Wo die Polizei kein Helfer ist

Auf der Suche nach einem Journalistenmörder

  • Lesedauer: 10 Min.

Die Berichterstatterin wahrt gern ein wenig Distanz. Erst der plötzliche Tod eines Fotojournalisten verlangt ihr eine intimere Rückschau ab. Sie durchforstet ihre Erinnerung, rekapituliert die gemeinsamen Taten. Ganz klar ist sein Tod ein Mord. Nur: Wer profitiert dabei? Und will sie dieses Gelände wirklich betreten? Klara Böhm fischt im Netz ihres Lebens und sichtet das Inventar ihrer langen Bekanntschaft mit dem Fotojournalisten Heiner Kugler. Sie beide waren ein gefragtes Text-und-Bild-Team. Gemeinsam erlebten sie den Niedergang des investigativen Qualitätsjournalismus, ohne sich korrumpieren zu lassen. Oder war das bloß Augenwischerei? Nach dem Ende des Kalten Krieges fuhren sie wissbegierig nach Moskau, stießen dort auf Muster, die sich andernorts wiederholten. Die sich immer noch wiederholen. Aber was nützt hinsehen, wenn niemand wissen will?

Wann hat sie angefangen, diese Geschichte, die beinahe ein Krimi ist, weil sie so viel Verbrechen enthält? Womit hat sie angefangen? Ich muss versuchen, ganz zum Anfang zurückzukehren, um ihr Ende zu verstehen.

1968

Von ihren Treffen erfahre ich aus der Zeitung. Später erzählte man mir, als ich dort auftauchte, hätten mich einige von ihnen für einen Spitzel gehalten. Alles, was ich über sie weiß, ist mir durch Zeitungsartikel bekannt geworden. Sie wollten die Welt verändern, die eingefrorenen Verhältnisse zum Tanzen bringen (wie einige sagten) und den Krieg in Vietnam beenden helfen. Was eingefrorene Verhältnisse sind, weiß ich, und das Pressefoto des nackten kleinen Mädchens auf einer leeren Straße, auf einer dunklen, drohenden Straße, man konnte die Bomben hören, wenn man auf das Gesicht des Mädchens blickte, habe ich gesehen. Es gibt keine andere Haltung, als gegen diesen Krieg zu sein; einer der Gründe, weshalb ich hingehe.

An einem der Abende, an denen ich dort bin, es muss am Anfang gewesen sein, denn ich erinnere mich nicht, dass ich schon Freunde unter ihnen habe, wird über eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg gesprochen, und ich beschließe daran teilzunehmen. Ich hab noch nie an einer Demonstration teilgenommen. Darin bin ich sicher den allermeisten Westdeutschen gleich. Ich gehe zum verabredeten Treffpunkt am Gänsemarkt, und als der dort versammelte Haufen sich in Bewegung setzt, laufe ich mit. Ein paar von den jungen Leuten, die meisten sind jünger als ich, erkenne ich wieder. Sie gehören zu der Gruppe, die ich regelmäßig besuche. Ich bleibe in ihrer Nähe, der eine oder andere winkt mir zu. Als wir (denke ich da schon wir?) in den Neuen Wall einbiegen, kommt die Polizei, viel Polizei, auch mit Pferden. Um mich herum wird gelacht und behauptet, die Besitzer der Luxusläden fürchteten um ihre Schaufensterauslagen. Die Polizisten versuchen, Einzelne aus dem Haufen herauszugreifen. Alle beginnen zu laufen, es wird Ho Chi Minh gerufen, rhythmisch, im Laufschritt, ich laufe mit, die Polizei greift immer noch zu, und ich bleibe stehen, bleib einfach vor einem der Luxusschaufenster stehen, so als betrachte ich die ausgestellten Handtaschen oder Kaschmirpullover, und in meinem Rücken rennt der Haufen, schlägt die Polizei auf Menschen ein, wird gerufen, geschrien, und ich gehe ruhig weiter zum nächsten Schaufenster und zum nächsten, bis der Tumult auf der Straße vorüber ist.

Es gibt ein Foto, ein oder zwei Jahre früher aufgenommen, auf dem der Mantel zu sehen ist, den ich damals trug: grober, heller Tweed, dunkle Knöpfe und ein beinahe weißer Pelzkragen, der bis zur Taille reicht, ein schöner, teurer Mantel, passend zu den Auslagen in den Schaufenstern, in deren Betrachtung ich versunken gewesen bin. Es kann sein, dass diese Stunden, das Gewühl der Menschen, die prügelnde Polizei, Pferde, die Angst verbreiteten, die Situation, die neu für mich war und die ich nicht wirklich verstand, dazu beigetragen haben, Auslöser waren für meinen Wunsch, Journalistin zu werden. Herausfinden, was hinter den Dingen ist, das war es, was ich wollte.

Es gibt die Verabredung zu einem Treffen am Abend dieses Tages. Ich gehe hin und finde die anderen (hab ich da schon Genossen gedacht?) in einem kleinen Pavillon, der bis vor kurzem noch ein Blumenladen gewesen ist; eher ein Holzhäuschen, zu klein für die zwanzig oder dreißig Versammelten, die ihre Erfahrungen austauschen. Viele wurden festgenommen. Einige sind gerade erst aus der Polizeihaft entlassen worden. Andere gleich nach ihrer Verhaftung. Einige wurden während der Demonstration geschlagen. In den Berichten der vorübergehend Festgenommenen liegt ein gewisser Stolz, und eine Zeitlang höre ich beschämt zu, weil ich versucht habe, mich nicht festnehmen zu lassen.

Zwei oder drei Männer gibt es, die älter sind als die anderen, etwa in meinem Alter. Sie führen das große Wort. Einen von ihnen, er hat mich bei den Treffen an den vergangenen Abenden sehr wohl wahrgenommen, aber nie mit mir gesprochen, rede ich am Ende der Versammlung an, obwohl ich ihn bei der Demonstration nicht gesehen habe. Ich habe den Eindruck, ich hab etwas falsch gemacht, weil ich nicht verhaftet worden bin, sage ich. Er lacht. Das ist Franz, und ich finde, dass er hässlich ist, ein blasser, rothaariger Typ, aber sein Lachen ist mir sympathisch. Wir haben uns dann näher kennengelernt. Wie sich unsere Wege wirklich verbinden werden, ist da nicht abzusehen.

Auf welche Weise in manchen Menschen der Wunsch entsteht, Schriftsteller zu werden, ist sicher schon untersucht worden. Was Rita betrifft, so habe ich bestimmte Vermutungen, die damit zusammenhängen, dass sie als Kind niemanden fand, dem sie ihre Gefühle bei der Entdeckung der Welt hätte mitteilen können. Wahrscheinlich gab es ein paar Versuche, die so ernüchternd für sie endeten, dass sie bald aufhörte, Erwachsene anzusprechen. Sie hat mir von einer Szene am Mittagstisch erzählt. Plötzlich war ihr bewusst geworden, dass das Leben gar nicht wirklich, sondern sehr wohl ein Traum sein könnte. Sicher eine verrückte Idee, aber eine kleine Nachfrage, ein einfaches »Warum, denkst du?« anstatt einer unwirschen Zurechtweisung, die sie beschämte, wäre vielleicht angebrachter gewesen. Mit anderen Kindern in ihrem Alter war sowieso nicht zu reden. Ich glaube inzwischen, dass bei manchen Kindern Lesen und Schreiben Ausstiegsmöglichkeiten aus der Welt der Erwachsenen sind. Sie verdichten sich im Laufe der Jahre zu der Überzeugung, dass das wirkliche Leben in Büchern stattfindet. Es wunderte mich nicht, als Rita später ins Hamburger Schauspielhaus rannte, um ein Stück zu sehen mit dem Titel »Das Leben ein Traum«. Da hat sie mich mitgeschleppt. Ich glaube, wir haben beide nichts verstanden.

In den letzten Jahren vor dem Abitur sind wir sehr eng befreundet gewesen. Ich erinnere mich gut daran, mit welcher Begeisterung wir Goethes »Prometheus« lasen. Meine Lieblingszeile:

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonne als euch, Götter!

Rita, schon damals sehr sicher, dass sie Schriftstellerin werden würde, liebte besonders den letzten Vers des Gedichts.

Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei

Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich.

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

Wir sind stolz darauf, das Kapitel Religion beendet zu haben. Und noch so jung und so naiv. Manchmal überlegen wir, ob der Verfasser des Gedichts daran gedacht hat, seine Verse auch für Frauen gelten zu lassen. Ich bin mir nicht sicher, Rita dagegen sehr. Sie ist bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in der DDR aufgewachsen. Weibliche Ingenieure und Bauarbeiter sind ihr nicht fremd.

1978

Ich werde Journalistin. Meine erste Reportage schreibe ich über ein obdachloses Paar. Gar nicht gezielt, eher nebenbei werden dabei ein paar schwere Mängel in der Versorgung dieser Menschen aufgedeckt, fast entsteht ein Gesundheitsskandal. Und ich werde in Hamburg bekannt. Es dauert nicht lange, bis eine große Illustrierte mich einlädt. Die Herren möchten Sie gern kennenlernen. Ich steh im Shirt am Telefon, rechts baumelt eine halb angezogene Socke am Fuß. Gut, dass die Herren mich nicht sehen können, denke ich ziemlich albern, das macht wohl der Schock. Wer wird schon unverhofft von der größten Illustrierten des Landes angerufen und zum Nachmittag in die Chefetage bestellt.

Die Herren möchten mich persönlich kennenlernen. Ich setz mich auf die Sofalehne und beginne zu überlegen. Es wird so sein, dass man die Artikel gelesen hat, die ich gegen die Politik des Senats geschrieben habe. Die erscheinen in linken, eher bedeutungslosen Blättern. Jemand hat mir erzählt, dass Ausschnitte aus einer Reportage auf Flugblättern nachgedruckt wurden. Natürlich ohne mich zu fragen. Ich hätte gern zugestimmt. Nun möchten die Herren mich kennenlernen …

Was zieh ich an?

Bist du verrückt?

Gut, also anziehen wie immer, ein Glück, dass ich gestern rechtzeitig ins Taxi gestiegen bin. Ein klarer Kopf ist jetzt wohl doch ganz praktisch.

Willst du überhaupt für die arbeiten?

Erst mal anhören, was sie wirklich wollen.

Der Raum ist zur Elbseite hin verglast bis zum Fußboden. Sehr leichte, sehr teure Stahlmöbel, auf dem Fußboden irgendetwas, das die Schritte verschluckt, aber mit Teppich falsch bezeichnet wäre. Das Gefühl, ich schwebe während des Gesprächs über der Elbe. Neben mir ein unglaublich teurer weiß-blauer Blumenstrauß in einer Bodenvase schwebt ebenfalls.

So kann man leben, denke ich, und die Umgebung könnte einschüchternd wirken. Aber ich bin nicht in der Lage, die Herren ernst zu nehmen. Im Gegenteil, ich habe Mühe, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben. Alles an ihnen ist nach der Vorschrift »intellektueller, erfolgreicher Verleger« gestaltet, von der sorgfältig gebräunten Hautfarbe über die eleganten Bundfaltenhosen, Kord oder Leinen, bis zu den Budapester Schuhen. Sie sind zu viert, nur einer von ihnen fällt aus der Rolle. Er trägt einen grauen Anzug und ich nehme an, dass er für die Finanzen verantwortlich ist. Meine Annahme stellt sich später als richtig heraus. Die Herren mir gegenüber kommen mir wie eine Neuauflage der Spiegel-Mannschaft von 1962 vor, die damals durch eine Auseinandersetzung mit Franz Josef Strauß eine Regierungskrise herbeigeführt hat. Vor ein paar Tagen habe ich im Fernsehen eine Dokumentation darüber gesehen. Die Bilder der Herren Augstein & Co vor Augen, sehe ich auf die Imitationen und habe Mühe, nicht zu lachen. Natürlich ist man nach der heutigen Mode gekleidet, aber sicher nicht mehr daran interessiert, Regierungskrisen auszulösen. Es geht hier um Auflage, mit welchen Mitteln auch immer.

Ist es eigentlich anrüchig, für solche Kasperpuppen zu arbeiten? Nein. Ich werde zustimmen, wenn man mir einen Vertrag anbietet. Ich bin einzig und allein daran interessiert, meine Reportagen veröffentlicht zu sehen und einen Fotografen zu finden, mit dem ich zusammenarbeiten kann. Und diesen Fotografen bieten sie mir jetzt an. Er heißt Heiner Kugler, und ich habe seine Fotos in einer Ausstellung gesehen. Ich war beeindruckt und hatte die Bilder lange im Kopf.

Einige Tage später, ich schwebe noch immer auf Wolken durch meine Wohnung, klingelt das Telefon.

Ja?

Kugler. Wir sollten uns treffen. Doc Cheng, das Restaurant unten in den Vier Jahreszeiten.

Ich stimme zu und schwebe weiter durch meine Wohnung. Ich weiß jetzt, dass etwas Neues beginnt, etwas Unerhörtes, von dem ich noch nicht weiß, wie es endet. Aber das macht nichts, alles, nur nicht die Routine fortsetzen, die mir bevorstehen könnte: kleine Zeitungen, links, aber einflusslos, viel Arbeit, wenig Geld. Ich hab nichts gegen Arbeit, aber sie sollte sich lohnen. Mein Blick fällt auf den Schreibtischstuhl, der keiner ist, sondern ein übriggebliebener Küchenstuhl aus der Küche der Schwester meiner Großmutter, ein schönes Stück, handgefertigt, und bei längerem Sitzen garantiert Rückenschmerzen.

Doris Gehrcke
Die Nacht ist vorgedrungen
Ariadne im Argument Verlag
256 S., geb., 18,00 €

Doris Gercke, 1937 in Greifswald geboren, lebte schon mehrere ­Leben (Tochter einer Arbeiterfamilie, Beamtin, Hausfrau und Mutter, Begabtenabiturientin und Jurastudentin), ehe sie sich ab 1988 der politischen Kriminalliteratur zuwandte. Als Schöpferin der international berühmten unangepassten Ermittlerin Bella Block schrieb sie Literaturgeschichte, beließ es aber nicht dabei. Sie verfasste zahlreiche weitere Geschichten und Romane, sägte mit ihrem düsteren kritischen Realismus an der Erzählhoheit im Genre. Doris Gercke lebt in Hamburg.

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