Was bleibt, ist die Straße

Denen gewidmet, die weggehen mussten: Der US-Film »Nomadland« ist vieles - ein Roadmovie, fiktiv und dokumentarisch zugleich, aber vor allem eine One-Woman-Show

  • Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 5 Min.

Es beginnt mit einem leisen Abschied - von den Habseligkeiten, dem Haus, der Stadt, von der Sesshaftigkeit. Und auf den Abschied folgt die Straße.

Für Fern (Frances McDormand), eine Frau in ihren Sechzigern, fängt das Leben auf der Straße zwangsweise an. Vor Kurzem hat sie ihren Mann verloren, nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Industriestadt Empire in Nevada auch ihre Arbeit und ihr Haus. Nun zieht sie mit ihrem Van, in dem sie auch wohnt, durch die USA. Von dieser modernen Nomadin handelt der mehrfach ausgezeichnete US-Film »Nomadland«, der endlich auch in Deutschland ins Kino kommt.

Die Straße bringt Fern von einer Jobgelegenheit zur nächsten, mal zum Reinigen in einen National Park in South Dakota, mal zur Rübenernte in den Westen von Nebraska - und vor Weihnachten zum Verpacken bei Amazon. Auf der Straße trifft Fern andere Nomaden, Van-Bewohner, Menschen, die außerhalb der Gesellschaft ihren Frieden gefunden haben, die sich sogar teilweise freiwillig für das Leben auf vier Rädern entschieden haben. Wegen der Freiheit, Unabhängigkeit, Nähe zur Natur.

Und trotz der Individualität dieses Nomadenlebens, trotz der unterschiedlichen Wege halten diese Menschen zusammen, wenn sie sich doch vorübergehend an einem gemeinsamen Ort befinden, sei es an Supermarkt-Parkplätzen, neben den Highways oder in der Wüste. Es bildet sich eine Community, für manche die einzige richtige Gemeinschaft, in der das Leben tatsächlich unkonventionell scheint. Man kommt wegen eines Feuerzeugs ins Gespräch, tauscht Topflappen gegen Dosenöffner, hilft sich gegenseitig, freundet sich an, fühlt sich zugehörig, und doch: Am nächsten Tag beobachtet man das Weggehen von anderen. Was bleibt, ist immer nur die Straße.

»Nomadland« ist vieles: ein Roadmovie, fiktiv und dokumentarisch zugleich, aber vor allem eine One-Woman-Show. Frances McDormand erobert die Szenen, ohne auf Schau machen zu müssen, ohne anderen die Schau stehlen zu müssen. So geschickt, fast unbemerkt dirigiert sie die Geschichte, sodass am Ende alle irgendwie gewinnen. Das hat sie nicht nur am Set des Films gemacht, sondern auch im Vorfeld.

Als Produzentin sicherte sich McDormand bereits 2017 die Rechte am Tatsachenroman »Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert« der Schriftstellerin und Journalistin Jessica Bruder. McDormand war außerdem diejenige, die auf Chloé Zhao zukam, denn sie hielt Zhao für die richtige Regisseurin für den Film, auch sich selbst für die richtige Hauptdarstellerin.

Am Ende gewannen tatsächlich alle, allein bei der Oscarverleihung 2021 wurde »Nomadland« als bester Film, Chloé Zhao für die Beste Regie und Frances McDormand - bereits zweifache Oscargewinnerin für ihre Rollen in »Fargo« (1996) und »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« (2017) - als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

Außer McDormand sind fast alle anderen in »Nomadland« Laien, tatsächlich Nomaden oder Menschen aus dem Ort, die sich selbst spielen und auch mit ihren eigenen Namen auftreten - daher die dokumentarische Natur des Werkes. Auch viel von der echten Frances McDormand steckt im Film. Aus ihrem eigenen Leben hat sie einiges mitgebracht, Sachen, die für sie eine persönliche Bedeutung hatten, das Geschirr in dem Van etwa, damit sie auch mehr sie selbst sein konnte.

Um die Figur von Fern zu vertiefen, hat McDormand außerdem tatsächlich in einem Amazon-Verteilerzentrum, bei einer Zuckerrübenernte, in der Cafeteria einer Touristenattraktion und in einem Nationalpark gearbeitet. »Sie gehört nicht zu den Schauspielerinnen, die das Bedürfnis haben, endlos über ihre Figur zu reden. Ihr gefällt es, richtig anzupacken, sich körperlich ›reinzuarbeiten‹, sie mag Dinge, die man anfassen kann. Da lagen wir vollkommen auf einer Wellenlänge«, sagte die Regisseurin Zhao über McDormand.

Auch Zhao selbst machte sich für ihre Recherche auf den Weg und zog mit ihrem Wohnmobil quer durch die Vereinigten Staaten. Sie traf einige der Nomaden, die im Buch von Jessica Bruder vorkommen, gewann ihr Vertrauen, bekam Zugang zu deren Communitys. Und passend zu dem improvisierten Leben dieser Nomaden, improvisierte Zhao teilweise auch den Dreh. Dadurch, dass es keinen ganz genauen Ablauf für alles gab, gab sie diesen Menschen genug Raum und Abstand, sie selbst zu sein, um ihre eigene Geschichte zu erzählen.

So lässt die in Peking geborene und in Kalifornien lebende Chloé Zhao eine amerikanische Identität zu Wort kommen, die oft übersehen wurde: die älteren, obdachlosen Menschen, vor allem Frauen. Sie leben in einer amerikanischen Tradition, sind nicht »homeless«, sondern nur »houseless«, wie Fern im Film sagt. Auch Fern sucht die Antwort nun auf der Straße, in Momenten der Einsamkeit, der Angst, in Momenten des Zweifels, ob man sich doch wieder sesshaft macht, die Bindung zu jemandem sucht. Und auf Verzweiflung folgt immer wieder die Straße.

Die Menschen, mit denen man sich unterwegs anfreundet, sind die, die jedes Mal weggehen müssen, nicht die, die man jeden Tag sieht. Und der Film wurde auch denjenigen gewidmet, die weggehen mussten. Das Schönste an diesem Leben ist, wie Bob Wells, einer der Nomaden, Fern erzählt, dass es keine endgültigen Abschiede gibt. Man sieht sich wieder mal, tatsächlich, auf der Straße.

»Nomadland«: USA 2020. Regie, Drehbuch und Schnitt: Chloé Zhao, nach dem Buch von Jessica Bruder. Mit: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie und Bob Wells. 108 Minuten. Start: 1.7.

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