Im Dickicht der Klassen

Dass die realsozialistischen Gesellschaften nicht frei von Herrschaftsstrukturen waren, lässt sich heute schwer bezweifeln. Aber drückte sich in diesen Strukturen, wie in den kapitalistischen Ländern, ein Klassenverhältnis aus? Eine Ost-West-Betrachtung

  • Von Renate Hürtgen
  • Lesedauer: 12 Min.
Lohnarbeit ist nicht die ideale Form menschlicher Tätigkeit, ob nun für ein kapitalistisches
 Unternehmen oder im Dienste eines sozialistischen Staates. Gut, wenn man trotzdem den Humor
behält. Im Bild ein Arbeiter bei Villeroy & Boch im Jahr 1977, dem das offenbar gelungen ist.
Lohnarbeit ist nicht die ideale Form menschlicher Tätigkeit, ob nun für ein kapitalistisches
 Unternehmen oder im Dienste eines sozialistischen Staates. Gut, wenn man trotzdem den Humor
behält. Im Bild ein Arbeiter bei Villeroy & Boch im Jahr 1977, dem das offenbar gelungen ist.

Eingeladen von der oppositionell-kommunistischen italienischen Tageszeitung »Il Manifesto« trafen sich im November 1977 in Venedig - ein Jahr nach der Ost-Berliner »Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas« - Kommunist*innen, Sozialist*innen und Marxist*innen aus Ost- und Westeuropa. Intellektuelle, Gewerkschafter*innen, Politiker*innen verschiedener Richtungen der europäischen Linken diskutierten über Herrschaft und Herrschaftsausübung in den »nachrevolutionären Gesellschaften« - auf der Suche nach einer Alternative zu Kapitalismus und Realsozialismus, aber auch dem »dritten Weg« des Eurokommunismus. Die immer deutlicher werdende imperiale Großmachtrolle der Sowjetunion habe jede Illusion über die Natur dieser Länder als sozialistisch zerstört. Man sei umgeben von zerschlagenen Mythen, gescheiterten Experimenten, unerfüllt gebliebenen Voraussagen, theoretischen und praktischen Enttäuschungen und müsse wieder ganz von vorn beginnen, wie Rossana Rossanda in ihrer Einleitung zum Tagungsband schrieb. Das erklärte Ziel der Teilnehmer*innen war es, die Rolle von Dissidenz und Opposition in diesen Gesellschaften zu begreifen und Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West im Kampf um eine sozialistische Perspektive zu erörtern.

Im Streit um das Wesen dieser Gesellschaften herrschte auf der Tagung weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich bei der UdSSR und den anderen »nachrevolutionären Gesellschaften« um Herrschafts- und Klassengesellschaften, mithin nicht um klassenlose kommunistische Gesellschaften handele. Für die Teilnehmer*innen aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, aus der Sowjetunion und für den kubanischen Redner war dies ohnehin gesetzt. Sie schilderten den Genoss*innen aus dem Westen die Lage der Arbeiter*innen in ihren jeweiligen Ländern, deren Rechtlosigkeit, namentlich die Unmöglichkeit, sich eigenständig und unabhängig zu organisieren und die eigenen Interessen durchzusetzen. Viele von ihnen kamen aus der praktischen gewerkschaftlichen oder parteipolitischen oppositionellen Arbeit. Ihre Begriffe entwickelten sie zunächst also nicht im Rahmen eines theoretischen Konzeptes, sondern in Anschauung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeiter*innen in den sozialistischen Ländern. Ihre praktischen Erfahrungen ließen einfach keinen anderen Schluss zu als den, dass es sich um vergleichbare Gesellschaften zu den kapitalistischen handeln müsse. Wie sonst könne es zu dieser »Ähnlichkeit zwischen Togliattigrad und Fiat Mirafiori in Turin« kommen, bekräftigte Bruno Trentin, Generalsekretär der italienischen Metallgewerkschaft FIOM.

»Eine Welt« der Arbeiter*innen?

Nie zuvor war die Lage der Arbeiter*innen in Ost und West derart ebenbürtig diskutiert worden, Rudi Dutschke sah darin sogar die eigentliche historische Bedeutung dieses Kongresses. Das Treffen in Venedig war keine Theoriedebatte, keine, die sich vor allem um die Reichweite von Begriffen drehte; es war der Versuch, einen solidarischen Zusammenhang zwischen den Unterdrückten und Ausgebeuteten in Ost und West herzustellen. Ein Versuch, der scheiterte, bevor er begonnen hatte. Es hatte viele Gründe, warum die »eine Welt« der Arbeiter*innen in Ost und West keine Rolle mehr in den linken Debatten spielen sollte. Nicht nur die geschlossenen Grenzen, die den praktischen Erfahrungsaustausch von Kolleg*innen verhinderten, hatten ihren Anteil daran, dass es eine geeinte deutsche Arbeiter*innenbewegung bald nicht mehr gab. Diese hatte ihre kämpferischen Zentren gleichermaßen in Ost und West, in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet gehabt.

Im Westen blieb »die Klasse« nach 1945 zwar noch Jahrzehnte präsent: Mit Massenstreiks und Betriebsbesetzungen wurde sie zu einer historisch entscheidenden Akteurin der 1968er-Bewegungen, und in den 80er Jahren straften die englischen Bergarbeiter die aufkommende Diskussion vom Ende der Arbeiter*innenklasse mit monatelangen Streiks Lügen. Auf was für eine Bewegung aber hätte sich eine Linke im Osten beziehen sollen? In der DDR hatte es im Juni 1953 zum ersten und letzten Mal einen Aufstand der Arbeiter*innen gegeben, der sich an einer Normerhöhung entzündete. Diese hätte zu einer erheblichen Verschlechterung der ohnehin mangelhaften Versorgung geführt. Das Signal der Bauarbeiter der Stalinallee in Berlin wurde im ganzen Land aufgegriffen; zwischen Juni und August 1953 streikten und demonstrierten Belegschaften aus über 700 Betrieben. Ihre Forderungen richteten sich an die Regierung, die die Höhe der Löhne und Preise festgelegt hatte und die nun zur Verantwortung gezogen wurde.

So verwundert es nicht, dass die Protestierenden auf ihre Weise die »Systemfrage« stellten und nicht nur »Akkord ist Mord« riefen, sondern auch »Der Spitzbart muss weg!« - gemeint war Walter Ulbricht. Nur wenige Jahre nach der Staatsgründung stand die Regierung einer Arbeiterschaft gegenüber, die ihre stalinistische Parteienherrschaft ablehnte und einen »richtigen« Arbeiterstaat nach damaligem sozialdemokratischen Verständnis forderte. »Räumt euren Mist in Bonn jetzt aus, in Pankow säubern wir das Haus!«, stand als Losung am Magdeburger Hauptbahnhof und an Interzonen-Zügen. Der Aufstand endete bekanntlich mit einer blutigen Niederlage und Verfolgung der »Rädelsführer«.

Die SED und ihre »Sicherheitsorgane« begannen mit einer groß angelegten Disziplinierungskampagne in den Betrieben, die einen entscheidenden Anteil daran haben sollte, dass es bald keine Räume, keine Öffentlichkeit mehr für eine autonome Arbeiterbewegung in der DDR gab. In den 50er und 60er Jahren protestierten noch Brigaden, kleinere Gruppen von Arbeiter*innen legten die Arbeit nieder oder drohten Streiks an, um ihre Forderungen etwa nach einer angemessenen Jahresendprämie durchzusetzen. Nicht einmal eine Betriebsöffentlichkeit erreichten solche Aktionen. In den 70er und 80er Jahren verloren diese Proteste vollends ihren kollektiven Charakter, an die Stelle des kollektiven Kampfes trat die individuelle Durchsetzung eines berechtigten Interesses mittels einer Eingabe oder des Gesprächs mit dem Meister.

Grenzen der Gleichheit

Aber war damit die Arbeiter*innenklasse in der DDR verschwunden? War dies noch eine Klasse, scheinbar oder tatsächlich befriedet, ohne jeden Widerstand, nicht einmal um Lohnerhöhungen kämpfend, vielleicht sogar ohne jedes Bewusstsein ihrer Lage als Unterdrückte? Worin unterschied sich die Klasse der Arbeiter*innen im großen Pool der »Werktätigen der DDR« überhaupt noch? Nicht einmal die weit auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich ließe sich in der DDR als Merkmal einer Klassengesellschaft heranziehen, waren doch die Reichtumsunterschiede zwischen der »sozialistischen Dienstklasse« und dem gemeinen Volk eher bescheiden. Und wie sah es mit dem Zugang zur Bildung als Klassenmerkmal aus? Hier fällt die Antwort etwas differenzierter aus: Zwar gab es eine gemeinsame allgemeine Schulbildung bis zur zehnten Klasse, an die Universitäten jedoch gelangten infolge der »sozialen Schließung« nur wenige Arbeiterkinder. Anders gesagt, die Normalität einer Herrschaftsgesellschaft, in der sich gewöhnlich die soziale und Klassenstruktur reproduziert, charakterisierte seit dem Ende der 60er Jahre auch die DDR.

Auch wenn sich die DDR 1989 auf dem Sprung zur sogenannten Dienstleistungsgesellschaft befand, war sie noch geprägt durch die Industriearbeiterschaft. Die Sozialstruktur wies bis zum Ende einen hohen Anteil von Facharbeiter*innen aus, eine Berufsbezeichnung, die auch für Angestelltenberufe und solche aus dem Dienstleistungsbereich galt. Die Gruppe der Selbstständigen war marginal, auch auf dem Land dominierte der »landwirtschaftliche Arbeitnehmer« (Rainer Geißler). Die Einkommensunterschiede waren gering, die Arbeits- und Lebenssituation auffällig ähnlich, und so verband die überwiegende Mehrzahl der DDR-Beschäftigten trotz aller Unterschiede in der Arbeitstätigkeit und der Qualifikation die gleiche »arbeiterliche« Lage. Im Bild der egalitären Gesellschaft bekommt diese soziale Struktur der DDR-Gesellschaft oft einen mythischen Charakter. Vergessen wird dabei der allgemeine Mangel, mit dem die Mehrheit der DDR-Gesellschaft auf die eine oder andere Weise zurechtkommen musste und der sich ebenfalls als der große Gleichmacher erweisen sollte. Vergessen wird aber vor allem, wo diese arbeiterliche Gleichheit ihre Grenze fand.

Nach offizieller DDR-Lesart machte die Arbeiter*innenklasse - im Bündnis mit den Bauern - 81 Prozent der Bevölkerung aus, die »Schicht der Intelligenz« 19 Prozent. Die Gesellschaft wurde auf diese Weise ausschließlich nach ihrem Bildungs- und Qualifikationsniveau strukturiert, die Frage, welche Funktion die Mitglieder in dieser Gesellschaft hatten, interessierte nicht. Wo waren all jene zu finden, die in der DDR eine kulturelle, politische oder ökonomische Führungsposition ausübten? Wo finden wir in der Statistik die Funktionäre des überdimensionierten Partei- und Staatsapparates, die Leiter der kulturellen Einrichtungen, der Verlage, der Kombinate und Betriebe, die Funktionäre der sogenannten Massenorganisationen? Gingen sie tatsächlich, wie uns die Klasse-Schicht-Struktur weismachen will, entweder in der Masse der Angehörigen der Arbeiterklasse und ihren Verbündeten, den Bauern, oder in der Schicht der Intelligenz auf?

Es drängt sich die spannende Frage auf, ob sich die Ideologie der Herrschenden auch als herrschendes Bewusstsein durchsetzen konnte, ob also diese »klassenlose Gesellschaft« der ziemlich Gleichen auch das Alltagsdenken und das Alltagsverhalten der Mehrheitsgesellschaft bestimmte. Im Ergebnis einer Untersuchung über die Angestellten im Industriebetrieb der DDR fällt auf, dass nicht nur - ganz klassisch - ein deutliches Abgrenzungsverhalten zwischen den Angestellten und den Arbeiter*innen des gleichen Betriebes bestand. Vielmehr verlief auch eine viel tiefer gehende Kluft zwischen jenen, die eine Leitungsfunktion, meist verbunden mit der Mitgliedschaft in der SED, innehatten, und denen ohne jede betriebliche oder politische Leitungsfunktion. Zu Letzteren gehörte die große Gruppe der technischen und ökonomischen Bürokräfte, aber auch die technische Intelligenz ohne Leitungsfunktionen und ohne Parteizugehörigkeit. Mit dem betrieblichen Leitungspersonal »oben« verband sie zwar ihre Qualifikation, ansonsten aber gar nichts; politisch, kulturell oder mental lebten sie in zwei Welten.

Die Grenzen waren sehr dicht, sie ließen im Regelfall auch keine Freundschaften zu, eigene Ferienhäuser und Gesundheitseinrichtungen trennten das Leben der den Betrieb leitenden Funktionär*innen von den »abhängig Beschäftigten«. Für diese waren die Funktionär*innen diejenigen, die das Sagen hatten, die die Arbeit organisierten und als Genoss*innen die Weisungen der Partei durchsetzten. Als im Herbst 1989 für einen kurzen Moment auch die betrieblichen Herrschaftsverhältnisse ins Wanken gerieten, die SED aus den Betrieben verjagt wurde, wusste wohl jeder, auf welche Seite man gehörte. Niemals zuvor waren sich die bisher Ausgeschlossenen - ob Arbeiter, Sekretärin oder parteiloser Ingenieur - so einig gewesen wie in diesem kurzen Augenblick. Diese »Einigkeit« hatte nichts vom Gedanken einer deutschen Einheit; sie war so wenig nationalistisch gedacht wie der ganze Herbst 1989. Dieser war auch nicht die Vorbereitung auf das Kommende, wie uns die Einheitsgewinnler weismachen wollen; er war die emanzipatorische Phase »der Wende« in der DDR.

Klassenkampf hat viele Gesichter

Es gibt - so weit ich sehe - kaum Untersuchungen über die DDR, in der dieses Verhältnis zwischen »oben« und »unten« dahingehend befragt wird, ob sich hier ein Klassenverhältnis zeigen würde. Die Soziologin Heike Solga ist dieser Frage in einem Projekt von 1995 nachgegangen, eine Arbeit, die leider weder von ihr noch von anderen Wissenschaftler*innen mit dieser Intention weitergeführt wurde. Dabei wäre der Erkenntniswert gerade auch im Hinblick auf unsere heutige Debatte über Klassen und deren Sinnhaftigkeit hoch. Die monopolistischen Herrschafts- und Eigentumsstrukturen hatten in den staatssozialistischen Ländern eine sehr eigenwillige »Klassenstruktur« hervorgebracht, in der eine eher kleine »Machtelite« - wie DDR-Soziologen es, natürlich erst nach 1989, nannten - die gesamte Produktion und Reproduktion der Gesellschaft leitete. Sie wies die Arbeit der Mehrheitsgesellschaft an und organisierte die gesamte Produktion, legte Löhne und Preise fest und verteilte das erarbeitete Mehrprodukt nach ihrem Gutdünken.

So gesehen war mit der »Klassenbeziehung« im Osten deren »nackte« Funktionalität in aller Klarheit zu besichtigen; eine Betrachtungsweise, die in der aktuellen Diskussion leider vernachlässigt wird. Mehr noch: Wer sich auf die gesellschaftliche Abhängigkeitsbeziehung der Eigentümer und der Eigentumslosen zur Charakterisierung gegenwärtiger kapitalistischer Verhältnisse als Kern allen Übels bezieht, läuft Gefahr, als ökonomistische und reduktionistische Denker*in abgetan zu werden. Das scheint nicht besonders klug. Erkenntnisreicher wäre es wohl, wir würden unsere Anstrengungen darauf richten, die allgemeine soziologische »Unübersichtlichkeit« jener Klasse etwas aufzuhellen, deren Angehörige weiter nichts besitzen als ihre Arbeitskraft, welche sie zu Markte oder ins Jobcenter tragen müssen. So wäre vielleicht der Krux der kapitalistischen Verwertungslogik näher zu kommen.

Die »eine Welt« der Lohnarbeiter*innen in Ost und West lässt ein Vergleich der Leninwerft in Gdańsk und der AG »Weser« in Bremen, den Sarah Graber Majchrzak jüngst vorgenommen hat, eindrucksvoll vor unseren Augen entstehen. Eine Welt, die verschiedener nicht sein konnte und die dennoch gleichermaßen davon bestimmt war, sich gegen die Zumutung »von oben« zu wehren. Es ist für unsere aktuelle Klassendebatte aufschlussreich, wie das Lohnarbeiter*innendasein ungeachtet unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme zu den gleichen Verhaltensweisen der Arbeiter*innen führte. Immer ging es darum, die Arbeitskraft nicht unter Wert zu verkaufen, sich gegen Rationalisierung und Intensivierung oder auch gegen eine Produktion zu wehren, die keine »ordentliche« Arbeit und keinen Lohn einbrachte, der ein auskömmliches Leben ermöglichte.

In Bremen wie in Gdańsk führten solche Arbeitskämpfe nicht nur zu einer Politisierung der Akteur*innen, sie sind immer auch mit einem Kampf um die eigene Würde verbunden gewesen. Die fast gleichzeitigen Besetzungen der Danziger Leninwerft am 14. August 1980 und die der AG »Weser« am 19. September 1980 zeigen das eindrucksvoll. Zwar glichen die Arbeitskämpfe in Polen, anders als in der Bundesrepublik, stets einer kleinen Revolution, die die Herrschenden zu einem Umdenken ihrer »Arbeiterpolitik« zwingen sollten. Ungeachtet dieser Tatsache verband die Weser-Schiffbauer*innen und die von der Leninwerft aber dieselbe Erfahrung des Klassenkampfes, dieselbe Gegnerschaft - ob dieser Gegner nun als Privat- oder Staatsunternehmer auftrat - und dieselbe Ohnmacht.

Die Krux: Produktionsverhältnisse

Es hat lange gedauert, bis selbst die Kritiker*innen der »nachrevolutionären Gesellschaften« von dem Versuch absahen, die Lohnarbeit als »sozialistische Lohnarbeit«, die Rationalisierung als »sozialistische Rationalisierung« und die Wertproduktion gedanklich in eine Produktion von Gebrauchsgütern umzudeuten. Im Rahmen der Debatte von 1977 in Venedig war es namentlich Charles Bettelheim, der kurze Zeit später mit seinem Werk »Die Entstehung der Klassen in der Sowjetunion« mit der (eigenen!) Illusion aufräumte, in diesen Gesellschaften gäbe es keine Ausbeutung, mithin keine Ausbeuter*innenklasse. Er analysierte die Struktur und die Funktionsweise dieser »neuen Klasse« akribisch, ein Theoriestrang, der - von seltenen Ausnahmen wie etwa den Arbeiten von Robert Kurz abgesehen - in der politischen Diskussion der Linken versandet ist.

Welchen Erkenntniswert hat nun dieser kursorische Rückgriff auf die vermeintlichen Klassenverhältnisse im Osten? Was begreifen wir besser durch die Betrachtung einer Lohnarbeiter*innenschaft, die sich erheblich von der in der Industriegesellschaft des Westens unterschied, sowie einer Ausbeuterklasse, die hinsichtlich ihres Reichtums und ihrer Lebensführung noch weniger ihrem westlichen Pendant glich? Das Spannende an einem solchen Vergleich ist, dass so der Kern des Klassenverhältnisses offen zu Tage tritt und wir der Frage näher kommen können, was diese Gesellschaften jenseits aller historischen und systemischen Verschiedenheiten gemeinsam haben. Die aktuell viel diskutierte und zu Recht angeprangerte weite Schere zwischen den Armen und den Reichen ist offensichtlich keine Gemeinsamkeit. Was beide Gesellschaften gleichermaßen auszeichnet, ist vielmehr eine von der Entscheidung über Produktion und Reproduktion weitgehend ausgeschlossene gesellschaftliche Mehrheit und eine über diese Entscheidung verfügende Minderheit. Hier sind die Hebel der Überwindung der Ungleichheit anzusetzen. Wie? Darüber sollte weiterhin gestritten werden.

Bettelheim, Mészarós, Rossanda u. a.: Zurückforderung der Zukunft. Macht und Opposition in den nachrevolutionären Gesellschaften. 1979;

Renate Hürtgen: Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Industrieangestellten in der DDR. 2009;

Heike Solga: Auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und Mobilität zwischen Generationen in der DDR. 1995;

Sarah Graber Majchrzak: Arbeit - Produktion - Protest. Die Leninwerft in Gdańsk und die AG »Weser« in Bremen im Vergleich (1968-1983). 2021.

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