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Wagnis Oper

Hochkultur mit Popcorn: Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners »Der fliegende Holländer« wurde live ins Kino übertragen - ein Erlebnisbericht

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 8 Min.

Wie lange war ich nicht in der Oper? Diese Kunstform gilt als abgehoben, schwer zugänglich und elitär. Dabei ist ja gerade Musik etwas, das auch rein emotional begriffen werden kann. Was steht dem Opernbesuch also wirklich im Weg? Liegt es an der Kulturverdrossenheit? Die Gründe sind wohl eher woanders zu suchen: Musiktheater ist ein teures Vergnügen. Und sein typisches Publikum, oft grau bis weiß beschopft, strahlt häufig mit jeder Geste, jedem Wort aus: Das ist die Hochkultur, und wir sind Teil davon. Hier wird schnell mit Insidertum geprahlt. Wer nicht zum Kreis der Eingeweihten gehört, muss befürchten, nichts zu verstehen - oder sich vielleicht sogar zu blamieren.

Richard Wagner, zentraler Akteur beim Einzug des Modernismus in die Welt des Musiktheaters, spielt dabei noch eine Sonderrolle. Seine Werke sind Herausforderungen: musikalisch höchst anspruchsvoll, oft überlang, sich Hörgewohnheiten widersetzend. Zudem war Wagner ein Nationalist, ein Antisemit sowieso. Das hat Spuren hinterlassen in seinen dramatischen Anordnungen und seiner Sprache.

Bayreuth ist das Mekka der Wagnerianer. Ins dortige Festspielhaus zieht es alljährlich Abertausende Musikbegeisterte, Prominente und Schaulustige. Dort wird die Musik so gegeben, wie der Meister selbst es erdacht hat. Jedenfalls hätte man es gerne so. Die Bayreuther Festspiele haben zu Recht einen selbst für Opernverhältnisse elitären Ruf. Die Karten für die zweitausend Zuschauerplätze sind begehrt und wurden mitunter schon für ein kleines Vermögen gehandelt. Da in diesem Jahr nur knapp die Hälfte des sonst üblichen Publikums eingelassen wird, verstärkt sich der Eindruck der Exklusivität nochmals.

Seit 2012 soll das Angebot »Wagner im Kino« Abhilfe schaffen. Die Eröffnungspremieren der Bayreuther Festspiele, auf die Boulevard- wie Fachpresse begierig schauen, werden im Livestream in Kinos gezeigt. Weniger teuer, wenn auch trotzdem ein kräftiger Griff ins Portemonnaie notwendig bleibt, und vor allem weitgehend ungezwungen wird so ein Quasi-Opernbesuch ermöglicht. Für die diesjährige cineastische Festspieleröffnung hat es mich am vergangenen Sonntagnachmittag ins Cineplex Titania - Wagner hätte Freude an dem Namen gehabt - im Südwesten Berlins verschlagen. Und tatsächlich stehen unaufgeregt, aber vorfreudig die Menschen für die Aushändigung ihrer Kinokarten an. Ich bin überrascht, wie viele Familien mit Kindern es ausgerechnet zu diesem Ereignis zieht, um dann festzustellen, dass zeitgleich »Peter Hase 2« gezeigt wird.

An der Reihe, bekomme ich nicht nur mein Ticket, sondern ich werde auch höflich gefragt: »Darf’s noch was sein? Popcorn oder ein Eis?« So etwas gibt es im Theater nicht. Dabei wäre die Reizung aller Sinne doch ganz im Geiste des Wagner’schen Gesamtkunstwerks! Ich entscheide mich für einen halben Liter Bier und bekomme zwei große Flaschen hingestellt. Als ich versuche, das vermeintliche Missverständnis aus dem Weg zu räumen, winkt die freundliche Verkäuferin ab: »Aktionsangebot. Zwei Bier zum Preis von einen.« Ich zahle 3,50 Euro und erhalte dann noch den entscheidenden Hinweis, dass es für die Gäste des Opernangebots auch »Prosecco satt« im Obergeschoss gäbe.

Mit zwei Flaschen in der Hand schreite ich zum nächsten Tresen und lasse mir ein Sektglas reichen. Hier zeigt sich schnell, dass es zu Wagner auch ins Kino vor allem ein älteres Publikum zieht. Schaumweinbeschwingt gehen nach und nach die Zuschauer in den Kinosaal 4, wo ein Vorprogramm Wagners »Der fliegende Holländer« einleiten soll. Man sieht Wagner-Urenkelin Katharina, einen aufgekratzten Moderator, künstlerisches Personal - und die Fehlermeldung »Check Tx’s input signal«. Je näher die Aufführung rückt, desto aufgebrachter wird das Publikum. Der Ton - im Musiktheater auch nicht zu unterschätzen - bleibt aus.

Ich mache es mir, voll Vertrauen in die Technik, im roten Sessel bequem und ahne nur, dass man so gut in Bayreuth nicht sitzen kann. Die coronabedingte Reduzierung der Zuschauerzahlen im Kino führt dazu, dass ich zwei Getränkehalter in Beschlag nehmen kann - gerade richtig. Unwillkürlich muss ich daran denken, als ein Stuhl im Restaurant des Festspielhauses, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayreuther Stammgast, 2015 bei der Premiere von »Tristan und Isolde« zwischen den ersten beiden Akten - das Schiff ist gerade in Cornwall eingetroffen - Platz genommen hatte, just zusammenbrach. Ich aber sitze gut und fest.

Da setzt auch der Ton wieder ein. Etwas Geplänkel auf dem Bildschirm vor dem eigentlichen Ereignis. Interessanter ist, was um mich herum passiert. Kaum jemand ist mit weniger Alkohol versorgt als ich, und heiter wird geplaudert. Zum Beispiel darüber, wie es war, als man »in echt« die Festspiele besucht hat. »Ich hab da mal den Gottschalk gesehen«, gibt eine Dame an. Eine andere stellt ernüchtert fest: »Auf dem Balkon habe ich nie gestanden.«

»Der fliegende Holländer« ist ein frühes Werk von Richard Wagner. Mit etwa 2 Stunden 15 ist es auch für ein ungeübtes Publikum geeignet, und es folgt noch nicht der starken Überwältigungsdramaturgie der späteren Musikdramen des Leipziger Komponisten. Auch die Handlung ist simpel, vielleicht etwas zu simpel. Der titelgebende Seemann unterliegt einem Fluch, nämlich unsterblich und ewig auf den Meeren ein Suchender zu sein. Nur alle sieben Jahre ist es ihm vergönnt, an Land zu gehen. Um den Fluch zu brechen, soll er eine Frau finden, die - eine nette Fantasie - auf ewig treu ist. Hier setzt die Wagner’sche Handlung ein: Der norwegische Seefahrer Daland trifft auf See den Holländer. Wie es der dramatische Zufall so will, sind gerade wieder sieben Jahre vergangen. Angetan von den angesammelten Reichtümern des Untoten, kommt Daland seine Tochter Senta in den Sinn, die er als Vater gewinnbringend auf den Liebesmarkt zu werfen gedenkt.

Im zweiten Akt tritt Senta selbst auf. Eine junge Frau, dem Jäger Erik versprochen, jedenfalls behauptet er das. Sie scheint eigensinnig zu sein. Von dem fliegenden Holländer hat sie gehört, ein Bild von ihm nimmt sie ganz ein. Mitleid und Sehnsucht sind die Triebkräfte dieser »romantischen Oper«, wie Wagner selbst sie nannte. Der Streit mit Erik ist unabwendbar. Und da setzt auch der Ersehnte seinen Fuß an Land.

Dritter Akt: Mit der Liebe geht es manchmal schnell. Jetzt soll Verlobung gefeiert werden. Bei einem neuerlichen Zusammentreffen zwischen Erik und Senta kommt es zum Eklat. Er wirft ihr Untreue vor. Der Holländer belauscht die beiden - 500 Jahre auf der Erde machen durchaus misstrauisch - und sticht in See. Senta, sich ihrer Sache sicher, stürzt sich ins Meer. Treue bis in den Tod, nennt man das. Und so sind die zwei doch vereint und der Holländer erlöst. Das nennt man wohl »Happy End«, zumindest in der Oper, diesem »Kraftwerk der Gefühle«, wie es Alexander Kluge ausdrückte.

Eine solche Geschichte mit einem - vorsichtig formuliert - archaischen Familien-, Frauen- und Menschenbild fast 200 Jahre nach Entstehung von Wagners Komposition auf die Bühne zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov gibt sein Bestes.

Doch davon kommt nicht viel im Kino an. Es hackt. Alle paar Sekunden wird die Unterbrechung übertragen. Der Protest wird lautstark deutlich gemacht. »Was ist das für ein Scheißverein?«, ruft jemand. Exzentrik sollte nicht nur den Menschen auf der Bühne vorbehalten sein. Es folgt Türenknallen, die ersten gehen. Der Filmvorführer versucht zu beruhigen und stellt den Stream wieder her - bei sehr mäßiger Lautstärke. Tcherniakov versucht Wagners gestrige Handlung inszenatorisch zu erklären. Wer aber in der Oper erklärt, hat selten Glück. Während der ersten Takte des Orchesters erfindet er eine Vorgeschichte. Die Mutter des Holländers in der grauen Kleinstadthölle gibt sich auf der Straße einem Mann hin - und wird dabei von ihrem Sohn erblickt. Der gleichgültige Liebhaber ist ausgerechnet Daland. Die Untreue, das Lebensthema des Holländers, ist ein frühkindliches Trauma. Ganz so psychologisch lässt sich bei Wagner aber nur wenig herleiten. Seine Opern folgen noch anderen Gesetzen.

Die Mutter des Holländers wird in Folge geächtet und begeht Selbstmord. Weiter mit Wagner. Recht konventionell bis bieder werden Bilder zur Handlung entworfen. Am Ende kommt es dann allerdings zum Showdown. Tcherniakov erfindet ein alternatives Ende. Mary, Sentas Amme, greift zur Waffe und erschießt den Holländer als hübsches Opernfinale. Hier wird ein Rachedrama erschaffen. Wo man schon im Kino sitzt, wünscht man sich allerdings, es wäre so gekonnt inszeniert wie bei Lars von Trier oder wenigstens Quentin Tarantino. Und gerne hätte man - wenn schon, denn schon - ein paar mehr Racheopfer gesehen.

Der Applaus ist überwältigend. Auch im Kino wird geklatscht. Nach und nach treten die Solisten vor, zum Schluss Asmik Grigorian, die Senta des Abends, und John Lundgren, der Holländer. Mein Sitznachbar resümiert: »Sie hat den längeren Applaus bekommen.« Recht hat er. Dann tritt auch das Regieteam um Tcherniakov nach vorne: Berliner und Bayreuther Publikum reagieren in gleicher Weise, Applaus und Buhrufe wechseln sich ab. Die Gäste schräg hinter mir, ausgestattet mit - keine schlechte Idee! - selbst mitgebrachten Weintrauben- und Käsespießen, gehen noch etwas weiter. »Ekelhaft!«, meint ein Mann aus ihrer Mitte. Ein Erzwagnerianer, dem jeder interpretative Zugriff schon ein potenzieller Angriff auf den Meister ist, vermute ich. Eine weitere Frau - so ein Prosecco bleibt nicht wirkungslos - ist gnädiger und gibt zu: »Ich bin ja so weggeschmolzen.«

Diese Reaktionen sind das Schönste an einem Opernabend, und sie sind die Regel. In der Oper wird gestritten - und zwar so, als würde es immer um das große Ganze gehen. Dass alle, ob empört oder beseelt, aus dem Kino eilen, ist bedauerlich und zeigt, dass Kinos nur sehr bedingt als öffentliche Orte funktionieren. Aber die Lust an der Auseinandersetzung ist heute auch hier zu spüren. Mehr als bei »Peter Hase 2«, vermute ich.

Nächste Vorstellungen im Festspielhaus in Bayreuth am 31.7., 4., 7., 11., 14. und 20.8.

Fernsehausstrahlung am 31.7., 20.15 Uhr, 3sat

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