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Größer als ein Olympiasieg

Judoka Saeid Mollaei gewinnt Silber in Tokio - dort, wo sein Albtraum aus Flucht und Angst begann

  • Von Michael Wilkening, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Die stärkste Geste und die eindrucksvollste Botschaft zeigte Saeid Mollaei am Ende eines langen Tages, unmittelbar nachdem sein Goldtraum geplatzt war. Nach der Finalniederlage gegen Takanori Nagase und der beim Judo üblichen Verbeugung vor dem Gegner nahm der 26-Jährige den Arm des Japaners und reckte ihn in die Höhe. »Hier ist der Gewinner«, sollte das wohl bedeuten. Nagase erwiderte die Geste, nahm den Arm von Mollaei und streckte ihn ebenso in die Höhe.

Beim olympischen Judoturnier in der Klasse bis 81 Kilogramm gab es später bei der Siegerehrung nur eine Goldmedaille - aber zwei Athleten hatten einen großen Sieg errungen. »Saeid Mollaei ist eine Inspiration für unseren Sport«, sagte Nagase später. Nicht nur der frischgebackene Olympiasieger verbeugte sich verbal tief vor seinem unterlegenen Gegner, die Freiwilligen in der Halle schenkten dem gebürtigen Iraner ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem Helden aus der eigenen Heimat. Er genießt in Japan, dem Mutterland des Judosports, eine enorme Popularität - nicht nur wegen seines Könnens auf der Matte. Denn vor zwei Jahren begann für Saeid Mollaei in Tokio ein Albtraum.

Er hatte gegen eine Ungerechtigkeit aufbegehrt und dadurch sein Leben in Gefahr gebracht. Seither ist jeder Haltegriff auf der Matte, jeder Hüftwurf oder jede Hebeltechnik ein Versuch, sein Leben zurück in die Normalität zu führen. Mit der Silbermedaille um den Hals sind die Probleme nicht überwunden, aber sie kann Hoffnung spenden. »Das ist für alle, die mich in der schweren Zeit unterstützt haben«, sagte Mollaei.

Zuvor hatte er sich wieder in der »Nippon Budokan«, der weltweit traditionsreichsten Judohalle, auf den finalen Kampf des Tages vorbereitet, wo sein Leben einst erschüttert worden war. Ein Vorbereitungsraum, an diesem Dienstag mit den Olympischen Ringen beklebt, war 2019 der Schauplatz jener lebensverändernden Momente für Mollaei. Vor dem Halbfinale der Weltmeisterschaft war er als Titelverteidiger von iranischen Funktionären bedrängt worden. Es wurde laut, die Emotionen auf beiden Seiten aufgeladener, die Gesten eindeutig. »Das haben damals alle mitbekommen«, erzählt Hartmut Paulat, Sportdirektor des Deutschen Judo-Bundes (DJB). Mollaei sollte seinen kommenden Kampf gegen einen Belgier absichtlich verlieren, um einem Finale gegen den Israeli Sagi Muki aus dem Weg zu gehen. Der Iran gibt seinen Sportlern seit Jahren vor, Wettkämpfe mit israelischen Athleten zu boykottieren. Irans Verband wurde nach den Vorkommnissen in Tokio dann Ende 2019 für vier Jahre von Judowettkämpfen ausgeschlossen.

Mollaei wehrte sich gegen die »Anordnung«, verlor anschließend aber auf sportlichem Weg. Als der Disput öffentlich wurde und Drohungen gegen den Sportler an Schärfe zunahmen, entschloss er sich, seine Heimat zu verlassen. Seine Flucht führte ihn nach Deutschland, in die Nähe von Heidelberg zu seiner deutschen Freundin. Mit ihr lebt er immer noch zusammen, inzwischen hat das Paar ein Kind. Eine unbelastete familiäre Idylle gibt es aber nicht. Zwei Jahre nach der Flucht steht Mollaei weiterhin mit dem deutschen Verfassungsschutz in Kontakt. Der begleitet ihn, weil es Hinweise gibt, dass seine Familie und er selbst gefährdet sind. Der genaue Wohnort in Deutschland soll nicht bekannt werden.

Es gab eine Initiative des deutschen Verbandes, Mollaei einzubürgern, doch dazu kam es nicht. »Ich würde sagen, die Mongolei war schneller als unsere Bürokratie«, erzählt DJB-Sportdirektor Paulat. Im Umfeld des Judoka wird berichtet, dass der Iran sanften Druck ausgeübt habe, um eine Einbürgerung des »Staatsfeindes« in Deutschland zu verhindern. Jetzt tritt Mollaei für die Mongolei an, kann sich aber zusätzlich auf die Unterstützung in der neuen Heimat verlassen. Der DJB ermöglichte es ihm, an Lehrgängen des deutschen Nationalteams teilzunehmen, erst zur finalen Vorbereitung auf die Spiele in Japan trennten sich die Wege. Bei einem Judoklub in Mannheim fand er eine sportliche Heimat, am Olympiastützpunkt in Heidelberg trainierte er regelmäßig.

Auf den Matten in der »Nippon Budokan« zeigte er sich und der Welt nun, dass es sich lohnen kann, gegen eine Ungerechtigkeit aufzubegehren. Nach einem durchwachsenen Start in den Tag steigerte sich der 26-Jährige am Dienstag von Kampf zu Kampf und schnupperte auch im Finale an einem weiteren Sieg. Es fehlte nur eine Kleinigkeit, um die Geschichte von der Rückkehr an den Ort seiner Pein perfekt zu beenden. »Es sind üble Dinge passiert und ich hatte mich noch nicht von diesem Ort verabschiedet«, sagte Mollaei. Das verpasste Gold konnten Stolz und Freude nicht trüben. Der in Deutschland lebende und für die Mongolei startende Iraner war ergriffen und freundlich. »Haben Sie einen schönen Abend«, sagte er zum Abschied und verbeugte sich.

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