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Ein (sur)reales Märchen

Berlinale Forum: »Taming the Garden« ist ein Doku-Kunstwerk und handelt von einem Milliardär, der Bäume sammelt

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 3 Min.

Vordergründing zeigt die georgische Filmerin Salomé Jashi (»The Dazzling Light of Sunset«) in ihrem Dokumentarfilm »Taming The Garden« (Zähmung des Gartens) einen unglaublichen Vorgang: Jahrhundertealte, besonders beeindruckende Bäume werden ausgegraben und per Schiff an einen Milliardär geliefert, der sich damit einen Traumgarten zusammenstellt. Der Mann heißt Bidsina Iwanischwili, ist ehemaliger georgischer Premierminister, Rohstoffmagnat und gehört zu den Oligarchen, die im Zuge der Privatisierung der russischen Wirtschaft extrem reich wurden. Ihn bekommt man in dem Film nicht zu Gesicht, wohl aber, ganz am Ende, seinen Garten mit den gelieferten Bäumen.

Davor zeigt Jashi in ausführlichen Detailaufnahmen die Ausgrabungsarbeiten, Schwierigkeiten des Transports sowie die Reaktionen der Menschen, die mit den Bäumen aufgewachsen sind oder die in den Dörfern wohnen, aus denen sie entfernt werden. Dabei enthält sie sich jeglicher einordnenden oder wertenden Kommentierung. Die Bilder wirken stark komponiert, die bildlichen Facetten samt Musik wachsen zu einem Doku-Kunstwerk zusammen, das den gezeigten Tatsachen selbst zuweilen verwundert und ratlos gegenüberzustehen scheint.

Der erste Impuls, den die Bilder auslösen, ist schieres Staunen. Zunächst sehen wir zwei Angler am Meer, die ein Schiff mit einem riesigen Baum darauf beobachten, das an ihnen vorüberfährt - und mit diesen Bildern schweigender, einen seefahrenden Baum betrachtender Männer sind bereits die ersten Sekunden des Films poetisch, und dabei bleibt es.

Um den technischen Ablauf der Ausgrabungs- und Transportarbeiten zu zeigen, hätte eine bündige Reportage von vielleicht knapp zehn Minuten gereicht, doch darum geht es der Regisseurin nicht. In manchmal fast meditativen, zuweilen aber auch etwas ermüdend langen Einstellungen zeigt sie uns die georgischen Wälder und Gewässer, dazu setzen Folk-Klänge ein; wir sehen dichte Nebelschwaden durch die Landschaft ziehen - viele Aufnahmen in »Taming the Garden« legen nahe: Hier sehen wir eine Märchenlandschaft.

Vor diesem Hintergrund spielt sich auch tatsächlich so etwas wie ein (sur)reales Märchen ab. Das wahre Märchen vom Milliardär, der Bäume sammelt. Und dieses Paradoxon führt zu der eigentlichen Frage, die der Film stellt: Inwiefern sind die Menschen und ihre kapitalistische Warenverformung allen irdischen Lebens überhaupt noch als Teil der Natur aufzufassen? Die Märchenkulisse wird nämlich bald von meterlangen Bohrern zerpflügt, Schneisen werden geschlagen, die mächtigen Bäume mit Kettensägen zurechtgestutzt, um sie transportfähig zu machen.

Der menschliche Eingriff in den natürlichen Weltenlauf macht dabei den Eindruck vollkommener Äußerlichkeit; das Ausbaggern und Verbringen der Produkte natürlicher Abläufe von Hunderten von Jahren wirkt fast wie das Werk verrückter Aliens. Die Schönheit der Bilder indes, die Jashi den Vorgängen abringt, widersprechen diesem Eindruck: Selbst wenn sie enteignet wird, zerrissen und entstellt, ist die Natur noch immer schön. Und es wird klar, dass der Mensch und sein Tun doch letztlich immer Teil mindestens dieser Schönheit bleibt. Der Baum auf dem Schiff ist ein durchaus atemberaubendes Bild.

Die Härte, mit der die Arbeiter vorgehen, die Macht, die der Milliardär über die Natur hat, verweisen zugleich auf die Klassenverhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaften. Was sollen arme georgische Dorfbewohner und Kleinbauern gegen einen Milliardär ausrichten, der sogar ihr Land entbaumen kann? Und der immerhin als Gegenleistung eine neue Straße versprochen hat. Was bleibt den Armen eigentlich, wenn sich die Reichen neuerdings sogar ihre schönen Bäume ausgraben? Auch die Arbeiter sehen ihr Tun mitunter durchaus selbstkritisch, aber was sollen sie unternehmen?

So stehen die Menschen dem Treiben hilflos, oft traurig, aber auch fasziniert gegenüber. Bei einem Baumabtransport sehen wir das halbe Dorf dem sich entfernenden Baum hinterherspazieren - eine Abschiedsprozession.

»Taming the Garden«: Schweiz/Deutschland/ Georgien 2021. Regie und Buch: Salomé Jashi.

Termin: 16.6., 21.30 Uhr, Open Air Kino HKW.

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