Der Kapitalismus frisst seine Kinder nicht

Amazon gehen in den USA die Arbeitskräfte aus. Wem schadet’s?

  • Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Kapitalismus vernichtet Existenzgrundlagen. Das gilt für Flora und Fauna, es gilt für die Menschheit selbst - und damit ironischerweise auch für seine eigene Reichtumsquelle, die menschliche Arbeitskraft. In Ignoranz gegenüber allem außer der Mehrwertproduktion würde der einzelne Kapitalist, wenn man ihn nur ließe, jeder einzelnen Arbeiter*in so harte Leistung unter so gefährlichen Bedingungen über so viele Stunden abpressen, dass irgendwann keine*r mehr übrig bliebe zur Vernutzung. Über diesen Irrsinn als kapitalistisches Naturgesetz schreibt bereits Karl Marx 1867 im ersten Band des »Kapitals«. Anschaulich entwickelt er dies am Beispiel des Kampfes der englischen Arbeiter*innen gegen den tendenziellen 24-Stunden-Arbeitstag - sprich: die ungeregelte Ausdehnung der Arbeitszeit auf die Gesamtheit eines menschlichen Lebens.

Der Kampf gegen diese mörderischen Zustände war zugleich Kristallisationspunkt für die Arbeiter*innenbewegung im 19. Jahrhundert und Meilenstein in der Konsolidierung des bürgerlichen Staates zum ideellen Gesamtkapitalisten. Zum Erhalt von Arbeitskräften und industrieller Reservearmee sowie zur sozialen Befriedung beschloss das britische Parlament 1847 die »Ten Hour Bill«, ein Fabrikgesetz, das die Arbeitszeit von Frauen und Jugendlichen auf schlappe zehn Stunden limitierte. Sollte die Lohnabhängigkeit als Prinzip erhalten bleiben, konnte es am Ende nur der Staat sein, der das Schlimmste einhegt. Zu fragen blieb - und bleibt - hier allerdings: Wem nützt’s?

Im Frühkapitalismus ging es um das nackte Überleben der Proletarier*innen und ihrer Kinder, das ist momentan in dieser Unmittelbarkeit in den »westlichen« Industrieländern undenkbar. Das Prinzip der radikalen Vernutzung der Lohnabhängigen durch das Einzelkapital gilt aber immer noch und lässt sich in der weltweit (noch) größten Marktwirtschaft beobachten, den Vereinigten Staaten von Amerika. Genauer gesagt - wer hätte es gedacht? - beim Onlineversandhändler Amazon, dem mit 1,2 Millionen Beschäftigten zweitgrößten »Arbeitgeber« der USA.

Hinlänglich bekannt ist mittlerweile, dass die Manager*innen von Amazon (ja, es sind auch ein paar Frauen darunter, juchhu!) ihrer Arbeiter*innenschaft desaströse Arbeitsbedingungen aufzwingen. In unserem Sinne bemerkenswert ist nun folgende, damit zusammenhängende Tatsache: Amazon wechselt innerhalb eines einzigen Jahres seine gesamte Belegschaft vollständig aus. Vielen dieser Arbeiter*innen wird gekündigt, noch mehr kündigen ihrerseits - weil sie nicht mehr können oder die Schnauze voll haben, nicht selten schon nach wenigen Tagen. Fest steht jedenfalls: Amazons jährlicher Bedarf an mehr als einer Million »frischer« Arbeiter*innen bewegt sich in den USA mit ihren 300 Millionen Einwohner*innen langsam auf eine natürliche Grenze zu.

Aufgedeckt wurde das kapitalistische Dilemma jüngst von der »New York Times«, die zu berichten weiß, dass der Gedanke daran mittlerweile auch Amazon-Führungskräfte umtreibt. Allerdings sehen diese Leute das Problem wohl kaum darin, dass hier offensichtlich wird, wie schlecht es den Arbeiter*innen unter ihrem Regime ergeht. Vielmehr dürfte sie plagen, dass das »Menschenmaterial« - wie es brutal, aber eigentlich zur Sache passend heißt - zur Neige geht, dem sie ihren Reichtum verdanken. Die Kapitalisten sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Das sollen sie gern tun, das Problem ist nur: Irgendwie sitzen wir alle mit drauf, und am Ende schießen sie sich mit ihren Raketenrucksäcken auf den Mars, während der Rest der Menschheit im Dreck liegen bleibt, den sie angerichtet haben. Tanja Röckemann

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