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  • Gedenken an NS-Verbrechen

In Peenemünde wurde Vernichtung produziert

Manuela Schwesig: Ort könnte zum Weltkulturerbe gehören - Kritiker monieren, dass sich an dieser Stelle Menschen zu Tode schufteten

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Das 1970 errichtete DDR-Denkmal des Künstlers Klaus Roßler für die Zwangsarbeiter und Opfer des Nationalsozialismus auf dem Friedhof in Peenmünde .
Das 1970 errichtete DDR-Denkmal des Künstlers Klaus Roßler für die Zwangsarbeiter und Opfer des Nationalsozialismus auf dem Friedhof in Peenmünde .

Hatte es die Regierungschefin sorgsam durchdacht, ob es - auch für sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei - klug war, sich verhältnismäßig kurz vor den Landtagswahlen für ein so sensibles und aus der Sicht vieler Menschen fragwürdiges Objekt einzusetzen? Es soll ein Ort als Kulturerbe gewürdigt werden, der doch Grausamkeiten und Vernichtungspläne des Hitlerregimes geradezu frappant widerspiegelt. Ausgerechnet das Historisch-Technische Museum als die Erinnerungsstätte eines Areals, in dem sich unzählige KZ-Gefangene als Zwangsarbeiter bei der Produktion von Massenvernichtungswaffen zu Tode schuften mussten, soll auf die UNESCO-Liste der besonders geschützten Objekte gesetzt werden, die als »Weltkulturerbe« eine hohe Aufmerksamkeit genießen?

In Peenemünde, einem zur NS-Zeit streng abgeschirmten Nordteil der Insel Usedom, waren Experten der dortigen »Heeresversuchsanstalt« damit befasst, im Auftrag des Hitlers und seiner engsten Vertrauten in puncto Rüstung etwas zu konstruieren, das die immer wieder von Propagandaminister Josef Goebbels dem Volk vorposaunte Mär von der bald kommenden, die Kriegswende bescherenden »Wunderwaffe« sein werde. Fakt ist: Tatsächlich wurden sogenannte Fernwaffen mit den Bezeichnungen V1 und V2 in Peenemünde erprobt und konstruiert, danach kamen sie auch zum Einsatz. Die Raketen, das »V« stand für »Vergeltungswaffen«, wurden unter anderem zwischen 1942 und 1945 nach London gelenkt. Sie stürzten auf die Millionenstadt und brachten mehreren Tausend Menschen den Tod.

An dieses Leid erinnernd protestierte Großbritannien, als ein CSU-Politiker und andere 50 Jahre nach dem ersten V-Raketenstart dieses »Jubiläum« und zugleich den Nazi-Raketenexperten Wernher von Braun feiern wollten. Die damals als »V.2-Party« durch die Medien geisternde Veranstaltung musste abgesagt werden.

Werden auch Manuela Schwesigs Pläne, sich für einen Platz des Peenemünder Museums auf der Welterbe-Liste einzusetzen, abgesagt? Von der Regierungschefin selbst vielleicht? Ihr Amtsvorgänger Erwin Sellering verhinderte schon im Jahr 2011, dass die Peenemünder Objekte Weltkulturerbe werden, so wie es seinerzeit der damalige Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns, Henry Tesch (CDU), vorgeschlagen hatte. Der Unionspolitiker hätte Peenemünde gerne in einer Reihe mit den Weltraumbahnhöfen Cape Canaveral in den USA und dem russischen Weltraumbahnhof in Baikonur gesehen. Sellering kommentierte solches Ansinnen damals in der »Schweriner Volkszeitung«: »Peenemünde ist vor allem ein Ort, an dem die Nazis fürchterliche Waffen entwickelt haben.«

Das ist auch Manuela Schwesig bewusst, sie verweist aber zugleich auf die technische Bedeutung des Ortes. Dem NDR sagte sie: »Peenemünde steht ja auf der einen Seite für technologische Pionierleistungen von epochaler Bedeutung, ist aber auch untrennbar mit der menschenverachtenden Ideologie des NS-Systems verbunden.«

Bedenken gegen Schwesigs Vorschlag erhebt jetzt einer ihrer Genossen: Der SPD-Kreistagsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende der SPD auf Usedom, Günther Jikeli. Er weiß: Peenemünde werde oft immer noch als »die Wiege der Raumfahrt« dargestellt. Das sei völlig falsch und schlicht eine Lüge. Den Nazis sei es mit der Entwicklung der V2 um eine Massenvernichtungswaffe gegangen. Sie hätten nicht zum Mond fliegen, sondern mit den Raketen als »Wunderwaffen« die Weltherrschaft erringen wollen.

In einem Brief an Schwesig schreibt Jikeli, bei allen Betrachtungen zu Peenemünde müsse auch die Perspektive der Opfer vor Ort berücksichtigt werden, auch jener im thüringischen Mittelbau Dora, wo die Nazis ihre Raketenherstellung nach 1943 fortgesetzt hatten. Dort starben bei der Rüstungsproduktion etwa 20 000 Menschen. Mit deren Nachfahren möge Manuela Schwesig sprechen, bevor sie ihr Bemühen in Sachen Weltkulturerbe Peenemünde fortsetze.

Auch der Historiker Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, zu der auch Mittelbau-Dora gehört, hegt für Schwesigs Wünsche keine Sympathie. Die Geschichte von Peenemünde hat einen eindeutigen Befund, konstatiert der Wissenschaftler: die Zerstörung. Die dort entwickelten Waffen sollten helfen, den von den Nationalsozialisten propagierten »Endsieg« sicherzustellen. Er könne keine Facette einer positiven Entwicklung erkennen und er sehe dabei auch keinerlei »technologische Pionierleistung«, griff Wagner eine Äußerung Manuela Schwesigs auf.

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