Der Traum eines jeden

Am Sonntag empfangen die Engländer in ihrem ersten großen Endspiel seit 1966 die starken Italiener zum Finale der EM

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.
Mit langem Anlauf zum großen Titel? Italiens Marco Verratti (r.)
Mit langem Anlauf zum großen Titel? Italiens Marco Verratti (r.)

Ist es ein Gewinn, dass nicht um Platz drei gespielt wird bei einer Europameisterschaften? Die Dänen wären sicherlich gerne am Samstag noch einmal zu einem Match um Bronze aufgelaufen, wie es bei Weltmeisterschaften üblich ist. Doch bei der EM gibt es das Duell der Halbfinalverlierer nicht. Und der erfolgsverwöhnte Rekordeuropameister Spanien (wie die Bundesrepublik Deutschland mit drei Titelgewinnen) dürfte wohl froh sein, sich dieses »unnötigste aller Spiele«, wie der holländische Trainer Louis van Gaal 2014 spöttelte, erspart zu haben.

Stattdessen geht das Kontinentalturnier am Sonntagabend um 21 Uhr im Fußballtempel Wembley in die Vollendung - mit einem Finale, dass es so noch nie gab, auch wenn seine Protagonisten zwei der ganz großen Fußballnationen sind: Italien gegen England, vierfacher Weltmeister gegen Fußball-Mutterland. Ein Duell zweier Nationen, deren Klubfußball zur Weltspitze gezählt werden muss, vor 65 000 euphorischen Zuschauern in London: »Das ist der Traum eines jeden Kindes, das Fußball spielt, es wird ein episches Finale, und auf jeden Fall wird Geschichte geschrieben«, freute sich Italiens Nationalspieler Marco Verratti am Donnerstag. »Was das für unser Land bedeutet! Ich habe so eine Stimmung im neuen Wembley noch nie erlebt«, sagte Englands Trainer Gareth Southgate nach dem 2:1-Halbfinalsieg gegen Dänemark.

Während es für die Engländer das erste Finale bei einem großen Turnier seit dem WM-Sieg 1966 ist, haben die Italiener immerhin drei EM-Endspiele aufzuweisen: 2012 ging die Squadra Azzurra im Olympiastadion Kiew sang- und klanglos gegen Spanien unter, 2000 unterlag man in Rotterdam der französischen Elf rund um Zinedine Zidane mit 1:2 nach Verlängerung. Vor langer langer Zeit aber sicherte sich Italien schon einmal den Europameistertitel: 1968 beim 2:1 gegen Jugoslawien im Olympiastadion von Rom.

Der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers leitet das Finale am Sonntag - und spätestens eine halbe Stunde vor Mitternacht wird sein letzter Pfiff erklungen sein, der neue Titelträger feststehen. Das letzte K-o.-Spiel der beiden Finalisten war eine knappe Angelegenheit: Im Viertelfinale der EM 2012 bezwangen die Azzurri die Three Lions erst im Elfmeterschießen.

Wer wird es diesmal machen? Die spielstarken Italiener, die sich mit leidenschaftlichen Auftritten in die Herzen aller Fußballliebhaber Europas gespielt haben? Oder beenden die Engländer die 55 Jahre währende Titel-Durststrecke - im heimischen Fußballtempel, der trotz der grassierenden Deltavariante zu zwei Dritteln mit Menschen gefüllt sein wird, die keinen Mundschutz tragen?

Corona und all das Andere nebenher: Selten war ein EM-Turnier derart aufgeladen mit politischen und gesellschaftlichen Themen wie diese 16. Kontinentalmeisterschaft. Angefangen mit den Pfiffen in St. Petersburg für niederkniende Nationalspieler, die damit ein Zeichen der Solidarität und gegen Rassismus setzen wollten, hin zur Diskussion um das Münchner EM-Stadion, das die Stadtväter gern in Regenbogenfarben erstrahlen lassen wollten aber nicht durften, bis zur Frage nach den Masken und dem Sinn einer paneuropäischen Pandemie-EM: 300 von 2500 finnischen Fans kehrten coronapositiv aus dem deltagebeutelten St. Petersburg heim und sorgten für Verstimmung in den finnischen Medien, während Großbritanniens Premierminister Boris Johnson für die Finalwoche in London alle Vorsicht fallen lässt. Dazu die Diskussion um den autokratischen EM-Gastgeber Aserbaidschan und der Herzstillstand des Dänen Christian Eriksen. Diese EM wird Spuren hinterlassen.

Für die Fans hierzulande bleibt ein schaler Nachgeschmack. Was wäre möglich gewesen, hätte Joachim Löw mit dem starken Kader weniger zögerlich hantiert? Musste schon im Achtelfinale gegen England Schluss sein? Zuhause war das Interesse riesig: Im Schnitt sahen 27,49 Millionen Menschen beim Aus der DFB-Elf zu, ein Marktanteil von 76 Prozent. Fußball bleibt ein Topprodukt.

Und tatsächlich bot diese EM ja auch viel Unterhaltsames und Herzerwärmendes: Die wundersame Reise der Dänen, die Trainer Kasper Hjulmand bis ins Halbfinale führte, das Acht-Tore-Spektakel beim Achtelfinale zwischen Spanien und Kroatien und am selben Abend noch der grandiose Achtelfinalsieg der Schweizer über Weltmeister Frankreich. Dazu massenhaft Eigentore und gehaltene Elfmeter oder große Gesten wie das von Leon Goretzka geformte Herz in Richtung der ungarischen Fans. Gewiss ist, dass auch das letzte Kapitel dieser EM eine große Geschichte hervorbringen wird. Strahlende Helden, tragische Verlierer - auf welcher Seite, das wird am Sonntag bestimmt.

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