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Das Unwahrscheinliche probieren

Der Dramaturg Carl Hegemann hinterfragt nicht nur das Theater der Gegenwart, sondern auch die gesellschaftliche Realität

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 4 Min.

Realität und Schönheit: Das sind die zwei Marksteine in dem Spannungsfeld, das das Nachdenken von Carl Hegemann über die Kunst beherbergt. In dem prall gefüllten Sammelband »Dramaturgie des Daseins. Everyday live« mit seinen Texten findet sich auch ein Gastbeitrag des Poptheoretikers Diedrich Diederichsen, in dem dieser auf den Zufall aufmerksam macht, dass in Versalien gedruckt die englischen Entsprechungen für Realität (reality) und Schönheit (beauty) abgesehen vom unteren Drittel identisch sind. Es sind solche Zufälle - das Abseitige und Nebensächliche, die häufig in der Nähe des Wesentlichen auftreten -, die nicht nur kennzeichnend für die Kunst sind, sondern die auch immer wieder das Denken von Hegemann kreuzen. Auch davon gibt dieses Buch Zeugnis.

Carl Hegemann ist durch und durch ein Theatermensch. Mit mehreren Unterbrechungen war er als Dramaturg das intellektuelle Rückgrat der Berliner Volksbühne unter der künstlerischen Leitung von Frank Castorf, und seine Zusammenarbeiten mit Christoph Schlingensief sind jetzt schon Teil der neueren Theatergeschichte. Dabei ist entscheidend, dass Hegemann gerade kein Fachidiot der Bühnenkunst ist, kein Kunstkarrierist oder bloßes Betriebsanhängsel. 1949 in Paderborn geboren, war das lange Jahr 1968 für ihn prägend. Promoviert wurde der Philosoph mit einer Arbeit über Johann Gottlieb Fichte und Karl Marx. So ist es auch der Blick eines - marxistisch geschulten - Philosophen, mit dem Hegemann auf Kunst und Theater sieht. Und es ist der Blick eines Theaterdramaturgen, mit dem er Konflikte im Weltgeschehen und in Beziehungsgeflechten, mit dem er Spiel und Verstellung in Wirtschaft und Politik beschreibt.

Darin dürfte der Grund dafür liegen, dass dieses Buch über ein kleines Publikum von Theaterinteressierten hinaus eine breitere Leserschaft ansprechen könnte. Hegemann schreibt nicht nur kenntnisreich über Shakespeare und Schiller, über Oper und Performance, er bricht nicht nur eine Lanze für die Fortführung der Brecht’schen Theaterrevolution, sondern er findet kluge Worte und treffende Beschreibungen für das Leben im Spätkapitalismus.

Das Buch ist eine Sammlung von Hegemanns verstreuten Schriften - von Beiträgen für Theaterprogrammhefte bis zu Zeitungsartikeln. Das Spektrum von Themen, die er abdeckt, ist schwer zu vermessen. Die Überschriften der verschiedenen Abteilungen des Bandes geben Aufschluss darüber: So stehen die ersten Beiträge - ganz und gar zeitdiagnostische Gesellschaftsbeschreibungen - in der Kategorie »Wie den Tag überstehen?«; es folgen Texte über die Möglichkeit, mittels Kunst die Welt zu verstehen, unter dem Titel »Was geht hier eigentlich vor?«; »Erlösung ist möglich …« lautet die, wohl nicht ganz ironiefrei gewählte, Überschrift für Beiträge zu existenziellen Fragen in der Kunst, nur um mit der nächsten Kategorie, die Nachrufe auf Künstlerkomplizen versammelt, Widerspruch anzumelden: »… aber nicht für uns«. Ergänzt werden Hegemanns profunde Darlegungen durch sogenannte Referenztexte, einem Beitrag von Frank Castorf ebenso wie von dem Philosophen Christoph Menke. Die abgedruckten Gespräche - mit dem Regisseur René Pollesch über Chancen der Liebe im Kapitalismus, mit dem Kulturtheoretiker Boris Groys über das Virus, das uns nach wie vor alle umtreibt, und mit der Autorin Corinne Orlowski über den Universalkünstler Einar Schleef - sind hochintelligente Plaudereien.

Realität und Schönheit, das lässt auch an die platonische Trias des Schönen und Wahren und Guten denken. Mit Letzterem aber - zumindest wenn man den Begriff im Sinne eines primitiven Moralismus versteht - haben die Kunstvorstellungen von Hegemann nichts zu tun. Er verwehrt sich dagegen, dass die Kunst in Anspruch genommen wird, um das vermeintlich Richtige zu predigen, und kritisiert die dahintersteckende Mutlosigkeit. Theater bedeutet für ihn immer auch Infragestellung und Überschreitung von Grenzen. Die vorherrschenden Tendenzen beschreibt er so: »Der Fehler des kritischen und anklagenden Theaters, das alles richtig machen will, liegt in einer fatalen Selbsttäuschung: Den Zuschauern wird von der Bühne herab etwas mitgeteilt, was sie schon wissen.« Und weiter: »Die Überraschung und das Unwahrscheinliche sind im Theater nicht mehr gefragt.«

Der Anspruch, mit der gebotenen Ernsthaftigkeit etwas wirklich auszuprobieren, im Spiel die Verhältnisse infrage - und vielleicht sogar auf den Kopf - zu stellen, mag banal klingen. Hegemann versucht genau das. Wer seine theaterpraktischen Arbeiten kennt, weiß, dass er es sich nicht einfach macht und dass er nicht zu Patentlösungen greift. Dementsprechend unterschiedlich sehen die Inszenierungen aus, an denen er beteiligt ist, so ganz und gar verschieden sind die künstlerischen Herangehensweisen. Je nach dem, ob es sich um eine Kollaboration mit Schlingensief handelt, die weit über den Theatersaal hinausgreift, oder um eine poppige Klassikerinszenierung der Regisseurin Jette Steckel. Unabhängig davon, wie man zum konkreten Kunstwerk steht - die Illustrationen des Buches von Vegard Vinge, die zwischen Fäkal- und kindlichem Humor changieren, dürften etwa nicht allen gefallen -, ist die Lektüre der gesammelten Texte anregend, weil sie den Leser zu richtigen Fragen führt.

Carl Hegemann: Dramaturgie des Daseins. Every-day live. Alexander Verlag, 448 S., geb., 33 €.

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