»Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher«

Eine Ausstellung in Berlin erinnert an die verschleppten Kinder der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 6 Min.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinen Kindern Berthold, Heimeran und Franz Ludwig, um 1940
Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinen Kindern Berthold, Heimeran und Franz Ludwig, um 1940

»Mit kurzem ›Heil Hitler‹ wurden wir im Büro begrüßt, dann kamen drei Kindergärtnerinnen und jede nahm einen von uns mit. Wir waren getrennt worden«, erinnert sich Christa von Hofacker in ihrem Tagebuch über die Ankunft in Bad Sachsa. Die Tochter von Caesar von Hofacker, einem Cousin von Claus Schenk von Stauffenberg und in Paris für die Umsetzung des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 verantwortlich, war 13 Jahre alt, als sie zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Alfred und Liselotte nach Bad Sachsa verschleppt wurde. Ihre Mutter und ihre älteren Geschwister waren da bereits in »Sippenhaft«.

An das Schicksal der Angehörigen, vor allem der Kinder der am Attentat auf Hitler beteiligten Verschwörer erinnert die Sonderausstellung »Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden« in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Kollektive Haft für Angehörige politischer Gegner praktizierten die Nazis bereits in ihrem ersten Herrschaftsjahr. So verhaftete die Gestapo im Juli 1933 vier Verwandte des sozialdemokratischen Reichskanzlers in Weimarer Zeit, Philipp Scheidemann, nachdem von ihm in der »New York Times« ein »Schmähartikel« gegen die Hitlerregierung erschienen war. Im November 1939, um ein weiteres Beispiel zu nennen, wurde die Familie des mutigen Einzeltäters Johann Georg Elser in Haft genommen, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Sprengstoffanschlag auf Hitler verübt hatte. »Sippenhaftung« traf ebenso Widerstandskämpfer aus kommunistischen Kreisen.

»Zu keinem Zeitpunkt gelingt es den Nationalsozialisten, den Widerstand ihrer Gegner restlos zu brechen. Diese folgen ihrem Gewissen und setzen ihr Leben ein, um jene Handlungsspielräume zu nutzen, die es auch unter den Bedingungen der Diktatur für Mitmenschlichkeit und politisches Handeln gibt«, wird von den Machern der Ausstellung betont. »Dies zeigt auch der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. Die sofortige Beendigung des Krieges und der nationalsozialistischen Kriegs- und Gewaltverbrechen sind die wichtigsten Ziele der zivilen und militärischen Kreise, die hier zusammengefunden haben.«

Es hatte lange vor dem Stauffenberg-Attentat in der sogenannten Elite bereits Intentionen zu einem Staatsstreich gegeben. Die »Septemberverschwörung« 1938 von ranghohen Offizieren der Wehrmacht, darunter Franz Halder und Erwin von Witzleben, wurde jedoch nicht konsequent weiterbetrieben, nachdem Hitler in München seine Aggressionsgelüste durch die Appeasementpolitik der Westmächte befriedigen konnte, von London und Paris das Sudetenlandes und die Tschechoslowakei zugesprochen bekam. Die Militärs glaubten, in der Bevölkerung für ihr Ansinnen keinen Rückhalt zu finden, da Hitler - wie von ihm demagogisch verkündet - »Revanche« für den verlorenen Ersten Weltkrieg scheinbar ohne militärische Aktionen zu gelingen schien.

Kurz vor dem Überfall auf Polen im September 1939 kam es zu einem erneuten Versuch. Gerhard Graf von Schwerin von der Abteilung Fremde Heere des Generalstabs versuchte die britische Regierung zu überzeugen: »Schickt ein Flottengeschwader nach Danzig: Treibt den Militärpakt mit der Sowjetunion voran. Das Einzige, was Hitler von weiteren Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg.« Er fand kein Gehör in der Downing Street. Weitere Bemühungen in militärisch-aristokratischen Schichten folgten, denen es jedoch - zumindest im Rückblick - an Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit fehlte.

Ab Herbst 1943 wurde vor allem von Henning von Tresckow und Claus Schenk Graf von Stauffenberg intensiv ein Attentat auf Hitler vorbereitet. Das tragische Ergebnis ist bekannt. Die Ausstellung zeigt ein Foto vom verwüsteten Besprechungsraum im »Führerhauptquartier Wolfschanze« unmittelbar nach dem Sprengstoffanschlag, dem vier Anwesende erlagen. Hitler indes überlebte leicht verletzt. Was Stauffenberg, der sofort nach Berlin zurückflog, um den Putsch voranzutreiben, nicht wahrhaben wollte. In der Ausstellung zu sehen sind neben Dokumenten der Gestapo zur Rekonstruktion des Anschlags und zur Aufdeckung des Verschwörerkreises auch Fotos der alsbald vor dem »Volksgerichtshof« angeklagten Mitwisser und Mittäter, vom berühmt-berüchtigten Rudolf Freisler verhöhnt, gedemütigt, niedergeschrien. Die überlieferten Filmsequenzen jagen dem Betrachter immer wieder einen Schauer über den Rücken. Demaskierende Zeugnisse eines barbarischen, menschenverachtenden Systems.

Eine Verhaftungswelle bis dahin unbekannten Ausmaßes folgt dem verfehlten, wohl auch verspäteten und dennoch hoch zu würdigenden Umsturzversuch. Eine von der Gestapo eingesetzte »Sonderkommission 20. Juli 1944« nimmt mehr als 600 Menschen fest. Über 5000 Verhaftungen erfolgten während der »Aktion Gitter« im August 1944. Neben den Verschwörern um Stauffenberg geraten zahlreiche weitere Oppositionelle des zivilen Widerstands, die nicht direkt in das Attentat verwickelt waren, in die Hände der Gestapo. In über 55 Prozessen werden vom »Volksgerichtshof« mehr als 130 Menschen verurteilt, darunter 104 zum Tode. Stauffenberg, sein Adjutant Werner von Haeften, Infanteriegeneral Friedrich Olbricht sowie Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Offizier im Generalstab, waren bereits zu mitternächtlicher Stunde vom 20. zum 21. Juli 1944 »standrechtlich« im Hof des Bendlerblocks erschossen worden.

Verhaftet werden zudem mehr als 300 Angehörige der Verschwörer vom 20. Juli wie auch von Offizieren, die sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft dem Nationalkomitee »Freies Deutschland« angeschlossen haben. Die Rache des NS-Regimes macht vor Kindern nicht halt. Ende Juli/Anfang August 1944 wird in Bad Sachsa das Kinderheim »Bremen« der »Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt« auf Weisung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) überstürzt geräumt, um dort 200 Kinder der Attentäter unterzubringen. Der Ort, nicht weit entfernt vom KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen, wo die Häftlinge nicht nur Teile von Hitlers »Wunderwaffe«, der V 2, fertigen müssen, sondern auch andere geheime Rüstungsgüter, liegt in einem »Sperrkreis«, in dem SS und Gestapo obwalten. Trotzdem werden Heimleitung und Personal noch extra zu strengster Geheimhaltung vergattert. Die Kinder bekommen neue Vor- und Nachnamen, Geschwister werden getrennt. Einige jüngere Kinder sollen gar zur Adoption in Familien fanatischer Nazis gegeben werden.

Mit nahendem Kriegsende werden einige Mütter aus der Haft entlassen und ihnen die Kinder zurückgegeben. Am 12. April 1945 besetzen US-Truppen Bad Sachsa. Der neue kommissarische Bürgermeister, der Sozialdemokrat und Buchenwald-Häftling Willi Müller stellt die im Heim von Bad Sachsa verbliebenen Sprösslinge unter seinen persönlichen Schutz. »Am 4. Mai kam der Bürgermeister von Sachsa, Herr Müller, zu uns ins Haus und rief uns alle zu sich ... Er sagte wörtlich: ›Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher, ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden!‹«, erinnert sich Christa von Hofacker.

Viele können jedoch erst im Sommer respektive gar Herbst 1945 endlich wieder in die Arme ihrer Mütter sinken. Die Wirren der ersten Nachkriegstage und -wochen erschweren das Zueinanderfinden, wie am Beispiel des empathischen Einsatzes von Alexandrine Gräfin von Üxküll-Gyllenband, einer Großtante der Stauffenberg- und Hofacker-Kinder, geschildert wird. Anfang Juni gelingt es ihr, mit Hilfe der französischen Besatzungsmacht ein Auto zu beschaffen und nach Bad Sachsa zu fahren, wo sie ihre Großnichten und -neffen wohlbehalten antrifft. Über einen örtlichen Fuhrunternehmer organisiert sie einen Bus, um die Kinder zu ihren Müttern zurückzubringen.

SS-Reichsführer Himmler hatte nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 angedroht, »Verräterblut« auszurotten »bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe«. Das gelang den Nazis nicht. Beschämend allerdings bleibt der Umgang in der alten Bundesrepublik mit den Angehörigen der Verschwörer um Stauffenberg. Lange galten sie als »Landesverräter«, Entschädigung und gesellschaftliche Anerkennung wurden verwehrt. Ebenso beschämend, worauf der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, verweist: Es gab kein Verfahren gegen die Angehörigen der »Sonderkommission 20. Juli 1944«. Und wenn denn eine Ermittlung gegen Angehörige des RSHA angestrebt wurde, verlief auch dieses letztlich im Sande.

»›Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden.‹ Die nach dem 20. Juli 1944 nach Bad Sachsa verschleppten Kinder«, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin; Katalog 5 €.

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