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Argentinien kämpft mit der Dürre

Der wichtigste Strom des südamerikanischen Landes hat niedrigsten Pegelstand seit 50 Jahren

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 4 Min.

Während in Europa Starkregen vielerorts für Überflutungen sorgt, bietet sich in Südamerika ein anderes Bild: Der Río Paraná ist auf den niedrigsten Pegelstand seit einem halben Jahrhundert gesunken. Ausbleibende Niederschläge im brasilianischen Quellgebiet des Flusses werden als Ursache genannt. Bereits im Mai hatte der brasilianische Wetterdienst für die südlichen Bundesstaaten Minas Gerais, Goiás, Mato Grosso do Sul, São Paulo und Paraná die niedrigsten Regenfälle seit über 90 Jahren ausgewiesen. Viele Expert*innen fragen sich, wie das Phänomen mit dem Klimawandel zusammenhängt, der andererseits auch in Südamerika längst für kräftige Regenfälle sorgt.

Das trockene Wetter ist nicht allein verantwortlich für das Niedrigwasser des Paraná, der aus Brasilien über Paraguay und Argentinien 4880 Kilometer nach Süden bis zu seiner Mündung in den Río de la Plata fließt. Seit Jahren werden die Waldgebiete im Amazonas und im Pantanal im brasilianischen Süden abgeholzt und in Nutzflächen für den Anbau von Agrarprodukten sowie die Viehzucht verwandelt. Dabei wird in Paraguay und Argentinien die Nutzungsgrenze für die Landwirtschaft immer weiter nach Norden vorangetrieben.

In Paraguay wurde in den vergangenen 20 Jahren sechs Millionen Hektar Wald abgeholzt. Im nahezu gleichen Zeitraum machten die Bulldozer in Argentinien rund 14 Millionen Hektar Waldfläche platt. Wie in Brasilien, so wird die abgeholzte Fläche auch in den beiden Ländern vor allem für die Viehzucht und den Sojaanbau genutzt. Zwar steigt dafür der Wasserverbrauch aus dem Fluss, weitaus folgenreicher ist jedoch der Verlust der wasserspeichernden Waldflächen, die extreme Auswirkungen starker oder schwacher Regenfälle stets abmildern konnten. Das Verschwinden der Wälder verändert das Mikroklima. Immer schwächer werden feuchte Luftmassen angezogen.

Schon seit Mitte 2019 sinkt der durchschnittliche Pegelstand des Flusses. Zu spüren war dies bereits im vergangenen Jahr in den großen Feuchtgebieten entlang der letzten 300 Kilometer des Flusslaufs in Argentinien. Im Delta des Paranás stehen bei normalem Wasserstand 80 Prozent der Fläche im Wasser. Nur 20 Prozent sind fester Boden. Jetzt hat sich das Verhältnis umgekehrt. Im vergangenen Jahr zerstörten zahllose Brände über 500 Quadratkilometer Marschland. Eine Umweltkatastrophe, die sich spätestens ab Ende Juli zu wiederholen droht, wenn die Landwirte traditionell ihre Felder abbrennen, obwohl dies schon längst verboten ist.

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Beeinträchtigt ist auch die Frachtschifffahrt auf dem Paraná vom und zum Atlantik, über den Argentinien 80 Prozent seiner landwirtschaftlichen Exportprodukte wie Soja, Weizen, Mais oder Öle sowie Biodiesel und Ethanol nach Übersee transportiert. Am Flussufer entlang der Millionenstadt Rosario stehen die Verladehäfen dicht an dicht. Bis hierher ist der Paraná für Schiffe mit einer Ladekapazität bis zu 48 Tausend Tonnen befahrbar. Derzeit können die Schiffe aber nur mit 20 Prozent weniger Ladung ablegen. Getreide und Ölsaaten werden deshalb auf Lkws zum 1000 Kilometer entfernten Atlantikhafen in Bahia Blanca transportiert.

Längst laufen die Planungen für ein Ausbaggern der Fahrrinne, in der einmal Schiffe mit einer Ladekapazität von bis zu 70 000 Tonnen fahren sollen. Mit jeder Vertiefung des Flusses erhöht sich jedoch die Fließgeschwindigkeit, so fließt auf dem Río Paraná immer weniger Wasser immer schneller ab.

Betroffen von der Wasserknappheit ist auch das Wasserkraftwerk Yacyretá. Im Normalbetrieb erzeugt das Kraftwerk, das Argentinien und Paraguay gemeinsam betreiben, 3200 Megawatt Strom. Gegenwärtig sind an der Staumauer aber nur zwölf der 20 Turbinen im Einsatz. Die erzeugen nur knapp ein Drittel der potenziellen Leistung. Argentinien will seinen Bedarf jetzt durch das Hochfahren von Gaskraftwerken abdecken. Die durch Klimaänderungen bedingten Einbußen bei der klimaschonenderen Stromerzeugung durch Wasserkraft werden mit klimaschädlichen CO2-Emmisionen ausgeglichen.

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Die Regierung in Buenos Aires hat inzwischen den Wassernotstand über die sieben Provinzen verhängt, die der Paraná in Argentinien auf seinem Weg zum Río de la Plata durchfließt. Immer kritischer wird die Lage bei der lokalen Trinkwasserversorgung. In den zahlreichen Wasseraufbereitungswerken entlang des Flusses saugen die Pumpen bereits mehr Schlamm als Wasser an. Vielerorts ist die Bevölkerung zu einem verantwortlichen und sparsamen Umgang mit Wasser aufgerufen. Eine Entwarnung ist nicht in Sicht. Nach Einschätzung von Argentiniens Wasserbehörde könnte der Pegelstand noch bis zum Jahresende um den aktuell niedrigen Stand pendeln. Selbst wenn es im brasilianischen Pantanal wieder kräftig regnen sollte, dauert es mehrere Monate, bis dies im argentinischen Flussverlauf zu spüren ist.

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