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Satirischer Antimilitarismus

Anlässlich des »Tags der Bundeswehr« nahmen sich Adbusting-Aktivist*innen erneut militärische Werbebotschaften vor

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.

»Noch näher geht nicht. Wir kommen zu Ihnen aufs Sofa« - derart wurde von der Militärpressestelle der »Tag der Bundeswehr« am 12. Juni beworben, der auch in diesem Jahr pandemiebedingt digital zelebriert wurde. So konnten am Samstag per Video etwa die »Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr ihr Können zeigen«. Bundeswehrfans konnten auch dabei zusehen, »wie die Bundeswehr mit den Einsatzkräften und ihrem Material Gewässer überquert« und sie konnten »Soldatinnen und Soldaten beim taktischen Brückenschlag mit einer Faltschwimmbrücke« zuschauen.

2015 wurde der »Tag der Bundeswehr« eingeführt, um die Armee in der Bevölkerung bekannt zu machen und als attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren. Es ist eine Art Tag der offene Tür der Bundeswehr, an dem die ganze Familie in der Kaserne die neueste Militärtechnik bestaunen und Jugendliche Zukunftspläne mit der Armee schmieden konnten. Von Anfang an stand diese Zurschaustellung im Fokus antimilitaristischer Kritik. So monierten Organisation der Friedensbewegung, dass die Bundeswehr die Bevölkerung von Militäreinsätzen zu überzeugen versucht und junge Menschen für den Wehrdienst angeworben werden sollen. Es gab auch bis 2019 am 12. Juni an verschiedenen Standorten antimilitaristische Proteste.

Doch mit der Pandemie mussten sich sowohl die Bundeswehr als auch die antimilitaristischen Kritiker*innen etwas Neues einfallen lassen. Während die Bundeswehr mit einem ambitionierten Video-Programm Kampfeinsätze zu Wasser, zu Lande und in der Luft simulierte, machten sich ihre Kritiker*innen an den Vitrinen zu schaffen, in denen Plakate Menschen für eine Bewerbung bei der Bundeswehr überzeugen sollen. Dabei waren die Adbuster*innen, wie sich die Menschen nennen, die Werbeplakate verändern, auch in diesem Jahr wieder besonders kreativ.

»Munition und Menschenleben. Ein bisschen Schwund ist immer. Nimm was niemand zählt«. Dieser Text war auf einem Werbeplakat der Bundeswehr auf einem Berliner S-Bahnhof zu sehen und sorgte bei den Passagier*innen für Verwunderung. In einer anderen Vitrine prangte auf einem Bundeswehrplakat die Parole »Nicht jeder Soldat ist ein Nazi«. Auf einem anderen Poster stand die Frage: »Sichere Profite im Visier?«. Ursprünglich stand dort der Satz: »Sichere Zukunft im Visier«.

Schnell wurde klar, dass hier wieder einmal die antimilitaristische Kommunikationsguerilla zugeschlagen hat, die seit Jahren Bundeswehr, Polizei und Justiz beschäftigt. Dabei nutzten die Bundeswehr-Kritiker*innen verschiedene Methoden, um die Werbebotschaften zu verändern. »In Berlin beteiligten sich Aktivist*innen mehrerer Adbusting-Kollektive an den Aktionen«, erklärte ein Mitglied der Kommunikationsguerilla, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, gegenüber »nd«. Einige hängten selbstgedruckte Poster unerlaubt in Werbevitrinen. Andere beschafften sich originale Bundeswehr-Poster und änderten mit Farbe nur wenige Buchstaben und gaben den Plakaten damit einen völlig anderen Inhalt. Bundesweit beteiligten sich an dem Aktionstag »Tag ohne Bundeswehr« Kommunikationsguerilla-Gruppen aus 13 Städten. Neben Berlin wurden auch in Potsdam, Dresden, Erlangen, Stuttgart, Frankfurt am Main, Bonn, Köln, Essen, Hannover, Hamburg und Rostock Werbeplakate der Bundeswehr verändert. Auch wurde der klassische Protest nicht gänzlich ins Digitale verlegt. So feierte In Kiel der Landesverband Schleswig-Holstein der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsgegner*innen (DFG-VK) den Tag ohne Bundeswehr mit einer Kundgebung vor dem Liegeplatz des Marine-Schulschiffes Gorch Fock.

Über Polizei lachen macht es schlimmer - Beamte stellen Anzeige gegen Adbusting-Aktivisten, weil sie beleidigt worden sein sollen

Die bundesweite Kommunikationsguerilla-Aktion, die bereits vorher angekündigt worden war, dürfte Justiz und Polizei noch eine Weile beschäftigten. Seit mehreren Jahren gibt es immer wieder Versuche von LKA, Verfassungsschutz und Polizei, die Adbusting-Aktivist*innen zu kriminalisieren. Doch mittlerweile gibt es Urteile, die Adbusting der Satire zuordnen, die nicht strafbar ist. Doch die Repressionsorgane gebe nicht auf. Anlässlich einer Adbusting-Aktion im Mai leitete der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamt (LKA) Ermittlungen wegen »Störpropaganda gegen die Bundeswehr« ein.

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