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Todesangst in Seehausen

Täter im Ku-Klux-Klan-Gewand schießt mit Softair-Waffe auf Baumbesetzer in der Altmark - zwei Leichtverletzte

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.

Erschreckendes hat sich jüngst in Seehausen ereignet. Bilder des Vorfalls werden seit dem Wochenende in den Onlinemedien verbreitet: Ein Unbekannter taucht unvermittelt im Ku-Klux-Klan-Gewand am Bahnhof aus der Unterführung auf und schießt, mutmaßlich mit einem Softair-Gewehr, auf Umweltaktivisten, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Schienen befinden. Man sieht, wie die Beschossenen versuchen, wegzurennen. Der etwas entfernt stehende Videofilmer kooperiert offenbar mit dem Angreifer, er lacht hämisch über die Flüchtenden und beleidigt sie. Als einige der Attackierten in Richtung des Angreifers rennen, zieht dieser ab.

Nach Angaben der Polizei wurden bei dem Angriff ein Jugendlicher und ein 20-jähriger Grünen-Aktivist aus der Altmark getroffen und leicht verletzt. Der mutmaßliche Täter sei mit dem Auto geflohen. Trotz einer sofortigen Fahndung, unter anderem mit einem Hubschrauber, habe man ihn nicht ergreifen können. Es werde in alle Richtungen ermittelt und auch ein politisches Motiv geprüft.

Laut einem öffentlichen Zeugenbericht des 20-jährigen Grünenpolitikers war der Täter auf der Beifahrerseite eingestiegen, er hatte also möglicherweise Unterstützung. »Habt ihr schon mal Todesangst gefühlt, während ihr vor Schüssen geflohen seid?«, fragte der Politiker. »Ich kann euch versichern, dass es grausam ist, wie sich diese Kette von gewalttätigen Anschlägen auf dem Bahnhof mit diesem jüngsten Vorfall fortsetzt.«

Der Angriff fand nach einer Informationsveranstaltung von Waldbesetzern am Freitag statt. Seit vielen Monaten kämpfen diese in Seehausen unter dem Motto »Moni bleibt« gegen den Weiterbau der Autobahn A14. So wollen sie die Rodung des nahe gelegenen Losser Forsts verhindern. Im Bahnhof Seehausen führen die Aktivisten immer wieder Veranstaltungen durch. Laut Polizei wurden insgesamt fünf Personen beschossen.

Vertreter der Zivilgesellschaft und einige Politiker zeigten sich entsetzt über die Attacke. »Die Serie mutmaßlich rechtsextrem motivierter Angriffe reißt nicht ab«, erklärte David Begrich vom Verein Miteinander Sachsen-Anhalt. Die Täter vom Freitag hätten sich der »Bildsprache« des rassistischen Ku-Klux-Klan, kurz KKK, bedient, um Angst zu verbreiten. Die Videoaufnahme sei in diesem Falle »Propaganda der Tat« - adressiert an andere Neonazis.

»Mittlerweile existiert ein teilweise hasserfülltes Grundrauschen gegen Ökoaktivismus«, sagt Pascal Begrich, der sich ebenfalls bei Miteinander engagiert. Seit Wochen seien die Waldbesetzer »Beschimpfungen und Bedrohungen ausgesetzt«. Ziel der Hass- und Gewaltkampagne sei es, deren Protest und Engagement »zum Schweigen« zu bringen.

»Eine Inszenierung als KKK ist kein Zufall«, erklärte auch die Linke-Landtagsabgeordnete Henriette Quade. Durch die Aktion würden sich extreme Rechte zum »Vollstrecker eines angeblichen ›Volkswillens‹« aufschwingen. Die Neonazis wollten Stärke zeigen. »Die von rechter Gewalt Betroffenen brauchen Solidarität und Schutz«, forderte Quade. Alle Behörden und politisch Handelnden müssten zudem die Wirkung ihrer Aktionen auf die rechten Täter vor Ort mitdenken. »Wenn geräumt wird, wird die extreme Rechte das auch als ihren Erfolg verbuchen«, gab die Politikerin zu bedenken.

Waldbesetzung unter rechtem Terror

In den vergangenen Wochen hatte es in Sachsen-Anhalt mehrere mutmaßlich rechte Anschläge und Angriffe gegeben. Ein Mitglied der Linkspartei wurde erst am Samstag in Magdeburg beim Abhängen von Plakaten angegriffen. Der Täter ist polizeibekannt und wird der rechten Szene zugeordnet.

Die Baumbesetzer in Seehausen waren derweil verschiedenen Attacken ausgesetzt. Mitte Mai verübten Unbekannte zuerst einen Brandanschlag auf den Bahnhof, in dem die Aktivisten einen Begegnungsort schaffen wollen. Die Feuerwehr war bis tief in die Nacht im Einsatz. Einige Tage später kam es dann zu einem weiteren Angriff, bei dem auch ein selbst gebauter Sprengsatz eingesetzt wurde.

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