Der kleine Maulwurf und das »Brauseauto«

Leiv, der Leipziger Kinderbuchverlag, wird 30

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Den »kleinen Maulwurf« kennt man mit Schubkarre, mit Spaten, im Auto, im Heißluftballon … Und natürlich gibt es auch ein Bild von ihm mit Blumenstrauß. Denn Hase, Maus und Igel vergessen seinen Geburtstag nie. 2017 wurde er 60. Sein »Vater«, der tschechische Zeichner und Zeichentrickfilmer Zdeněk Miler (1921-2011) wäre am 21. Februar 100 geworden. Dass sein Lebenswerk lebendig bleibt, dafür sorgt nicht zuletzt auch Leiv, der Leipziger Kinderbuchverlag.

Aber solches geschieht nicht automatisch. Erst einmal braucht es eine Idee, einen Wunsch, den man verwirklichen will - und dann ist Tatkraft gefragt. Bevor im Frühjahr 1993 »Der Maulwurf geht auf Reisen« als erster Band einer Serie erschien, die inzwischen auf über 70 Bände verschiedenen Formats angewachsen ist, hat Leiv-Verleger Steffen Lehmann sich bei Zdeněk Miler in Prag angesagt, um ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Vielleicht hätte Miler mit seinem Renommee zu dieser Zeit ein größeres Editionshaus für sich finden können, aber gerade in der Buchbranche entscheidet zum Glück nicht immer nur das Geld. In Steffen Lehmann traf er einen Mann, dem der Osten kein zu eroberndes Neuland, sondern seit DDR-Zeiten eine vertraute Himmelsrichtung war. Einst Leiter der Abteilung Importbuch im Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG), hatte er viele Kontakte zu osteuropäischen Verlagen - nicht lediglich sachlicher, sondern freundschaftlicher Natur.

Wenn »die Chemie« stimmt, gelingt die Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen umso besser. Er spricht fließend Russisch und kann viele Leser an seiner Seite wissen, die sich gerade gegenüber Russland von deutscher Politik nicht vertreten, sondern geradezu verraten fühlen. Welche Kluft sich da auftut, wenn Politiker das wüssten! Und wenn sie nur ahnen würden, was ihnen in ihrem Leben an interessanten Erfahrungen entgangen ist, indem sie brav in ihrem »Westgehege« blieben!

Doch zurück zum Thema Kinderbuch, dem sich Leiv verschrieben hat. Die Verlagsgeschichte begann, indem sich Steffen Lehmann im Juli 1991 mit vier weiteren LKG-Mitarbeitern zusammentat und gleich einen Riesenerfolg verbuchen konnte. Die Neuauflage der sechsbändigen Reihe »Der Zauberer der Smaragdenstadt« von Alexander Wolkow (1891-1977), die in der DDR nur unterm Ladentisch zu haben war, half mit für heutige Verhältnisse unglaublich hohen Auflagen dem neugeborenen Verlag auf die Beine. Zunächst, so heißt es, habe der russische Autor, der sich als Mathematikdozent im Selbststudium Deutsch, Französisch und Englisch beigebracht hatte, das berühmte Kinderbuch »Der Zauberer von Oz« des US-Amerikaners Lyman Frank Baum lediglich übersetzen wollen. Doch inspirierte es ihn so sehr, dass er zu der von ihm frei erzählten Handlung noch mehrere Fortsetzungen erfand.

Dass die Geschichte des Verlags in den folgenden Jahren zwar letztlich erfreulich, aber nicht glatt verlief, braucht eigentlich nicht hinzugefügt zu werden. Fremde Begehrlichkeiten wuchsen gegenüber dem erfolgversprechenden Programm und wurden abgewehrt.

Nach dem Beitritt zur BRD mochten es Bücher von DDR-Autoren zunächst schwer gehabt haben, weil Leser zu dem griffen, was ihnen neu war. Das betraf die Kinderliteratur indes am wenigsten. Gerade das Altbekannte - im Text, aber vor allem auch im Design - erschien Eltern und Großeltern besonders liebenswert. Deshalb war es eine gute Entscheidung, gerade Ost-Autorinnen und -Autoren wie Christa Kożik, Werner Heiduczek, Gerhard Holtz-Baumert, Uwe Kant, Ottokar Domma oder Hansgeorg Stengel zur Mitarbeit zu gewinnen. Zu bekannten Grafikerinnen und Grafikern wie Gertrud Zucker, Jutta Mirtschin, Cleo-Petra Kurze, Kurt Schrader, Manfred Bofinger, Egbert Herfurth, Thomas Schallnau gesellten sich auch immer wieder neue Namen. In mehreren Bänden zu bewundern sind die filigranen Zeichnungen von Klaus Ensikat, der auf der Buchmesse 2022 in Schanghai Illustrationen zu Cao Wenxuan vorstellen will.

Aus dem Vollen der DDR-Kinderliteratur zu schöpfen ist einfacher, als sich etwa mit Texten aus China oder Südkorea an Unbekanntes zu wagen. Nachwuchstalente bekannt zu machen, setzt Werbemittel voraus, mit denen der kleine Verlag sparsam umgehen muss.

Seit 2006 ist Steffen Lehmann alleiniger Verleger. Neben seiner Tochter Katja, gelernte Buchhändlerin, steht ihm lange schon verlässlich Marlis Tiepoldt zur Seite. Gemeinsam ist man sich einig, dass man wohl hin und wieder etwas wagen, aber nicht jedem neuen Trend hinterherlaufen muss. Keine E-Books also und keine »Merchandises« wie in anderen Verlagen, die auch Spielzeug und allerlei »Krimskrams« verkaufen.

Literarische Qualität und Liebe zum gedruckten Produkt - bisher ist es dem Verlag noch immer gelungen, dafür Buchhandel und Leser zu gewinnen. Bei aller Vielfalt des Angebots braucht es dafür ein eigenes Profil. Bei Leiv ist es die Ostkompetenz, Sinn für Geschichtliches eingeschlossen. Zum Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) sind mehrere Ausgaben auf dem Markt, aber zu seinem 150. Geburtstag in diesem Jahr nur eine bei Leiv: »Gruselett und Lalula«, wunderschön illustriert von der in Gera gebürtigen Elinor Weise.

Neben vier Bilderbüchern in Erinnerung an den DDR-Autor Alfred Könner (1921-2008) - »Der Elefant ist groß«, »Der Tag ist hell«, »Jolli« und »Wenn der große Regen kommt« - freut mich besonders die Wiederbegegnung mit Nikolai Nossow (1908-1976): »Nimmerklug im Knirpsenland« und »Nimmerklug in Sonnenstadt« gehören zu jenen Büchern, die ich als Kind besonders liebte. Wer weiß, wo sie abgeblieben sind - jetzt will ich sie unbedingt wieder lesen, allein schon wegen der bahnbrechenden Erfindung eines »Brauseautos«, das offenbar seine Energie aus Zucker bezieht.

Die lieben Kolleginnen und Kollegen im Leiv-Verlag mögen zum Jubiläum mit einem Glas Sekt oder Stärkerem auf ihre Erfolge anstoßen. Der kleine Maulwurf bringt ihnen einen Blumenstrauß. Nur Mut: Mit 30 ist man noch jung!

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