Ein taktisches Zauberstück

ZIRKUS EUROPA: An Duelle mit Portugal hat Bundestrainer Joachim Löw bei großen Turnieren nur gute Erinnerungen

  • Von Sven Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Da war doch mal was mit Portugal. Ist schon ein Weilchen her, bald 13 Jahre, aber Joachim Löw wird diesen Tag in Basel wohl niemals vergessen.

Es war der Tag, an dem der »Wizzard« Löw geboren wurde. Der Zauberer, der einfach nur Hand auflegen musste, auf dass alles in die richtige Richtung laufen würde, und wann wäre das schon wichtiger als an diesem Samstag: beim zweiten EM-Vorrundenspiel in München gegen Portugal? Es geht ja nicht nur um das Erreichen des Achtelfinals, sondern auch um einen angemessenen Abschied für den bald emeritierten Bundestrainer Löw.

Wer weiß schon, ob der seine Weltmeistermacher-Karriere eingeschlagen hätte, wenn es nicht jenes Spiel bei der EM 2008 in der Schweiz und Österreich gegeben hätte. Im Viertelfinale von Basel - gegen Portugal! Der deutsche Fußball war damals wieder einmal totgesagt, aber nach dem Spiel geht es ihm plötzlich so gut, wie es vorher niemand wahrhaben wollte. 3:2 besiegte der schon gestrauchelt geglaubte Favorit das eben nur scheinbar unschlagbare Portugal des damals noch jungen Cristiano Ronaldo.

Drei kluge Köpfe steckten hinter dem Coup von Basel. Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger spielten so großartig auf wie lange nicht mehr in der deutschen Nationalmannschaft. Beide aber setzten sie auf dem Rasen von Sankt Jakob nur um, was ihr Chefstratege zuvor ausgeheckt hatte. Der Sieg über Portugal war, bei aller individuellen Klasse der beiden guten Offensivgeister, vor allem ein Erfolg der Taktik. Und das ausgerechnet in einem Spiel, das Joachim Löw nur aus einer Loge hatte ansehen dürfen.

Im vorangegangenen Vorrundenspiel gegen Österreich hatte Löw ein wenig zu laut und ein wenig zu gestenreich den Schiedsrichter kritisiert. Und wurde daraufhin für ein Spiel aus dem Innenraum verbannt. Löw scherte sich einen Dreck darum, tauschte mit Co-Trainer Hansi Flick einige Blicke aus und entfaltete ein taktisches Geschick, wie es ihm seine Kritiker schon damals abgesprochen hatten. In einer radikal umstrukturierten Aufstellung spielte Bastian Schweinsteiger zum ersten Mal von Beginn an, Miroslav Klose lief als einzige Spitze auf, und Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger sicherten für den verletzten Torsten Frings das Mittelfeld ab, auch dies eine Premiere. Welcher andere Trainer hätte in einem so wichtigen Spiel schon so viel Mut zur Veränderung gezeigt?

Die Portugiesen, vergeblich auf Raum für ihr anspruchsvolles Spiel hoffend, liefen in die ihnen gestellte Falle. Ihr Spiel basierte auf der Selbstsicherheit, die individuelle Klasse ihrer Einzelkönner würde irgendwann zum Erfolg führen. Cristiano Ronaldo kam jedoch kein einziges Mal am No-Name-Verteidiger Arne Friedrich vorbei. Das 3:2-Ergebnis für die Deutschen suggerierte am Ende sogar ein knapperes Spiel, als es den Kräfteverhältnissen auf dem Platz entsprochen hatte.

Löws Team marschierte später über das Halbfinale gegen die Türkei weiter bis ins Wiener Endspiel, wo dann gegen Spanien Schluss war, wie auch zwei Jahre später im WM-Halbfinale von Südafrika. Das Happy End für den »Wizzard« Löw gab es 2014 in Rio. Auch auf diesem Weg wurde Portugal klar besiegt. Mal sehen, wie nun der Abschied ausfällt.

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