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Nur der Reporter ging K. o.

Der Boxer Wolfgang Behrendt, erster Olympiasieger der DDR, wird 85

  • Von Jürgen Holz
  • Lesedauer: 5 Min.
Wolfgang Behrendt
Wolfgang Behrendt

Wenn Wolfgang Behrendt auf seinen größten sportlichen Triumph vor 65 Jahren angesprochen wird, den Olympiasieg am 1. Dezember 1956 vor 8000 Zuschauern im West Melbourne Stadium, wehrt er meist ab: »Ach, das ist doch Schnee von gestern«, sagt er dann und lacht. Dabei hatte der damals 20-jährige waschechte Berliner Junge, geboren in Wedding, aufgewachsen in Weißensee, viele in der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft mit seinem 2:1-Punktsieg im Finale des Bantamgewichts gegen den Südkoreaner Song Soon Chon ziemlich überrascht - die komplette Boxwelt noch dazu. Als erster Olympiasieger der noch jungen DDR stieg er zum Volkshelden auf und wurde schließlich zur Legende. Freimütig bekennt er, dass er aufgrund eines Blutergusses in der Wade seinen Sieg zunächst gar nicht richtig begreifen konnte. »Aber es war das Schönste, was ich erreichen konnte.«

Die DDR-Reporterlegende, der heute 93-jährige Heinz Florian Oertel, schildert rückblickend Behrendts Triumph so: »Ich hockte am Ring, 8000 Zuschauer waren aus dem Häuschen. Beim Schildern des Finals verstand ich mein eigenes Wort nicht mehr. Immer wieder bimste ich mir ein: Bleib ruhig, sprich langsam, damit zu Hause überhaupt etwas ankommt. Dann, in der dritten Runde, gingen mir doch die Pferde durch.« Aber das Schlimmste, was einem Reporter widerfahren kann, erfuhr Oertel später: Kein Empfang seiner Reportage in der Heimat. Die entscheidende dritte Runde war auf der langen Ätherwellen-Strecke verloren gegangen. Wolfgang Behrendt, eine Frohnatur durch und durch, immer voller Witz und Humor, flachst über Oertels Missgeschick noch heute: »Dass du dabei K. o. gegangen bist, naja ...«

Behrendt ist die einzige deutsche Sportgröße, die je von zwei Präsidenten beglückwünscht wurde: Wilhelm Pieck (DDR) und Theodor Heuss (BRD). Aber daran erinnert er sich nur mit Wehmut. Heuss wollte Behrendt mit dem »Silbernen Lorbeerblatt« ehren und hatte ihn zur Preisverleihung nach Bonn eingeladen. Doch als der Berliner seine Tasche auf dem Laufband am Flughafen in Tempelhof in der noch nicht geteilten Stadt abgestellt hatte, »kam auf einmal jemand von hinten und sagte: Wir möchten nicht, dass du dorthin fliegst«, schildert Behrendt. Er nahm sein Gepäck und folgte dem Herrn zurück in den Ostteil. Das »Silberne Lorbeerblatt« hat er bis heute nicht bekommen.

Behrendts sportliche Karriere begann nach dem Krieg, als er elf Jahre alt war, in einer privaten Boxschule in Weißensee - gegen den Willen seiner Mutter. 25 Mark im Monat musste er dafür zahlen, aufgebracht durch sein Taschengeld und durch das eifrige Sammeln von Leergut. »Ich ging dann später zu Einheit Weißensee. Hans Borowski wurde mein Trainer und väterlicher Freund.« Bei Olympia in Melbourne stand allerdings Erich Sonneberg als Trainer der gesamten Mannschaft in seiner Ecke. »Beiden habe ich viel zu verdanken«, sagt Behrendt.

Vier Jahre nach seinem Sieg verpasste er die nächsten Spiele. Er zog sich vom Sport zurück und begann ein Studium der Fotografie. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1964 ließ er sich zur Rückkehr in den Boxring überreden, was er später als »einen Fehler« bezeichnete. Auf dem Weg zum Comeback beim nationalen Ausscheid 1964 wurde er mit ungewöhnlichen Trainingsmethoden konfrontiert. »Im Wintertrainingslager ging es schon mal in die Wälder Thüringens, um dem Förster beim Baumfällen zu helfen«, beschreibt er das damalige Muskelaufbautraining. Mit einer gebrochenen linken Hand verlor er dann gegen den Mainzer Wolfgang Schmitt mit 1:2. Mit der stolzen Bilanz von 201 Kämpfen, davon nur acht Niederlagen, aber keine einzige durch K. o., verabschiedete er sich endgültig vom Boxring.

Beruflich schulte der gelernte Maschinenschlosser danach zum Filmkameramann um und stieg beim DDR-Fernsehen ein. Von 1963 an fotografierte für »Neues Deutschland«, war noch mal bei acht Olympischen Spielen dabei und auch mit der Kamera preisgekrönt. »Ich bekam zwei Goldmedaillen«, sagt er nicht ohne Stolz, »eine in Bangkok und eine in China unter 1000 Teilnehmern.« Mit sichtlichem Vergnügen erzählt er auch davon, dass er als ND-Sportfotograf bei den Sommerspielen 1988 in Seoul ein Wiedersehen mit Song Soon Chon feierte - seinem Finalgegner von Melbourne 1956. »Das war von den Leuten des Pressezentrums organisiert worden, eine prima Idee.«

1991 traf ihn die Entlassung beim »ND«. Der damals 55-Jährige wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. »Ich habe es riskiert, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie das funktioniert. Doch es ist mir schnell gelungen, wieder Fuß zu fassen. Dabei kam mir natürlich meine Bekanntheit zugute. Manche Bilder werden noch heute nachgefragt«, sagt Behrendt, der auch noch »zwei, drei Autogrammwünsche pro Tag« erfüllt.

Zum Boxsport pflegt er keine Beziehung mehr. »Der heute ist eigentlich nur noch durchs Profiboxen präsent. Das hat mit dem Boxen zu meiner Zeit kaum was zu tun. Das ist Zirkus. Dabei sind die guten Amateurboxer nicht schlechter als die Profis, taktisch und technisch sogar besser.« Mit Genugtuung fügt er hinzu, dass sein Sohn Mario als Amateur dreimal DDR-Boxmeister und Olympiateilnehmer 1980 in Moskau war.

In den vergangenen Jahren wurde es stiller um Wolfgang Behrendt. Nach dem Tod seiner Frau Monika 2016 zog er sich oft auf sein Grundstück am Stadtrand Berlins zurück. So wird er auch seinen 85. Geburtstag am Montag nur im engen Familienkreis begehen. Vielleicht holt der leidenschaftliche Hobby-Musiker aber noch mal wie früher seine Trompete hervor und verzückt seine Zuhörer. Mit Agenturen

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