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Vom Sportinternat auf den Traktor

Josephine Moog hat in Frankreich und Spanien gewohnt, kam als Jugendliche wegen der schulischen Möglichkeiten nach Chemnitz und hat heute ihren Platz auf dem Bio-Bauernhof ihrer Mutter gefunden. Ihre Mission: Vielfalt auch in der Landwirtschaft

  • Von Linda Peikert
  • Lesedauer: 6 Min.

Das hier ist mein Bereich, ich habe die Getreidereinigung auf dem Hof aufgebaut.« Josephine Moog, genannt Josi, steht vor den silberfarbenen Silos und grinst. Sie ist 25 Jahre alt und arbeitet inzwischen schon über ein Jahr auf dem Bio-Bauernhof ihrer Mutter in der Nähe von Riesa in Sachsen. »Wir sind nicht der klassische Familienbetrieb. Ich habe tatsächlich erst mit Beginn meines Arbeitsvertrags hier auf dem Hof angefangen«, erzählt sie.

Geboren ist Moog in Südfrankreich. Als sich ihre Eltern trennten, zog sie als Vierjährige mit ihrem kleinen Bruder und dem Vater in die spanischen Pyrenäen. Dort lebten sie sehr naturverbunden: Der Vater hatte eine hundertköpfige Ziegenherde, ein paar Schweine und Pferde. Die drei Monate Sommerferien verbrachte sie auf dem Hof ihrer Mutter und deren Mann in Sachsen. Gemeinsam mit dem Stiefvater fütterte sie die Tiere und durfte mit auf dem Traktor fahren.

In der 7. Klasse wurde Moog auf eine Sportschule nach Chemnitz geschickt. Sportschulen gibt es in Spanien nicht sonderlich viele, außerdem konnte sie so Deutsch auch lesen und schreiben lernen. Am Anfang gefiel es Moog in Deutschland: Sie lernte neue Freund*innen kennen und hatte ihren ersten festen Freund. Aber im Sportinternat war die Stimmung nicht besonders freundlich. »Ich kam aus Spanien, einem sehr herzlichen Land, in eine Schwimmer*innen- und Turner*innen-Klasse, bei der es immer nur um individuelle Leistung ging«, erzählt sie. Die anderen lästerten laut über Moog. Sie fühlte sich unwohl, weinte häufig. »Deutschland war am Anfang alles andere als nett. Heute ist es schon okay, aber der Anfang war eine harte Erfahrung.« An den Wochenenden standen Wettkämpfe an, ständig ging es um den sportlichen Erfolg.

Nach dem plötzlichen Tod des Stiefvaters zog Moog vom Sportinternat zu ihrer Mutter, die nun neben der Trauer auch vor der alleinigen Weiterführung des Bauernhofes stand. Sie verkaufte die Tiere, wollte aber den Ackerbau so gut es ging beibehalten. Moog kam auf eine Schule in Riesa. »Ich hatte wirklich große Angst vor dem ersten Schultag«, erinnert sich Moog.

Aber der Schulstart in Riesa ist viel leichter als im Sportinternat. Sie lernt schnell nette Leute kennen und fühlt sich sehr wohl. Und mit der Zeit wird ihr klar, dass sie sich beruflich mit Lebensmitteln beschäftigen möchte. »Ich koche gerne, ich esse gerne - da ist es doch naheliegend, mit Lebensmitteln zu arbeiten.«

Eigentlich hat Moog vor, nach dem Abitur Ökolandbau und Vermarktung zu studieren, aber sie bekommt keinen Studienplatz und beginnt erst einmal eine Ausbildung als Landwirtin. Das stellt sich später als der richtige Weg für sie heraus: Moog ist begeistert, sich neuen Herausforderungen zu stellen und viel Praktisches zu lernen. Sie arbeitet gerne, obwohl auch hier die Eingewöhnung hart ist. In der Erntezeit kommt sie manchmal auf 100 Arbeitsstunden die Woche. »Damals habe ich so viele Überstunden pro Woche gemacht, wie andere in einem ganzen Jahr machen«, sagt sie amüsiert. Der Ton auf dem Hof ist auch mal rau, doch das findet sie in Ordnung. »Allerdings muss ich als Frau schon oft einiges aushalten, ich muss besser arbeiten als die Männer, um ernst genommen zu werden«, sagt sie. In ihrer Ausbildung hat sie mal ein Rücklicht im Einkaufswert von fünf Euro kaputt gemacht. Das habe dann ein Donnerwetter des Chefs ausgelöst, der wenige Tage später das gleiche Licht kaputt gefahren habe. »In vielen Betrieben ist das noch krasser, da arbeiten die Frauen nur in den Ställen, statt große Maschinen fahren zu dürfen«, erzählt sie. Aber Moog sitzt gerne auf dem großen Traktor.

Während ihrer Ausbildung hat Moog auch auf anderen Höfen gearbeitet. Auch dort habe sie erlebt, sich als Frau besonders behaupten zu müssen. Sie sei mal »im Spaß« gefragt worden, ob sie nicht in Shorts die Windschutzscheibe von männlichen Kollegen putzen möchte. Auch wurde spaßeshalber gedroht, wenn sie an ihrem letzten Tag gehen wolle, kette man sie mit Plüschhandschellen fest. »Die kriegen dann eine verbale Backpfeife und gut ist«, sagt Moog. »Man braucht ein dickes Fell, aber in der Landwirtschaft kriegen alle ihr Fett weg.«

Die Ausbildung kann sie wegen des Abiturs auf etwa eineinhalb Jahre verkürzen und beschließt anschließend, ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen, eine kleine Stadt in Nordhessen, zu studieren. Sie arbeitet Samstag noch, zieht Sonntag um und beginnt Montag direkt ihr Studium. »Ich habe bis zuletzt gearbeitet, aber ich mache das ja auch wirklich gerne.«

Während des Studiums lernt sie ihre praxisorientierte Ausbildung besonders zu schätzen: »Ich habe Traktor fahren und Maschinen bedienen gelernt - im Studium habe ich gemerkt, dass viele an der Uni von der Praxis keine Ahnung haben.« Sie vermutet, dass unter anderem deshalb realitätsferne Entscheidungen in Bezug auf landwirtschaftliche Fragestellungen in der Politik gefällt werden. »Wir haben in der Uni aufs tiefste behandelt, wie die Verdauung einer Kuh funktioniert, aber da weiß man noch lange nicht, wie man dem Tier die Klauen schneidet oder wie man so melkt, dass es der Kuh nicht weh tut«, fügt sie hinzu. Moog findet es außerdem nicht sonderlich sinnvoll, ein ganzes Semester auf eine Prüfung hinzuarbeiten. Auf Arbeit habe man jeden Tag aufs Neue kleine Herausforderungen und Prüfungen. Deshalb zieht sie ihr Studium in nur fünf Semester durch, um anschließend wieder praktischere Erfahrungen zu sammeln: Sie verbringt eine Sommersaison auf einer Ziegenalm in der Schweiz und arbeitet danach auf einem Pferdehof mit. Moog packt Dinge an, zieht sie durch.

Zurück in Sachsen hat sie auf dem Hof ihrer Mutter nun nur eine Teilzeitstelle in der Getreidereinigung, um Zeit für weitere Projekte zu haben. »Erst mal stand die Homepage und ein Social-Media-Kanal an«, sagt sie. Mit Drohnenbildern und Blogeinträgen ist der Hof nun im Internet präsent. Außerdem überlegt sie sich neue Verkaufswege: Kartoffeln und Öl verkauft Moog nun unter anderem über die Plattform Marktschwärmer. Wäre die Welt nicht in der Corona-Pandemie gefangen, würde sie den Hof auf Messen und Veranstaltungen vertreten.

Auch politisches Engagement ist ihr wichtig: Regionales und saisonales Essen findet sie sinnvoller als veganen Foodaktivismus. Bei der »Wir haben es satt«-Demonstration von Bauern und Bäuerinnen für eine Agrarwende hat Moog engagierte Landwirt*innen aus der AbL - der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft - kennengelernt und ist nun auch ab und zu bei Aktionen mit dabei. Ihr ist es wichtig, sich für eine umwelt- und sozialverträglichere Landwirtschaft einzusetzen, eine, in der es um nachhaltigen Ackerbau und abwechslungsreiche Bepflanzung geht, damit der Boden nährstoffreich bleibt. »In der Bio-Landwirtschaft kann man die Zukunft unserer Böden mitgestalten und somit wirklich etwas bewegen«, sagt Moog. Sie findet es toll zu beobachten, wie Pflanzen wachsen und selbst einen Beitrag zu nachhaltiger Lebensmittelproduktion zu leisten.

Im Herbst 2020 kommt ein weiteres neues Projekt hinzu: Moog ist eine von drei Landwirt*innen eines neuen Fernsehformats für junge Leute, das sich aktuell in der Pilotphase befindet. Als Bio-Landwirtin findet sie es wichtig, ihren Teil zur Öffentlichkeitsarbeit beizusteuern. Außerdem ist ihr auch die Sichtbarkeit von Frauen in der Landwirtschaft wichtig. Das Format soll urbanen Menschen das Leben auf dem Land näherbringen. Moog hofft, dass die Pilotphase positiv ausfällt und sie bald als Moderatorin von ihrem Hof berichten kann. »Ich fände es gut, so vielen Menschen zeigen zu können, dass es auch bei Landwirt*innen Vielfalt gibt. Ich bin ganz schön rumgekommen und erfülle somit nicht unbedingt die üblichen Bauernklischees«, sagt sie und grinst.

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