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Entmarktet den Markt!

Schritte gegen den Weltuntergang finden viele schlimmer als den Weltuntergang selbst, glaubt Leo Fischer

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

In meiner Kindheit und Jugend war er omnipräsent: der Weltuntergang. In einer sehr spezifischen, eindeutigen Form - als nuklearer Schlagabtausch zwischen West und Ost, je nach Szenario ausgelöst durch ein diplomatisches Missverständnis, einen Computerfehler oder Terrorismus. Die entsprechenden literarischen und filmischen Werke sparten nicht mit grausamen Details, schilderten die Nachwirkungen des Atomkriegs mit einer Unbarmherzigkeit, die heute im Bereich Jugendkultur kaum möglich wäre. Noch heute wache ich nachts manchmal auf vor Schreck, weil ich im Traum den berühmten Lichtblitz gesehen habe. Die Angst vor der nuklearen Apokalypse ist einer ganzen Generation tief in die Knochen gefahren.

Gleichzeitig hatte diese Apokalypse fast etwas Tröstliches, vergleicht man sie mit heute. Immerhin stand ihr noch ein vernünftiges, humanistisches Bild entgegen: Warum können wir nicht einfach alle friedlich zusammenleben, unseren gemeinsamen Wohlstand mehren, statt uns mit Overkill-Kapazitäten zu übertrumpfen?

Auch wenn seit den 80ern viel abgerüstet wurde: Noch immer gibt es weltweit über 10 000 Atomsprengköpfe, genug, um die Erde mehrfach unbewohnbar zu machen. Aktuellen Analysen zufolge ist die Wahrscheinlichkeit eines voll entwickelten Atomkriegs so niedrig wie nie - gleichzeitig ist die Gefahr, dass ein einzelner Sprengkopf irgendwo gezündet wird, so hoch wie nie. Dazu muss man nicht einmal von terroristischen Szenarien ausgehen: Noch vor wenigen Jahren wurde im Westen über die friedensspendende Einführung von bunkerbrechenden Mikro-Nukes diskutiert.

Wie bedrohlich der Atomkrieg auch war: Als Apokalypse hatte er etwas Konkretes, Greifbares - und Vermeidbares. Dem Weltuntergang, wie ihn die neuesten Klimaszenarien beschreiben, fehlt das. Die Menschheit könnte in völligem Frieden weiterwirtschaften, den Wohlstand kontinuierlich mehren, Grenzen abbauen, Konflikte meiden - und würde sich dennoch selbst auslöschen. Geht man nach den neuesten Zahlen, könnte der Zusammenbruch der Zivilisation noch zu Lebzeiten der Mehrheit der Bevölkerung stattfinden. Das klingt so erschreckend und spekulativ wie die Szenarien vom Atomkrieg; ein Schauder stellt sich ein, aus dem aber nichts folgt. Oder zu wenig. Denn um das Schlimmste zu vermeiden, müsste auf eine Weise deindustrialisiert werden, die vielen schon wie ein kleiner Weltuntergang vorkommt. Der Wohlstand müsste schrumpfen, nicht wachsen, die Raserei des Kapitals rund um den Globus müsste eingestellt werden. Wie organisiert man Desorganisation? Wie industrialisiert man die Deindustrialisierung? Wie vermarktet man Entmarktung? Alle diese Fragen entsprechen so wenig unseren Denkgewohnheiten, dass auch das klimafreundlichste zur Wahl stehende Programm wirkt wie ein Ventilator vor dem heißen Stein; sie sind uns so fern und gleichzeitig so notwendig, dass sie den meisten wie die eigentliche Katastrophe vorkommen.

Für die Politik der Zeit nach dem Kalten Krieg war es leicht, Frieden und Wohlstand als Rezepte gegen den Weltuntergang zu verkaufen, angesichts der Bilder, die für den globalen Untergang gefunden wurden. Die Bilder vom Klimawandel sind hingegen immer nur partikular: ein untergegangenes Dorf, ein verdorrter Gletscher. Die Antworten, die einem dazu spontan einfallen, sind auch immer nur partikulare: dann halt wegziehen, eine Versicherung abschließen, Rettungswesten kaufen. Kein Handlungsimpuls, der nicht schon aus der Konsumsphäre stammte! Am Ende zerbricht die Zivilisation ausgerechnet an - Fantasielosigkeit.

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