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Im Handgemenge

Zwischen Aktivismus, Gesellschaftskritik und Kunst: Der Theatermacher Milo Rau schreibt Kolumnen über sich und die Welt

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 6 Min.

Es gibt Künstler, deren Ausstoßgeschwindigkeit ist geradezu unheimlich. Einer davon ist Milo Rau. Hat man gerade das neueste - oder war es überhaupt das neueste oder doch das davor? - Stück des Theatermachers gesehen, folgt schon ein Kinofilm, während auch zwei neue Bücher erscheinen, er im Schweizer Fernsehen über Literatur diskutiert und - offenbar ganz nebenher - noch Kolumnen für die Schweizer »SonntagsZeitung« verfasst. Und jeder, der sich schon einmal an diesem Genre versucht hat, weiß, dass Kolumnen sich zwar wie »nebenher« lesen sollen, aber sich nicht so schreiben. Mühselig versucht man Anekdotisches mit Universalem zu verbinden, mit Blick auf die großen Themen der Zeit und fürs Detail. Und während man sich fachgerecht das Hirn zermartert, stellt man sich den Olymp der bundesdeutschen Kolumnenschreiberei mit Maxim Biller und Mely Kiyak vor, und könnte glatt verzagen.

»Grundsätzlich unvorbereitet«, so Rau über sich selbst, sei hingegen sein Programm - und auch der Titel einer Sammlung von Kolumnen aus den Jahren 2015 bis 2021. »99 Texte über Kunst und Gesellschaft« verkündet der Untertitel, was keineswegs zu viel versprochen ist, lässt sich die Auswahl als Reflexion des wie erwähnt umfangreichen künstlerischen Schaffens lesen, als »kleine Form« der Betrachtung eines Getriebenen. »Was mich vor allem beunruhigt, ist gerade die Ruhe, mit der wir dem Untergang unserer Welt zuschauen«, schreibt er. Man ahnt, dass die Gründe für die unheimliche Produktivität auch ein objektives Moment haben.

Aus den in »Grundsätzlich unvorbereitet« versammelten Texten ergibt sich ein Bild des politisch engagierten Künstlers. Aufgewachsen in St. Gallen in der Schweiz (die Großmutter war eine Textilindustrielle, der Großvater, Dino Larese, ein Schriftsteller, der Kontakt zu Thomas Mann und Martin Heidegger pflegte), zieht es Rau dann zu den Zapatisten nach Mexiko. Die Revolte im Bundesstaat Chiapas fasziniert den jungen Mann. In einem Nahrungsmitteltransporter versteckt, gelangt er in die autonome Zone, wird aber von ungefähr Gleichaltrigen mit Maschinengewehren alsbald entdeckt. Passiert ist ihm nichts. Das Passieren von Checkpoints in Kriegs- und Krisengebieten ist ein sich wiederholendes Motiv seiner Texte. Wenn man sich als Künstler ausgibt, komme man gut durch solche Kontrollen, schreibt Rau. Künstler gelten als harmlos.

Journalisten haben es schon schwerer. Wobei auch diese Einordnung bei Rau nicht ganz unzutreffend wäre. Er arbeitete seit Jugendjahren verschiedentlich journalistisch, unter anderem als gar nicht schlecht bezahlter Nachrufeschreiber einer großen Schweizer Zeitung. Das Dokumentarische schlägt sich bis heute in seinen künstlerischen Arbeiten nieder, ebenso ein analytischer und kritischer Blick auf Gesellschaft. Soziologie war eines seiner Studienfächer. Wie kam dann aber das eine zum anderen? »In den 90er Jahren angetreten, um Soziologe zu werden, bin ich durch die Zufälle der Prokrastination Dichter, Kritiker, Regisseur und Kolumnenschreiber geworden«, schreibt Rau nicht ohne selbstironische Koketterie.

Rau interessiert sich nicht nur für die Zapatisten, ebenso für die Peschmerga in den kurdischen Gebieten des Irak, für die Massaker in Ruanda oder im Osten des Kongo, für die miserable Lage der Flüchtlinge in Süditalien und für die deindustrialisierte Tristesse in Belgien. Ein Jetsetter und Profiteur des globalen Elends wird Rau gelegentlich geschimpft. Das zugrundeliegende Problem ist, dass sich heute das bloße Anprangern des Elends in die herrschende Ökonomie und die Gepflogenheiten des Konsums fügt, solange man zumindest darauf verzichtet, die revolutionären Lösungen gleich mitzugeben. Auch aus Mitleid lässt sich noch Kapital schlagen. Dieser Korrumpierung der Affekte im Kapitalismus muss man sich zumindest gewahr werden.

Rau aber weiß das. Die eigene Tatenlosigkeit versuche er, wie unter Intellektuellen üblich, mit Gesellschaftskritik zu lindern, heißt es. Um kurz darauf die zynische Bescheidwisserpose ebenfalls zurückzuweisen. Gesellschaftskritik ohne Aktivismus ist leer, Aktivismus ohne Gesellschaftskritik ist blind, so ließe sich Raus Position resümieren. Es gibt, und das könnte ein tieferer Grund des Vorwurfs gegen Rau sein, eine innere Spannung aller engagierten Kunst, die sich zugleich an das heftet, was sie verurteilt - ein Dilemma.

Ein weiterer Effekt ist, dass solches Engagement zur bekannten, allseits geschätzten, aber ebenso wirkungslosen Marke wird. Rau muss man das nicht erzählen. »Es gibt kein Festival, auf dem mich nicht bereits eine hochintelligente Kuratorin mit einer ›Politik und Kunst‹-Gesprächsrunde erwartet, zu der neben meiner Wenigkeit die immer gleichen Teilnehmer eingeladen sind. Eine wirkliche Auseinandersetzung ist daher in etwa so wahrscheinlich wie eine hitzige Richtungsdebatte auf einem nordkoreanischen Parteikongress.« Eine gewisse Abgebrühtheit hinsichtlich des Kunst- und Medienbetriebs darf man Rau durchaus unterstellen. Zu virtuos bewegt er sich darin, zu genau dürfte er entsprechend dessen immanente Beschränktheit kennen. Die Gefahr liegt nahe, Rau allein zu kritisieren, weil er erfolgreich ist. Eine verführerische, weil naheliegende Kritik.

Doch auch hier sollte man es sich so einfach doch nicht machen. Gegen den Erfolg eines linkspolitisch engagierten Künstlers ist nämlich zunächst nicht viel einzuwenden. Schwerer wiegt eine Kritik, die sich am Ästhetischen und Politischen abarbeitet. Nicht, dass das einfach zu leisten wäre. Aber es lässt sich doch feststellen, dass bei Rau teils auseinanderfällt, was er eigentlich zusammenführen will: Engagement, Gesellschaftskritik und Kunst. Um direkt zu ergänzen, dass genau das in seinen besten Momenten eben doch gelingt. In diesem Widerspruch wäre eine ernsthafte und an der Sache interessierte Kritik wohl bestens situiert.

In »Grundsätzlich unvorbereitet« lässt sich Raus künstlerische Entwicklung nachvollziehen. Die Arbeit am »Kongo-Tribunal« wird erwähnt, ebenso die »Moskauer Prozesse«, allesamt Inszenierungen theatraler Gerichtsbarkeit. Dann »Die 120 Tage von Sodom« nach dem berühmten Film von Pier Paolo Pasolini, aufgeführt in Zürich mit behinderten Schauspielern des Theaters Hora. »Orest in Mossul«, eine Antikenüberschreibung in der nordirakischen Metropole nach der Herrschaft des »Islamischen Staats«. »Der Genter Altar«, eine Hommage an das berühmte Sakralwerk der Brüder van Eyck und zugleich an die Stadt in Westbelgien, wo Rau seit 2018 das bekannte Theater leitet. »Die Wiederholung«, die Wiederaufführung einer traumatischen Gewalterfahrung. »Five Easy Pieces«, Kinder, die die Geschichte des Kindermörders Marc Dutroux spielen. Die Erfahrungen dieser Arbeiten lässt Rau in seine Kolumnen eingehen. Eine detailliertere Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Methode ist das nicht, eine solche findet sich aber in Milo Raus Buch »Das geschichtliche Gefühl«.

Doch nicht nur Raus künstlerisches Tun zieht mit den Kolumnen an einem vorbei, ebenso das Weltgeschehen der vergangenen Jahre - von der Hetze gegen Flüchtlinge über Debatten zur »Cancel Culture« bis zu Corona. Oder alles zugleich. »Der narzisstische Wunsch nach Safe Places war 20 Jahre lang das Steckenpferd rechter und linker Identitätspolitiker, nun ist es epidemiologisch gestützte Staatsideologie. Corona etabliert die Trigger-Warnung als Lebensstil«, notiert Rau. Nicht ohne Selbstkritik, denn »während wir Intellektuellen zu Hause sitzen, zum fünften oder sechsten Mal Camus’ ›Die Pest‹ online streamen und Solidaritätsaufrufe unterschreiben, hat sich die Globalisierung des Leids beschleunigt. Vor allem ist sie noch einseitiger geworden. Wer sich die Quarantäne nicht leisten kann - also sagen wir mal zurückhaltend 80 Prozent der Menschheit -, der geht nur noch schneller vor die Hunde als vorher schon.« Die bestehenden Machtverhältnisse seien untermauert worden, so Rau.

Die einen müssen arbeiten, damit die anderen zu Hause streamen können. Und »die gleichen Megakonzerne, die ihre genetisch veränderten Lebensmittel pausenlos um die Welt fliegen, werden uns bald auch das Heilmittel für die neueste pandemische Folge dieser rücksichtslosen Globalisierung verkaufen.« Kapitalistische Totalität ist nicht nur eine Phrase, sondern eine Wirklichkeit, von der Rau einiges zu berichten weiß. Aus 99 Texten setzt sich ein Bild davon zusammen, wie ein politisch engagierter Theatermacher heute auf sich und die Welt blickt.

Milo Rau: Grundsätzlich unvorbereitet. 99 Texte über Kunst und Gesellschaft. Verbrecher-Verlag, 224 S., br., 18 €.

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