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Schwurbelnde Nena canceln

Manche Idole sind nicht so leicht zu canceln wie andere, kritisiert Nadia Shehadeh

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 4 Min.

Nena umschwärmt schon seit einigen Monaten Corona-Leugner*innen - und erst jetzt gibt es die ersten professionellen Konsequenzen: Ihr für Herbst geplantes Strandkorb-Konzert in Wetzlar wurde vom Veranstalter abgesagt, weil sie coronabedingte Auflagen bei einem Konzert kritisierte. Dabei hätte man schon Anfang des Jahres hellhörig werden können, als sich Nena offen mit Protesten gegen die Corona-Politik solidarisierte.

Anderen Prominenten ging es da ganz anders. Bei Michael Wendler zum Beispiel passierte es im Oktober des vergangenen Jahres ganz schnell: Nach seiner kruden Instagram-Story zu seinem Ausstieg aus der DSDS-Jury bei RTL inklusive Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie hatte sich seine Karriere über Nacht komplett erledigt. Und das hatte vielleicht nicht nur damit zu tun, dass seine Aussagen absolut inakzeptabel waren, sondern vielleicht auch damit, dass man einen wie den Wendler halt schnell absägen konnte, weil er vielen mit seiner miesen Musik und Auftritten im sogenannten Assi-TV vorher schon unangenehm war. »Wendlern« wurde direkt zum Synonym für Schwurbelei. Fast hätte man auf die Idee kommen können, dass die Unterhaltungsindustrie nicht lange fackelt, wenn Leute Bockmist von sich geben, der auch höchst anschlussfähig ist für Idioten aus der Nazi- und Reichsbürgerszene.

Spätestens die Aktion allesdichtmachen etwa ein halbes Jahr nach dem Wendler-Fall zeigte, dass dem nicht so ist. Gut, im Gegensatz zum Wendler distanzierten sich viele der Mitwirkenden im Nachgang von der Aktion - trotzdem verwunderte es, dass die meisten ganz naiv nicht gewusst haben wollten, wem sie mit diesem Quatsch in die Hände spielten. Es gab im Lockdown ja genug Zeit, sich zu informieren.

Was aber vielleicht bei all den Nicht-Konsequenzen noch mehr Gewicht hatte: Bei den Mitwirkenden von allesdichtmachen handelte es sich eben nicht um peinliche Stammgäste des »Trash-TVs«, sondern quasi um Herz und Nieren des TV-Modellkörpers Deutschlands, inklusive des Tatort-Adels in Gestalt von Jan-Josef Liefers. Und viel wäre von der deutschen Film- und Fernsehlandschaft nicht übriggeblieben, wären all diese Filmmenschen gecancelt worden.

Auch das Canceln von Xavier Naidoo war ein sehr schmerzhafter und langwieriger Prozess, bei dem man insgesamt viel zu lange seinem Bockmist ausgesetzt war. Schon vor einem halben Jahrzehnt war klar, dass Naidoo ein großes Herz für Reichsbürger*innen, »Freiheit für Deutschland«-Shirts und homophobe Songtexte hatte. Das juckte aber lange viele nicht wirklich, da er sich mit seinen kitschigen WM-Songs in die Herzen des mittleren Bürgertums regelrecht eintättowiert hatte, das den »Ausnahmesänger« nicht so schnell aufgeben wollte.

Und nun also Nena, die schon seit zwei Jahrzehnten ihre Vorliebe für allerlei esoterische Hobbies und Überzeugungen offen zur Schau stellt - die aber niemanden so richtig wehtaten. Es sei denn, Rohkost und »Mondwasser« aus dem Reformhaus sind grundsätzliche rote Tücher. Seit einigen Monaten aber drehte sie so richtig frei, angefangen mit ihrem »Danke Kassel«-Posting auf Instagram nach einer Querdenker-Demo, Herzchen für Xavier Naidoo und eben jenem ominös-trotzigen Auftritt beim Cola-Kisten-Konzert, das am Wochenende in Berlin stattgefunden hat. Angedeutet hatte sich das Ganze bereits im vergangenen Jahr, als sie sich gegen Hygieneregeln auf Konzerten stellte. Aber eine wie Nena zu canceln ist halt nicht so einfach. Wie soll man eine Sängerin abstellen, die auch international eine der größten Nummern der deutschen Pop-Musik-Historie ist?

Es geht also bei dem ganzen Querdenkergefasel gewisser Prominenter nicht darum, was gesagt wird und von welchen Seiten es dafür Beifall hagelt, sondern vielmehr darum, wer es sagt. Und das bedeutet wahrscheinlich, wir werden in den nächsten Monaten noch so einigen Mist von anderen Stars und Sternchen hören. Corona ist nebensächlich, denn die Schulterschlüsse mit Reichsbürger*innen und Co. sind dann schon passiert. Und das alles vor klatschendem Publikum.

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