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Ein Märchen, das auf sein Ende wartet

Zirkus Europa

  • Von Sven Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Im letzten Sommer hat Milan Baroš noch gespielt. Mit 38, bei seinem Heimatverein Baník Ostrava, es reichte in 17 Spielen nur noch zu einem Tor. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. In diesen Tagen, da sich der europäische Zirkus auf dem ganzen Kontinent breit macht, wird viel geredet und geschrieben über Baroš. Über die EM 2004 in Portugal, als die Tschechen die hoch eingeschätzten Niederländer besiegten und im Viertelfinale auf Dänemark trafen. Gewisse Parallelen zur Gegenwart sind nicht von der Hand zu weisen.

Im Sommer 2004 stellen die Tschechen die mutmaßlich beste Mannschaft Europas. Mit dem Hünen Petr Čech im Tor, dem Virtuosen Tomáš Rosický und dem Strategen Pavel Nedvěd im Mittelfeld, für das Toreschießen ist Baroš zuständig. Das ist schon mal deshalb bemerkenswert, weil er nach einem komplizierten Knöchelbruch die gesamte Saison über kaum gespielt hat - sein Vereinsrainer Gérard Houllier scheut das Risiko und setzt ihn nach seiner Genesung meist auf die Tribüne. Das führt zu der kuriosen Situation, dass Baroš zwar in einer der stärksten Nationalmannschaften der Welt spielen und Tore schießen darf, beim kriselnden FC Liverpool aber nur zuschaut.

Bei der EM 2004 startet Baroš sofort durch. Im ersten Vorrundenspiel weist sein später Ausgleich den Weg zum 2:1-Sieg über Lettland. Sein schönstes Tor gelingt ihm im schönsten Spiel des Turniers, beim 3:2- Sieg über die Niederlande - ein Volleyschuss von der Strafraumgrenze unter die Latte. Beim 2:1 gegen Deutschland narrt er Jens Nowotny und Christian Wörns, zwei Abwehrspieler, die nicht im Verdacht übertriebener Rücksichtnahme stehen. Beide dürften sich noch lange daran erinnern, wie Baroš sie auf dem Weg zum Tor stehen lässt. Der eine versucht zu rempeln, der andere zupft am Trikot, doch der Tscheche läuft einfach weiter und schiebt den Ball an Oliver Kahn vorbei.

Zirkus-Europa-Kolumnist Sven Goldmann wirft einen Blick auf die EM-Historie.
Zirkus-Europa-Kolumnist Sven Goldmann wirft einen Blick auf die EM-Historie.

Im Viertelfinale gegen die Dänen dauert es seine Zeit, bis das erste Tor fällt. Jan Koller erzielt es, dann ist Baroš dran. Erst mit einem feinen Heber, dem er kurz vor Schluss mit einem humorlos abgeschlossenen Konter noch das finale 3:0 folgen lässt. In vier EM-Spielen kommt er damit auf fünf Tore, fünfmal so viele wie in der gesamten Saison für Liverpool. Danach verneigt sich ganz Europa vor den furiosen Tschechen. Die Zeitung »Mladá fronta Dnes« titelt: »Bum! Bum! Bum!«. Und da es im Halbfinale gegen Otto Rehhagels Griechen geht, träumen sie zwischen Prag und Ostrava ganz offen vom Finale. Dass Baroš vor den Defensivqualitäten des Gegners warnt und ahnt, »dass es schwer genug wird, überhaupt ein Tor zu erzielen«, wird als branchenübliche Tiefstapelei abgetan. Am Ende kommt es, wie von ihm befürchtet: Die Tschechen schießen kein Tor, die Griechen aber erzielen eins und ziehen damit ins Finale ein, das sie auf gewohnt sparsame Weise 1:0 gegen Portugal gewinnen.

Baroš bleibt der Titel des Torschützenkönigs, das tschechische Fußballmärchen aber wartet weiter auf Vollendung. Einen ersten Schritt können Baroš’ später Nachfolger Patrick Schick und seine Kollegen an diesem Sonnabend in Baku machen - im Viertelfinale gegen Dänemark.

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