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Umgekehrte Vorzeichen

Offensive Italiener und ergebnisorientierte Belgier streiten ums Halbfinale

  • Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Für einen der Sprüche dieser EM hat das Viertelfinale zwischen Belgien und Italien schon gesorgt. Und dieser stand mit seiner bestechenden Logik auch für das Image beider Mannschaften. Ausgesprochen hatte ihn Italiens Hirn im Mittelfeld, Jorginho, den die Kollegen voller Respekt »Professore« nennen. Es ging um Belgiens Stürmer Romelu Lukaku und Italiens Innenverteidigerduo. Jorginho, in Brasilien geboren und seit 2012 im Besitz eines italienischen Passes, sagte: »Ich hoffe, dass Bonucci und Chiellini das Duell gewinnen werden - es sind ja zwei gegen einen.«

Enthalten war in diesem Satz auch die Kunde von Giorgio Chiellinis ausgeheilter Oberschenkelblessur, rechtzeitig vor dem einzigen der vier Viertelfinalspiele, in dem vom Klang her zwei Titelkandidaten aufeinandertreffen. Im Verbund mit dem 34-jährigen Leonardo Bonucci wird der noch zwei Jahre ältere Chiellini an diesem Freitagabend in München wieder das erfahrenste Abwehrpaar dieses Turniers bilden. Doch was typisch für jenes Bild klingt, wonach die Squadra Azzurra auf Defensive und Ergebnisfußball bedacht sei, hat sich bei dieser EM bisher nicht bestätigt, sondern vielmehr ins Gegenteil verkehrt. Die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini fällt vor allem mit einem erfrischenden Offensivstil auf.

Vor dem 3:0 gegen jene Schweizer, die nach dem gewonnenen Elfmeterschießen gegen Weltmeister Frankreich an diesem Freitag in St. Petersburg zum ersten Viertelfinale mit den Spaniern verabredet sind, hatte Italien schon die Türkei überzeugend besiegt (3:0). Dem 1:0 im dritten Gruppenspiel gegen Wales mit einer nahezu komplett durchrotierten Startelf folgte ein enges Achtelfinale gegen Österreich (2:1 nach Verlängerung). Eher nebenbei wurden dabei zwei uralte Defensivrekorde der Azzurri aus den 1930er und 1970er Jahren geknackt. Der ältere davon (31 Spiele ohne Niederlage) könnte nun gegen Belgien ausgebaut werden. Den anderen Rekord (1168 Minuten ohne Gegentor) stoppte zwar Österreichs Stürmer Sasa Kalajdzic vom VfB Stuttgart. Aber dafür ist Kapitän Chiellini ja nun wieder dabei, um Italiens alte mit der neuen Stärke zu vereinen, also die stabile Defensive mit der schwungvollen Offensive.

Von allen Mannschaften hat Italien bei dieser EM bisher am häufigsten aufs Tor geschossen: 87 Mal in vier Partien. »Sie spielen einen unglaublichen Fußball«, sagte sogar Belgiens Dries Mertens voller Anerkennung. Der Angreifer läuft seit 2013 in Italiens Serie A für den SSC Neapel auf und ergänzte: »Italien ist eine Mannschaft, die alle beim Turnier verblüfft hat.« Sein Nationalmannschaftskollege Thorgan Hazard von Borussia Dortmund bezeichnete die Auftritte des kommenden Gegners als »beeindruckend«.

Derartiges war vor dem Turnier eher von Belgien erwartet worden. Auch wegen Ausnahmespielern wie Lukaku, seit 2019 bei Inter Mailand, Kevin De Bruyne und Thorgan Hazards Bruder Eden. De Bruyne und Eden Hazard gingen allerdings angeschlagen aus dem Achtelfinale gegen Europameister Portugal (1:0), übten zuletzt nur individuell und fehlten auch am Donnerstag beim Abschlusstraining der Mannschaft von Trainer Roberto Martínez. Von einem begeisternden Offensivstil wie bei Italien sind die Belgier aber auch mit ihren herausragenden Kickern weit entfernt gewesen. Trotz ihrer acht Turniertore, womit sie hinter Spanien (elf), Italien und Dänemark (je neun) zwar den viertbesten Ertrag erwirtschaftet haben. Was die Torschüsse angeht, stehen bei Belgien mit 38 von allen Viertelfinalisten aber die zweitwenigsten nach England mit 27 in der Bilanz. Und es ist durchaus bezeichnend, dass Dortmunds eher grobschlächtiger Rechtsverteidiger Thomas Meunier bisher zu den auffälligsten Akteuren seines Nationalteams zählt. Mitreißend geht jedenfalls anders, andererseits spricht es für die Qualität einer kühlen Effizienz, mit der die Roten Teufel zu ihren vier EM-Siegen gekommen sind.

Es wirkt, als sei jener Ergebnisfußball ihr Vorbild, der einst als Kernkompetenz der Italiener galt. Es ist also eine Verabredung unter umgekehrten Vorzeichen. Mit ihrer Stilistik haben Belgier und Italiener auch die Rollen getauscht. Belgiens goldene Generation scheiterte bei den vergangenen Turnieren stets als offensiver Geheimfavorit, nun soll der Ergebnisfußball bei ihrer wohl letzten Chance endlich zu einem Titel führen. Hinter Italien, 2006 noch Weltmeister, liegen dagegen Jahre des Niedergangs. Bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 schied man nach der Gruppenphase aus, 2018 verpasste Italien gar die Teilnahme. Bei der EM 2016 reichte es immerhin fürs Viertelfinale. Bei dieser EM hat sich Mancinis Team nun vom Außenseiter zum Geheimfavoriten entwickelt. Wie man als solcher einen Titel holt, weiß »Professore« Jorginho. Er gewann mit dem FC Chelsea Ende Mai das Finale der Champions League gegen Manchester City und De Bruyne.

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