Brutal und an der Waffe ausgebildet

Recherche beleuchtet Neonazinetzwerk der »Hammerskins«. Scharfe Kritik an Sicherheitsbehörden

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 5 Min.
Fundstücke einer Razzia bei den »Hammerskins« 2002 in Dresden
Fundstücke einer Razzia bei den »Hammerskins« 2002 in Dresden

Erneut hat die antifaschistische Recherchegruppe »Exif« eine umfassende Untersuchung über eine Neonaziorganisation veröffentlicht. Dieses Mal beleuchtet sie das Agieren des klandestin agierenden Netzwerks der »Hammerskins«. Es versteht sich demnach als internationale »Bruderschaft« und »Elite« der rechten Szene und versucht, die Öffentlichkeit zu vermeiden. Die Organisation militanter Rassisten schreckt laut Recherche nicht vor Gewalt und Terror zurück und bereitet sich seit Jahren auf einen »Tag X«, den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung, vor. »Exif« wurde auch ein geheim aufgenommenes Video des »Hammerfestes« 2019 aus Frankreich zugespielt, dem wichtigsten Gruppentreffen des Jahres. Die Aufnahmen zeigen unter anderem den Hitlergruß gebende Massen und Auftritte von Rechtsrockbands.

Als eine Art Dachverband fungiert Exif zufolge die »Hammerskin Nation« (HSN). Lokale Gruppen, nach Rockervorbild »Chapter« genannt, gibt es weltweit. Der HSN sind zwölf Ableger in europäischen Ländern, zehn Chapter im außereuropäischen Ausland, darunter in den USA, Neuseeland und Brasilien, sowie 13 aktive Chapter in Deutschland angeschlossen.

Gruppen existieren in mehreren Bundesländern. Das Chapter »Mecklenburg« etwa habe sich gar eine eigene Lebenswelt geschaffen. »Sie besuchen gemeinsam Aufmärsche, organisieren Kinderfeste, feiern zusammen Hochzeiten und Geburtstage, sind aktiv in Vereinen oder ›Bürgerinitiativen‹, besitzen Immobilien und Firmen«, schreibt Exif. Das lokale Netzwerk erstrecke sich von Kameradschaften über extrem rechte Parteien und Rockerclubs bis hin zu rechtsterroristischen Netzwerken wie »Nordkreuz«. Ebenso ließen sich illegaler Waffenbesitz, »Wehrsport« und Schießtrainings im Schützenverein belegen.

Als »tonangebend« gelten dem Rechercheteam die Chapter »Westwall« und »Sarregau«. Ersteres umfasst die südwestdeutsche Gegend vom Odenwald bis ins Saarland, wobei sich 2019 im Saarland noch eine eigene Gruppe gründete. »Immer wieder schaffen sich die südwestdeutschen ›Brüder‹ Treffpunkte, die auch der europäischen Struktur als Anlaufstellen dienen«, schreibt Exif.

Die Gegend von Bremen bis in den Ruhrpott wird vom Chapter »Westfalen« betreut. Dieser Gruppe können rund fünfzehn Personen zugerechnet werden. Das »Infoportal Antifaschistischer Gruppen aus Bochum« hatte jüngst erklärt, dass zwei Mitglieder für die Stadt Bochum arbeiten würden. Einer sei als Gartenlandschaftsbauer bei den Technischen Betrieben der Stadt tätig, der andere habe sein Büro im Tiefbauamt des technischen Rathauses. Einem weiteren Chapter in Sachsen gehört wiederum zwar nur noch eine »Handvoll« Neonazis an, diese hätten jedoch in der Szene »höchstes Ansehen als ›verdiente politische Soldaten‹«.

Nach Einschätzung der Antifaschisten geht von den Hammerskins große Gefahr aus. 2012 ermordete in den USA ein Mitglied sieben Menschen, in Deutschland hatten im Netzwerk organisierte Neonazis enge Bezüge zum NSU-Komplex und zu den »Hells Angels«. Darüber hinaus waren Mitglieder in zahlreichen anderen Fällen mit Waffentrainings, rassistischen Übergriffen und Gewalt aufgefallen. 2011 überfiel eine Gruppe von Hammerskins auf einem Gartengrundstück in Winterbach in Baden-Württemberg neun Migranten. Diese flohen in eine Gartenhütte, die daraufhin angezündet wurde. Sie konnten sich in letzter Sekunde retten, leiden aber noch heute unter den Folgen des Angriffs.

Umso bemerkenswerter scheint, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz trotz dieser Gewaltbereitschaft in seinem letzten Bericht die Hammerskins mit keinem einzigen Wort erwähnt. »Staatliche Institutionen, die sich auf die Fahne schreiben, das ›Frühwarnsystem der Demokratie‹ zu sein, verharmlosen seit 30 Jahren diese Struktur. Auch, um etliche ihrer V-Leute - von denen bereits eine Handvoll aufgeflogen sind - zu schützen«, erklärt Exif. Die Notwendigkeit eines Verbots der Organisation liegt für die Recherchegruppe auf der Hand. »Schaut man aber auf das Verhältnis der Geheimdienste zu den Hammerskins, wird klar, dass weder der Wille besteht, die Öffentlichkeit wahrheitsgemäß zu informieren, noch das Handeln der Gruppe zu unterbinden.«

Auch in der Linkspartei gibt es Unmut über den Unwillen zum Handeln. »Die Hammerskins finden im letzten Verfassungsschutzbericht keine Erwähnung, obwohl sie extrem gut organisiert, hochvernetzt, militant und bewaffnet sind«, sagte die Bundestagsabgeordnete Martina Renner gegenüber »nd«. Der Recherche des Exif-Kollektivs sei es zu verdanken, dass das Netzwerk und seine Organisationsstruktur nun umfassend offen liege. »Das zeigt, dass auf den deutschen Staat bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus und rechtem Terror kein Verlass ist«, moniert Renner. Es brauche stattdessen eine »Sicherheitspolitik von links«, die das Gefahrenpotenzial rechter Netzwerke endlich ernst nimmt und konsequent bekämpft.

Lorenz Blumenthaler von der Amadeu-Antonio-Stiftung zeigte sich ebenfalls besorgt. »Bei den Hammerskins handelt es sich um eines der gefährlichsten Netzwerke überhaupt: Die mehr als 150 Mitglieder in Deutschland sind brutal, an der Waffe ausgebildet und für die Gewalt auf der Straße trainiert. Dennoch interessierten sich die deutschen Sicherheitsbehörden bisher kaum für sie«, sagte der Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung gegenüber »nd«. »Streng hierarchisch und konspirativ organisiert, entfalten sie mit der zentralen Figur Malthe R., der sich anders als andere Szenegrößen nicht als Rampensau gibt, eine besondere Schlagkraft und können deswegen auf einen großen Kreis, oftmals auch älterer Unterstützender zurückgreifen«, so die Einschätzung des Referenten.

Auch Blumenthaler kritisiert, dass die Hammerskins bisher nicht in den Verfassungsschutzberichten auftauchten, »trotz oder vielleicht sogar wegen aktiver V-Männer« in ihren Strukturen. »Man könnte fast sagen, sie wurden aktiv geschont«, sagt Blumenthaler. Hier müsse radikal gegengesteuert werden, und das nicht nur durch ein Verbot. »Vielmehr müssen Mitglieder ermittelt, Haftbefehle vollstreckt und die weitläufigen Organisationsstrukturen ausermittelt und zerschlagen werden.« Dass ein einfaches Verbot nicht ausreicht, zeige das Verbotsverfahren gegenüber »Combat-18« und »Blood and Honour«: »Die betroffenen Organisationen konnten sich ewig auf ein solches Verbotsverfahren vorbereiten und auch die etablierten rechtsextremen Netzwerke bestehen nach wie vor.«

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