Werbung

Schlange stehen für Impfstoff

Lateinamerikas Eigenproduktion reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.

In Lateinamerika sind Kuba, Argentinien, Brasilien und Mexiko die einzigen Länder, in denen nicht nur geimpft, sondern Impfstoffe gegen das Coronavirus auch hergestellt werden. Während Kuba auf die Produktion mehrerer Vakzine aus eigener Forschung, Entwicklung und Herstellung setzt, werden diese auf dem Kontinent in Kooperation mit europäischen, russischen, chinesischen und künftig kubanischen Partnern produziert. Dabei reicht die Eigenversorgung für die Region, in der mehr als 600 Millionen Menschen leben und die gegenwärtig am meisten unter dem Virus zu leiden hat, bei weitem noch nicht aus.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt hatte Argentiniens Präsident Alberto Fernández die Produktion von 250 Millionen Dosen Impfstoffdosen angekündigt. »Für die Produktion in Lateinamerika werden Argentinien und Mexiko verantwortlich sein, und dies wird allen Ländern der Region einen rechtzeitigen und ausreichenden Zugang zu potenziellen Impfstoffen ermöglichen«, so Fernández im August 2020.

Gemeinsam mit dem schwedisch-britischen Pharmakonzern Astra-Zeneca und der Universität Oxford sollte der Impfstoff beim argentinischen Pharmaunternehmen mAbxience in der Provinz Buenos Aires hergestellt werden. Anschließend sollte er nach Mexiko geflogen und in den dortigen Labors des Pharmaherstellers Liomont in die kleinen Fläschchen abgefüllt und verpackt werden. Finanziert wurde alles durch eine Kaufgarantie der argentinischen Regierung über 60 Millionen Dosen sowie durch eine Stiftung des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim.

Doch die Vision vom großen Impfstofflieferanten für Lateinamerika hat sich bisher nicht erfüllt. Angesichts des sensiblen Themas halten sich beide Seiten mit Schuldzuweisungen zurück. Angeblich bekommt das mexikanische Pharmaunternehmen die Probleme mit der Abfüllung der Vakzine nicht in den Griff.

Als hätte sie es geahnt, bemühte sich Argentiniens Regierung frühzeitig und erfolgreich um den russischen Impfstoff Sputnik V. Schon am 24. Dezember 2020 erhielt Argentinien die ersten 300 000 Dosen, die bereits tags darauf verimpft wurden. Seither sind mehr als neun Millionen Dosen aus Russland eingetroffen. Inzwischen wird das Vakzin über ein Lizenzabkommen zwischen dem in Moskau ansässigen Gamaleja-Institut, welches das Vakzin entwickelt hatte, und dem argentinischen Pharmaunternehmen Richmond Labors in Buenos Aires hergestellt. Erst kürzlich gab Richmond Labors die Herstellung von 448 625 Dosen bekannt. Die Finanzierung hatte der russische Staatsfonds für Direktinvestitionen übernommen.

Wenn US-Präsident Joe Biden sein Land als »Arsenal der Impfstoffe« preist und eine millionenfache Spende von Pfizer-/Biontech- und Astra-Zeneca-Impfdosen in Aussicht stellt, dann hat die US-Regierung auch gerade solche Joint Ventures im Visier, zumal auch in Brasilien Impfstoffe russischen und chinesischen Ursprungs hergestellt werden. Mitte Juni kündigte Biden eine Spende von 55 Millionen Impfdosen für ärmere Länder an. Davon sollen 14 Millionen über die internationale Plattform Covax in Lateinamerika und der Karibik verteilt werden.

In Brasilien wird zwar vor allem das Vakzin von Astra-Zeneca produziert, aber seit Januar auch der Impfstoff Coronavac des chinesischen Pharmariesen Sinovac, der bei der gerade laufenden südamerikanischen Fußballmeisterschaft in jedem Stadion Bandenwerbung macht. Und obwohl der russische Sputnik V in Brasilien offiziell gar nicht zugelassen ist, gab das brasilianische Pharmaunternehmen União Quimica vor wenigen Tagen die Herstellung der ersten 100 000 Dosen bekannt. Diese und alle folgenden sollen in interessierte Länder in der Region exportiert werden, in denen das russische Vakzin zugelassen ist. Das sind viele in der Region und sie stehen bereits Schlange.

Zusammen gegen das Corona-Virus. Kuba und Argentinien machen bei der Produktion der Impfstoffe gemeinsame Sache

»Wir sind eine Region mit mehr als 600 Millionen Einwohnern, in der die Infektionsfälle zunehmen, die Krankenhäuser voll sind und die Varianten schnell zirkulieren«, warnte kürzlich die Direktorin der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation und Regionaldirektorin für Amerika bei der Weltgesundheitsorganisation, Carissa Etienne. »Derzeit ist nur jeder zehnte Mensch in Lateinamerika und der Karibik ausreichend gegen Covid-19 geimpft«, erklärte Etienne, sprich mit den dafür notwendigen zwei Dosen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung