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Gleiche Brust für alle

JEJA NERVT: Nach der Berliner Oben-Ohne-Demo muss es darum gehen, Protestformen zu finden, durch die nicht vor allem dünne, weiße FLINT zum Mitmachen motiviert werden

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 4 Min.

Vergangenen Samstag fuhren etwa 700 Radfahrer*innen durch Berlin. Wer Brüste hat, tat das zumeist oberkörperfrei. Feministische Aktivist*innen riefen zu einem »Summer of Nipple Resistance« auf und es haben sich Gruppen gefunden, weitere Aktionen vorzubereiten. Ihr Ziel unter anderem: die Abschaffung der »Ordnungswidrigkeit«, die den Geschlechtern und Körpern der Hauptstadt unterschiedliche Rechte einräumt, wie weit sie sich obenrum frei machen dürfen. Ich bin auch mitgeradelt. Nach den Monaten von Lockdown und horrenden Todeszahlen war die luftige Radtour ein Mut machender Ausflug in die Leichtigkeit. Das Recht, seine Brüste nicht verhüllen zu müssen, mag nicht dieselbe Falltiefe haben wie andere anstehende Probleme. Und trotzdem geht es bei diesem Spaß machenden Protest um etwas ganz Grundsätzliches.

Ein erster Eindruck davon, wie furchteinflößend nackte Brüste von FLINT (»Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinäre, Trans«) für das Patriarchat sind, lässt sich am Hass erkennen, den die Aktion im Netz nach sich zog. Insbesondere kübelten Männer ihre Fantasien sexueller Gewalt - freilich zumeist von anderen, schlechten Männern begangen - in Kommentarspalten und Tweets. Gleichzeitig wären dann die Betroffenen stets »selber schuld«. Dabei ist »selber schuld« einer der zentralen Mechanismen, mit dem sich das Patriarchat über seine Tausende Jahre andauernde Geschichte rechtfertigt und am Leben hält.

Es ist egal, ob der patriarchale Sound als »schützende« Geste daherkommt, als Bedrohung mit der eigenen sexuellen Gewalt oder der sexuellen Gewalt anderer Männer - ob er gerade für Verhüllung trommelt oder Enthüllung, ob er sich vermeintlich »freizügig« oder vermeintlich »prüde« gibt: Dass die Körper von Frauen (und solche, die dafür gehalten werden) durch Männer bewertet, angeeignet und kontrolliert gehören, steht für ihn nicht zur Debatte.

Wie schwer sich viele darin tun, sich befreite Frauenkörper überhaupt nur vorzustellen, wurde auch in einer Meldung des Berliner Tagesspiegel deutlich. Dort hieß es am Tag der Demo: »Mit einem bunten Oben-ohne-Radkorso durch die Berliner Innenstadt« hätten die Teilnehmenden am Samstag »humorvoll auf ein Verhüllungsgebot in Parks der Hauptstadt reagiert.« »Humorvoll«, das klingt ein bisschen wie »das können die doch nicht ganz ernst meinen«.

Doch, wir meinen es ernst - so unterschiedlich die Gewichtungen in unserem Protest dabei auch sein mögen. Ich würde etwa gar nicht mitgehen bei Forderungen, den weiblichen Körper oder Brüste zu entsexualisieren, wie von einigen vertreten. Das Problem sind nämlich nicht die sexuellen Empfindungen, die sich im Übrigen auch an Haaren, Gesichtern oder den Umrissen und Formen der Körper entfachen und sich, in meinem Fall, eben auch auf eine flache, »männliche« Brust beziehen können. Das Problem ist die machtgeladene Besetzung herrschender Sexualität, die nicht bloß irgendwie unfrei macht, sondern eng verknüpft ist mit einem ganzen Orchester unterschiedlichster Formen sexueller Gewalt, die sich vor allem gegen Frauen richtet.

Der Auffassung zu widersprechen, dass die nackte Brust Sexualität und Gewalt auslöst und darum ungebührlich sei, ist der antipatriarchale Kern des Protests. Sie weist die Verantwortungsabgabe an die Opfer der Gewalt zurück zu denen, von denen die Gewalt ausgeht.

Alle Nippel sind gleich - Marie Frank über die Diskriminierung von Frauen durch den Paragrafen 118

Das dann »humorvoll« zu finden, vollzieht übrigens genau diese Bewegung nach: Man mag zwar selber nicht anders können, als über insbesondere Frauen zu lachen, die es wagen, trotz ihrer Körper Menschen sein zu wollen. Das heißt aber nicht, dass die es als Witz, als nicht ganz so ernst gemeint und darum zum Lachen eingeladen haben.

Man sollte wohl generell lernen, die eigenen Empfindungen, die man in Bezug auf Frauen hat, nicht immer als von denen selber verursacht und intendiert zu dechiffrieren. Kleiner Soft-Skill-Lifehack von mir.

Die Fahrraddemo war toll. Jetzt muss es darum gehen, Formen des Protests zu finden, durch die nicht vor allem dünne, weiße FLINT zum Mitmachen motiviert werden.

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