der örtlichen Gesundheitsbehörde und als solche weit weniger mit weltpolitischer als mit regionalhygienischer Problemlösung befasst. Nach dem Fund der Skripals allerdings häuft sich die Zahl beiläufig Betroffener. Dass Polizist Nick Bailey (Rafe Spall), der als erster am Tatort war, bald Vergiftungssymptome zeigt, scheint noch nachvollziehbar. Dass die unbeteiligte Dawn Sturgess (MyAnna Buring) jedoch ins Koma fällt, weil sie Monate später im Stammlokal der Anschlagsopfer saß, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: Nowitschok ist überall. Und bleibt sehr lange gefährlich.

So füllt »Der Giftanschlag von Salisbury« bei aller fiktionalen Spannung ein Vakuum wahrhaftiger Fernsehunterhaltung mit der Atemluft echter Menschen, ohne nur dramaturgisches Accessoire zu sein: die Wirkung realpolitischer Großereignisse auf Land und Leute. Dass die Russen im Spiel sind, wird schließlich erst zum Ende der ersten Folge berichtet, der Name Putin fällt ganz nebenbei am Anfang der zweiten. Die Serie hat eben spürbar andere Intentionen, als politische Anklagen zu erheben; es geht ihr um echte Menschen im Sog der Geschichte. Kurz vorm Abspann zeigt Saul Dibb die Überlebenden daher in Fleisch und Blut. Es ist ein wohltuender Moment am Ende einer bedrückenden, aber erhellenden Fernsehserie.

»Der Giftanschlag von Salisbury«, ab Sonntag auf Arte

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung