Radfahren kann Leben verändern

Nicholas Dlamini ist der erste schwarze Südafrikaner bei einer Tour de France. Das Fahrrad hat ihn einst aus der Township geholt. Das hofft er auch für andere Kinder

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 8 Min.
Nicholas Dlamini: Radfahren kann Leben verändern

Das war Ihre erste Tour de France. War sie so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Sie war viel größer als die anderen Rennen, die ich bisher gefahren bin. Der Druck ist größer, das Peloton ist nervöser. Es ist auch schwerer, seinen Platz im Feld zu behaupten, denn jeder hat hier etwas vor. Die einen wollen gewinnen, die anderen ihre Kapitäne beschützen. Der Stress ist einfach größer. Dazu kommen die Massenstürze in der ersten Woche. Es ist immer traurig, Fahrer stürzen und dann nach Hause fahren zu sehen.

Was hatten Sie sich für die Tour sportlich vorgenommen?

Ich bin ganz gut in den Bergen. Mein Ziel war daher, vor allem in den Bergen in Ausreißergruppen zu gehen.

Dennoch sind Sie an einer Bergetappe gescheitert und schieden aus dem Rennen aus. Sie haben sich bei dieser Bergetappe in den Alpen ins Ziel durchgekämpft, obwohl früh klar war, dass Sie das Zeitlimit, in dem man im Ziel sein muss, nicht mehr erreichen würden. Warum sind Sie nicht einfach früher in ein Auto gestiegen und haben sich ins Ziel bringen lassen?

Es war eine sehr harte Etappe mit einigen schweren Bergen. Das Wetter hat sie noch einmal härter gemacht. Für mich war an diesem Tag das Wichtigste, einfach nicht aufzuhören, in die Pedale zu treten. Die Tour de France ist ein großes Rennen, es war lange mein Traum, dabei zu sein. Ich wollte dem Rennen Ehre erweisen und konnte deshalb nicht einfach so in ein Auto steigen.

Der Beginn der Tour de France war von vielen Stürzen überschattet, viel Blut floss, es gab Knochenbrüche. Ich stelle mir vor, dass Sie Gewalt aus Capricorn Park kennen, der Township bei Kapstadt in Südafrika, wo Sie aufgewachsen sind.

Das kann man gar nicht miteinander vergleichen. Aufwachsen in einer Township ist niemals leicht. Man wird dort mit einer ganzen Menge verrückter und schlimmer Dinge konfrontiert. Ich habe gesehen, wie Leute umgebracht und wie andere von einem Zug überfahren wurden. Zu jedem Zeitpunkt kann es passieren, dass Leute miteinander kämpfen. Sie nehmen plötzlich ein Messer oder eine Schusswaffe heraus, und los geht es.

Für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist das höchstens Nachrichtenrealität - für Sie war das Alltag.

Ja, das war so. Normalerweise läuft man ja weg, wenn jemand ein Messer oder eine Pistole zieht. In Capricorn Park läuft man aber nicht weg, man bleibt stehen und guckt zu, weil man wissen will, wie es weitergeht. Es ist auch sonst völlig verrückt. Die Straßen sind dreckig, die Häuser sehr klein, aus den billigsten Materialien von der Regierung gebaut. Wenn es regnet, saugen sich die Türen voll und lassen sich nicht mehr schließen. Durchs Dach regnet es herein, wir haben dann Eimer unter die Löcher gestellt.

Ich kann mich auch erinnern, dass meine Mutter immer früh aufstehen musste, um zur Arbeit zu gehen. Sie hat als Haushaltshilfe gearbeitet. Um pünktlich da zu sein, musste sie schon um fünf Uhr raus. Sie ging dann zur Haltestelle der Minibusse. Weil es in der Township so gefährlich ist, habe ich sie manchmal begleitet. Man passt sich an eine solche Umgebung aber auch an, wenn man darin aufwächst. Ich habe das bei mir und bei meinen Freunden gesehen. Man kommt mit der Situation klar, und man findet auch Glück und Freude.

Dennoch, das klingt alles nicht nach einer idealen Umgebung, um Radprofi zu werden. Wie kamen Sie überhaupt mit dem Radfahren in Berührung?

In einer Township hat vielleicht einer von 15 Jungs ein Fahrrad. Wir haben immer Schlange gestanden, um Fahrrad fahren zu können. Einer nimmt es für eine Minute, bringt es dann zurück, und der andere springt auf.

Man könnte das auch als frühes Intervalltraining bezeichnen. Wie kamen Sie dann vom einfachen Radfahren zum Sport?

Es hat mich einfach interessiert. Ich habe sowieso viel Sport gemacht, auch zusammen mit meiner Schwester. Sie war sogar noch talentierter als ich. Ich habe als Leichtathlet, als Läufer angefangen. Wir traten bei Wettkämpfen am Wochenende an und gewannen ziemlich häufig. Das gab uns ein gutes Gefühl. Meine Schwester war so talentiert, dass sie Rennen ganz ohne Training gewann. Es war wirklich eine gute Zeit.

Ein Freund erzählte mir damals aber immer wieder, was er alles gesehen hat, wenn er mit dem Rad unterwegs war. Da war ich fasziniert. Und ich dachte: Versuche doch Radsport und finde heraus, was du da entdecken kannst. Und es war eine ganze Menge. So wuchs die Liebe zum Radsport.

Radsport macht also mehr Freude als Ausdauerlauf?

Ich habe es geliebt, weil ich einfach mehr entdecken konnte als beim Laufen. Mit 14 Jahren konnte ich nur fünf oder zehn Kilometer weit laufen. Mit dem Rad kam ich aber 100 Kilometer weit. Ich habe viel von Kapstadt gesehen, was ich sonst nie gesehen hätte. Und es hat mir jede Menge Bewegungsfreiheit gegeben, auch um meine Leute zu treffen.

Danach bekam ich viel Unterstützung, erst auf Klubebene, dann beim Continental-Team in Lucca und jetzt beim Worldtour-Rennstall. Und als Krönung gibt es die Tour. Es ist wirklich eine besondere Entwicklung.

Was hat die Tour-Teilnahme für Sie bedeutet - und was für Ihr Land, auch für die jungen Leute, die Sie aus der Ferne anfeuern?

Für mich ist natürlich ein Traum in Erfüllung gegangen. Als ich früher die Tour de France im Fernsehen sah, hätte ich nicht gedacht, einmal selbst dabei zu sein.

Für die Kids in den Townships ist es ein Zeichen, dass man es schaffen kann, dass man Ziele erreichen kann. Es hat große Bedeutung, denke ich. Die Aufmerksamkeit war schon groß, als meine Nominierung für Olympia bekannt wurde. Als die Tour-Teilnahme klar war, war der Trubel noch größer.

International bekannt wurden Sie aber nicht mit einer positiven Nachricht, sondern mit einer negativen: 2019 brach Ihnen ein Parkranger bei Kapstadt bei einer Kontrolle in einem Naturschutzgebiet den Arm. Was genau war da passiert?

Es war ein ganz normaler Trainingstag. Ich fahre oft auf diesen Berg. Er ist fünf bis sechs Kilometer von meinem Haus entfernt. Man braucht zehn, elf Minuten bis zum Gipfel. Es ist eine gute Übung. Ich war da auch schon mit anderen Profis, Ben Swift, Bernie Eisel und anderen. Man fährt durchs Tor, klettert auf den Berg und dreht wieder um.

An jenem Tag war ich allein. Ich fuhr durchs Tor, dann auf den Berg, und als ich zurückkam, stand mitten auf dem Weg ein Parkranger. Ich hatte keine Ahnung, was er wollte. Er hielt mich an, indem er einfach in meinen Arm griff. Er fragte mich dann nach meiner Eintrittskarte. Aber man brauchte niemals eine Eintrittskarte. Ich sagte ihm auch, dass ich ein Radprofi bin und hier immer trainiere. Als ich dann zu meinem Telefon griff, um ihn anzuzeigen, griff er nochmals heftig nach meinem Arm und zog daran, bis er brach. Ich denke, er hätte das niemals gemacht, wenn ich weiß gewesen wäre.

Hat Sie das Erlebnis schockiert?

Ja, irgendwie war ich geschockt, dann aber auch nicht. Ich bin in einer Township aufgewachsen, da habe ich schlimmere Dinge gesehen. Die Sache ist: Solche Geschehnisse werden niemals aufhören, solange es Leute gibt, die sie unter den Tisch fallen lassen und vertuschen wollen. Für mich war es wichtig, dass der Vorfall Aufsehen erregte, dass ich gehört wurde - und dass die Botschaft von Black Lives Matter auf der ganzen Welt gehört wird.

Wie ist es im Radsport? Den symbolischen Kniefall gab es selten von Radprofis zu sehen. Einige Ihrer Profikollegen, etwa der französische Sprinter Kevin Reza - 2020 der einzige schwarze Profi bei der Tour - beklagten sich über rassistische Anfeindungen.

Ich persönlich habe das nicht erlebt. Es hängt auch immer davon ab, wer du bist und wie du dich gegenüber den anderen Leuten im Peloton verhältst. Aber natürlich muss man da genauer hinsehen. Rassismus darf nicht toleriert werden und sollte im Radsport keinen Platz haben. Wir könnten sicher mehr tun.

Ihr Team Qhubeka NextHash ist ein besonderes im Profiradsport. Es fährt für die Qhubeka-Stiftung, die Fahrräder an Kinder vergibt, die wie Sie früher kein Geld für ein Fahrrad haben. Waren Sie bei einigen Übergaben von Rädern dabei?

Ja, ich habe glücklicherweise eine ganze Menge dieser Übergaben von Rädern erlebt. Für die Kids ist das eine Erfahrung, die ihr Leben verändert. Manche von ihnen haben zuvor nicht einmal ein Rad berührt, geschweige denn eins besessen. Aufs Rad zu steigen und damit zu fahren, ist wirklich sehr besonders für sie. Man sieht es ihren Gesichtern an, ihrem Lachen. Für sie ist so ein Rad ein Wendepunkt in ihrem Leben, denn es vergrößert ihren Bewegungsradius.

Die Tour de France endet am 18. Juli, das ist zugleich der Mandela Day, ein wichtiger Feiertag für Südafrika. Hat das Team da etwas Besonderes vor?

Es ist ein besonderer Tag, für mich als Südafrikaner noch mehr. Das Team hat an diesem Tag immer spezielle Kleidung. Und mal sehen, was sportlich gelingt.

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