Werbung

Der Bote und des Königs Hofnarr

In Ahrenshoop gehen die Geister der Vergangenheit um

  • Lesedauer: 10 Min.

Ein gutes halbes Jahr ist seit den im »Ahrenshooper Todholz« geschilderten Geschehnissen ins Land gegangen. Die Errichtung des neuen Museums nimmt Gestalt an, bald soll Richtfest gefeiert werden, zu dem sogar die Kanzlerin erwartet wird. Ebenso wie Robert Aaron Zimmermann, der sich noch immer gemeinsam mit seinem treuen Gefährten Richard Sonntag auf Erinnerungsreise durch Polen befindet. Doch dann wird in der Nähe von Wismar ein Reiterhofbesitzer auf bestialische wie pittoreske Weise ermordet. Wenig später findet eine Geschäftsfrau aus Ahrenshoop unter ähnlich sonderbaren Umständen den Tod. Und zu allem Unglück kann der psychisch gestörte Mörder, der im Frühjahr die Halbinsel in Angst und Schrecken versetzte, entfliehen. Welche Rolle spielt er bei den aktuellen Verbrechen? Beginnt abermals eine Mordserie? Und was hat das alles mit dem Hofnarren der polnischen Könige zu tun?

1. Kaspar

Der Bote vertraut dem Admiral. Auch wenn jener an Land kämpft. Auf wenigen Quadratmetern. In seiner Box, umgeben von Gestänge und Plankenholz. Bodenhart und Gitterrost. Seine Arena. Sein Ring. Er ist stark. Groß. Schwarz. Muskeln. Sehnen. Fesseln. Hufe. Zorn. Ein Vulkan. Im Ausbruch. Eine einzige, ewige Eruption. Schweiß strömt an den Flanken. Augen drängen aus Höhlen. Die Nüstern beben. Nur ein wenig hat er nachhelfen müssen. Forcieren. Mit der Forke Spitz. Der furiose Tanz wird vom inneren Rhythmus getaktet. Bestimmt. Als ob der Hengst darauf gewartet hat. Lange schon. Erwartet. Diesen Moment. Diesen Waffengang. Allein mit seinem Herrn, Besitzer, Peiniger, für den nun die Minuten der Abrechnung angebrochen sind. Es scheint zu stimmen, was er gehört, gelesen, gefunden hat. Dass jener nicht gut zu seinen Pferden ist. Den eigenen ebenso wenig wie zu den anderen, den Logiergästen. Ein Scheusal. Unbeherrscht und brutal. Jähe Raserei.

Doch das ist eigentlich gleichgültig. Für ihn, den Boten. Bedeutungslos für das Geschehen. Darum geht es ihm ja nicht. Selbst wenn die furore Rache des Admirals seine Aufgabe erleichtert. Zudem hat er sich nie sonderlich für Pferde interessiert, gar Gefühle gefunden. Obwohl oder gerade, weil sein Vater sie ihm nahebringen wollte. Ihm auch die Bücher gab, aus seinem Schrank. »Mein Freund Meteor«, »Meine Pferde und ich« und manch einen anderen Band, den er von Freunden aus dem Westen bekommen hatte. Thiedemann. Winkler. Schockemöhle auch. Damals. Als sein Vater noch vom eigenen Ruhm im Sattel geträumt, es jedoch nicht einmal mehr zum Triumph als Tonnenkönig gereicht hatte. Und auch die Kaltblüter auf dem kleinen Hof der Eltern hatten ihn kaltgelassen. Lotte und Selma. Die ihn über die Wiesen, den Strand getragen hatten. Auf breitem Rücken. In ruhigem Schritt.

Lange her. Er wollte kein »söchtener Reuter wer’n«, wie sein Vater einer gewesen war. Bis ihm Skåne die Zügel aus den Händen genommen hatte. Oktober 1967. Im Darßwald. Wo er helfen wollte. Nein, er wollte nicht helfen. Kein Reiter sein, sondern ein Bote. Wandernd. Der dem Galopp zuschaut. Der nun beinahe am Ziel. Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp. Über Stock und über Steine. Brich dir aber nicht die Beine. Dir nicht. Sondern ihm. Und nicht nur die Beine. Was nun beinahe vollbracht ist. Im Fell des Admirals sprengselt sich Rot. Sprengselt? Nein, es mäandert. Und das Stroh changiert in vagem Grau. Frieden kehrt ein. Das Pferd verschnauft. Sein Opfer? Verschwindet. In welchem Jenseits auch immer. Lässt nur Haut und Knochen zurück. Schmutz, Lumpen und Loden. Nicht einmal ein Echo. Hat der Bote ihn doch bereits zuvor verstummen lassen. Ein Knopf seines Trachtenjankers hat sich retten können. Ist durch die Gitter gehüpft. Hirschhorn. Ohne Blut. Ohne Hirn. Kurz erwägt der Bote, ihn einzustecken. Doch sein Erinnern bedarf keines Mitbringsels. Seine Freude keiner Trophäe fürs Daheim. Die Siegeszeichen wird er zurücklassen.

Er denkt wieder an das Bild im Flur. Über dem Tischchen mit dem Telefon. Es hing schon immer da. Schaute ihn an seit frühen Kindertagen. Erzählte seine Geschichte und die seines Malers, der ein Großonkel von Mutti war, wie sie wieder und wieder stolz betont hatte. Der Onkel Schorse. Von dem noch andere Bilder im Haus hingen. Der Heilige Franz. Ein Mann mit Geige. Eine Frau auf einem Pferd. Doch am besten gefiel ihm das über dem Telefon. Schon immer. Genau! Es ist so, als ob ihn das Bild anrufen würde. Ihm sagt, was er zu tun hat. Jetzt. Und er ist vorbereitet. Greift zum Rucksack, holt die Möhren hervor. Und die Schere. Geht zu den anderen Pferden. Den Admiral lässt er noch zur Ruhe kommen. Zuerst Montana. Dann Bella und Domino. Nun die Shetlands. Björk und Avalon. Schließlich Maestro und Sunshine. Zum Abschluss dann den Admiral. Die Krönung.

Jedes Mal die gleiche Prozedur: Möhren. Kraulen. Streicheln der Mähne, der Flanken und Kuppe. Behutsam. Sanfte Worte, die ihr Vertrauen wecken. Wimpernblick. Und dann das Kappen des Schweifes. Nicht zu nah an den Wirbeln, doch lang genug. Damit das Rosshaar etwas hermacht. Wenn es dann mit rotem und grünem Band geflochten ist. Gebunden. Vor den Boxen abgelegt. Wie die Strecke nach der Jagd. Nur dass die gestreckten Schweife noch nicht das Ende markieren, das Finale. Sondern den Auftakt, den Aufbruch, das Anblasen des Treibens.

Der Bote betrachtet sein Werk. Die Nachricht. Seine Botschaft. Lies, wenn du es verstehst! Prüfe, wenn es gefällig ist!, wie seine Oma immer geraunt hatte. Märenhaft. Orakelt. Er ist zufrieden. Wirft einen letzten Blick in das Geviert des Admirals. Vergewissert sich, dass dort im Rappen das einzige Leben pulsiert. Verlässt den Stall.

Draußen empfängt ihn Nacht. Abnehmender Mond. Merkur und Saturn. Der Kadaver des Hundes. Es tut ihm leid, ihn erschlagen zu haben. Es war nötig gewesen. Er nimmt das tote Tier, auffällig schwer ist er, der Dobermann. Bettet ihn auf die Ladefläche des Land Rovers. Er wird ihn begraben. Später. Beerdigen. Bestatten. Vielleicht findet er einen Feldrain mit letzten Sonnenblumen. Oder Herbstastern aus einem Bauerngarten. Zur Not eine Nachttankstelle. In Wismar. Mit Blüten im Folienkleid. Zuvor nimmt er jedoch das Schlüsselbund. Geht zum Herrenhaus, öffnet die Tür, sucht und findet schließlich das Büro. Findet Papier und Stift. Hinterlässt zwei Notizen in Druckschrift: Namen, Datumsangaben, Telefonnummern. Drapiert die Zettel sichtbar. Doch willkürlich positioniert auf dem Schreibtisch. Zettels Traum. Verlässt das Zimmer. Das Gebäude. Schließt ab, greift seinen Wanderstecken, steigt dann in den Wagen mit dem Schriftzug Reitergut Wohlbehagen. Wohlbehagen. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Er startet den Motor. Verlässt ohne Licht das Gehöft und fährt in den neuen Tag.

2. Stańczyk

Der neue Tag begrüßte Robert Aaron Zimmermann auf der Meiningenbrücke. Mit Schwellenschlag. Unterm Wagen. Einem munteren »Guten Morgen, mein Freund!« des Fahrers. Und frischen Sonnenstrahlen aus dem Osten. Richard Sonntag und er kamen auch aus jener Richtung. Genauer gesagt aus Südost. Aus Polen. Woiwodschaft Kleinpolen. Region Krakau. Oder Kraków. Je nachdem, aus welcher Richtung, welcher Zeit man kam, schaute. Für Zimmermann war es immer noch Krakau. Wie er es als Kind gekannt hatte. Gerade nachdem, was alles geschehen. »Ist das nicht herrlich, dieses Gerumpelpumpel? Das hört sich so richtig nach Zuhause an!« Sein Chauffeur ließ die Sonne guter Laune auch im Westen aufgehen. Seit beinahe einem halben Jahr stand Sonntag nun schon in Zimmermanns Diensten. Kutschierte ihn durch die Lande. Zunächst rund um Ahrenshoop. Dann durch Berlin. Die Straßen der Kindheit. Erinnerungen. Zu vergangenen Adressen. Untergegangener Heimat. Zuhause? Das stand für Zimmermann seit über achtzig Jahren jenseits des großen Teiches. In Kanada.

»Ach, mein treuer Gefährte, ob du es wahrhaben willst oder nicht. Nächste Woche geht es für mich wieder retour. Nach Halifax. Nur noch das Richtfest vom Partikel-Hof erleben. Feiern. Durchaus. Doch dann ist Schabbes, mein werter Sonntag!«

»Na komm, aber einmal zu den Kranichen sollten wir es wenigstens noch schaffen. Nach Groß Mohrdorf oder Pramort. Da kann man die Biester bestens sehen. Schau einmal, da sind sie schon! Die haben ja gerade ihre große Zeit hier oben.« Sonntag wies durchs geöffnete Sonnendach.

Zimmermann folgte dem Wink. Dem Flug der schönen Vögel. Die ihn jedoch kurz hinter Zingst in leichten Schlummer entführten. Halbschlaf. Dösen. Zwischen den Zeiten. In den zurückliegenden Wochen hatten sie sich auf den Spuren von Großmama Ruth befunden. Sie war das Ziel seiner Reise gewesen. Ihre letzten Jahre. Ihr Ende. Sonntag hatte die beiden auch gewohnt sicher dorthin geführt. Zu jenem Ort, der heute Oświęcim heißt. Bekannter jedoch als Auschwitz. Auf dem großen Parkplatz hatte Zimmermann allerdings etwas verlassen. Der Mut? Die Entschlossenheit? Oder die Notwendigkeit, alles wissen zu müssen? Er hatte es nicht sagen können. Nicht in Worte fassen. Womöglich waren es die vielen anderen Besucher gewesen. Die wie Touristen wirkten, die auf dem Weg zu einer ganz besonderen Sehenswürdigkeit sind. Bei ihrem Anblick wollte der alte Mann auf einmal nichts mehr sehen. Schon gar nicht Großmama Ruth im Streifengewand. Ihre letzten Habseligkeiten in einer Vitrine. Oder ihren Namen auf einem Dokument. Ihr Leben zur Nummer reduziert. Einer Tätowierung. Sonntag hatte ihn verstanden. Ohne große Erklärungen war er weitergefahren. Später hatte Zimmermann dann bei einem Trödler Christbaumschmuck gekauft. Im Antiquarium in Krakau. Strohsterne, kugelbunt. Rauschgoldengel, feinstes Haar. Ein Schneemann, gedrechselt, Erzgebirge, Winterhilfswerk ... Dort hatte er auch das Bildnis entdeckt: Stańczyk. Einst Hofnarr polnischer Könige. Jetzt Reisender in Zimmermanns Hofstaat. Er hatte das Gemälde ohne große Feilscherei gekauft. Zumal es von Katarzyna Gawłowa signiert war. Jener Volkskünstlerin, die ihm die Kunstdamen aus Ahrenshoop ans Herz gelegt hatten. Wobei ihn der Stil an einen anderen polnischen Künstler erinnerte: Er glich dem der Bilder Antoni Libudas. Der ebenso wie sie aus Zielonki stammte. Antoni Libuda. Der Vater Hans von Wustrows und der ...

»Verdammter Köter!«

Sonntags Fluch schreckte ihn aus Gedankendämmer. Der Gefährte bremste. Riss das Lenkrad herum. Gefährlich. Bremste abermals. Der Wagen schlingerte für Augenblicke. Blockierte. Kam zum Stehen. Rechtzeitig. Gefahr gebannt. Auf der anderen Straßenseite glaubte Zimmermann einen Hund zu erkennen. Obgleich. Der Gang? Die Läufe? Die Flanken? »War das ein Wolf ?« Zimmermann war nun endgültig im Tag angekommen. »Glaub ich nicht. Auch wenn die Viecher immer näher rücken. Finde ich ja gar nicht so schlecht, eigentlich ... Die schrecken wenigstens die Jogger ab. Und die Radler. Hat man im Wald wieder seine Ruhe. Aber das hier sah eher wie ein Hund aus. Oder ein Fuchs, so vom Fell und vom Kopf her. Aber mit mächtig langen Beinen. Wie so ein Model. Ein etwas räudiges Model mit Kohldampf. Schau mal, der will zu den Wasserbüffeln.«

Das wilde Wesen zockelte den Weg entlang Richtung Bodden und bog dann auf die Koppeln des Gutes am Wiecker Eichberg ab.

»Recht hat er. Ist Zeit fürs Frühstück. Lass uns Brötchen holen! Dann freut sich Lore noch mehr über das Wiedersehen.« Sonntag startete den Wagen. Blinkte ein paar hundert Meter weiter. Bog ab. Und parkte keine fünf Minuten später vor der Wiecker Backstube. Schlenderte hinein. »Moin Tanja!«

Zimmermann wartete derweilen im Auto. In Grübeleien. Darüber, wie er Lore Bradhering beichten sollte, dass er in wenigen Tagen seine Zelte in ihrer Pension abbrechen würde.

Tilman Thiemig
Ahrenshooper Narrenspiel
Hinstorff Verlag
368 S., kt., 15,00 €

Tilman Thiemig, Jahrgang 1959, arbeitet seit dem Studium der Germanistik, Publizistik und Volkskunde als Texter, Dramaturg, Autor und Dozent. Er widmet sich kulturellen Themen und Veranstaltungen von der atmosphärischen Lesung bis zu Inszenierungen im öffentlichen Raum.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung