Ein anarchischer Sherlock Holmes

Der Gentleman-Dieb: Netflix setzt die Erfolgsserie »Lupin« mit einer zweiten Staffel fort

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Die eine oder der andere dürfte im Januar dieses Jahres einigermaßen verblüfft gewesen sein, als die wirklich spannende Netflix-Krimiserie »Lupin« nach gerade einmal fünf Folgen mit einem dramatischen Cliffhanger zu Ende ging. Bei vielen entstand gar der Eindruck, als würden einfach Folgen fehlen. Aber die erste Staffel der Serie »Lupin« endet tatsächlich damit, dass ein Schurke den Sohn des titelgebenden Tausendsassas in der Normandie im Küstenort Étretat entführt. Dabei handelt es sich nicht nur um den früheren Wohnort des Schriftstellers und Erfinders der Kunstfigur Arsène Lupin, Maurice Leblanc, sondern dort befindet sich heute auch ein Lupin-Museum.

Die nächsten fünf Folgen liefert Netflix jetzt ein halbes Jahr später in Form einer zweiten Staffel nach, die direkt an die Ereignisse der Entführung des jungen Raoul anschließt. Die zeitgemäße Serienadaption der französischen Kult-Krimi-Romanreihe »Arsène Lupin« aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war international recht erfolgreich. Die Netflix-Serie setzt den Stoff um den Gentleman-Dieb, der als anarchisches und weniger gesetzestreues Gegenstück zu Sherlock Holmes gesehen wird, sehr flott um.

In der Geschichte um den in Paris lebenden Assane Diop (Omar Sy), der sich am Unternehmer Hubert Pellegrini (Hervé Pierre) rächen will, weil der seinen aus dem Senegal eingewanderten Vater Babakar (Fargass Assandé) als Bauernopfer für einen Millionenbetrug ins Gefängnis gebracht hatte und der dort in seiner Verzweiflung Selbstmord beging, geht es auch immer wieder um Klassenunterschiede und Rassismus. Das macht aus der spannenden Geschichte um den Verkleidungs- und Schauspielkünstler Diop, der ebenso die Polizei wie seinen schurkischen Unternehmerfeind an der Nase herumführt, mehr als reines Unterhaltungsfernsehen. Immer wieder finden sich in der Serie, so auch gleich zu Beginn der zweiten Staffel, Hinweise auf das koloniale Erbe Frankreichs. Als Diop den Entführer seines Sohnes verfolgt und in einem alten verlassenen Landhaus aufspürt, ist dort alles voll mit verstaubten ausgestopften Tieren und protzigen Interieurs im Kolonialstil.

In Rückblenden geht es auch in der zweiten Staffel immer wieder zurück in die 1990er Jahre, in Diops Jugend, als er regelmäßig mit Rassismus konfrontiert wird und sich erstmals für die Lupin-Romane begeistert. Diese nutzt er wie einen Leitfaden für seine genialen Gaunereien, die aber letztlich vor allem eine Selbstermächtigung des jungen Mannes gegen Behörden und rassistische Ausgrenzung ermöglichen. Unterstützung erfährt er schon damals durch seinen Freund Benjamin (Antoine Gouy), der ihm auch später im Kampf gegen Pellegrini beisteht. Diops Widersacher, der seine Gegner auch mal einfach aus dem Weg räumen lässt und fleißig mit der Polizei zusammenarbeitet, inszeniert sich derweil als Philanthrop, der mit Hilfe von Stiftungen Geld für Bedürftige sammelt. Diop bändelt schließlich mit Pellegrinis Tochter (Clotilde Hesme) an, mit der er schon als Jugendlicher eine Affäre hatte, so dass auch hier in der zweiten Staffel die Erzählebenen aus verschiedenen Jahrzehnten motivisch wieder eng miteinander verzahnt sind und ein ganzes Panorama französischer Zeitgeschichte aufgefächert wird.

Dabei ist die Polizei Assane Diop wieder dicht auf den Fersen und kommt ihm im Lauf der zweiten Staffel immer näher. Der von dessen Chef meist nicht ernst genommene Kommissar Youssef Guedira (Soufiane Guerrab), der selbst Arsène-Lupin-Fan ist, merkt, dass Assane sich stets an den Abenteuern des Gentleman-Diebes orientiert. Aber je näher er Assane Diop kommt, desto mehr Sympathie entwickelt er auch für ihn. Denn Diops geniale Verbrechen funktionieren vor allem deshalb so gut, weil andere sich mit ihm solidarisch erklären. So geht es mit ziemlich hohem Tempo von der Normandie in die Pariser Katakomben, an Musikhochschulen, in die Häuser reicher Leute, auf vermeintliche Raubzüge in Museen und schließlich - zum großen Finale - zur Spendengala in ein Theater, wo Diop seinem langjährigen Feind endlich das Handwerk legen will. Hatte die erste Staffel ein etwas zu brüskes Ende, das gar keines war, ist die Auflösung dieses streckenweise ungemein spannenden Krimis fast schon zu vorhersehbar. Staffel zwei ist aber dennoch sehenswert.

»Lupin«, Staffel 2, ab 11.6. auf Netflix

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