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Mysteriöser Tod eines Regimegegners

Der belarussische Aktivist Witalij Schischow kommt in der Ukraine unter dubiosen Umständen ums Leben

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 5 Min.

Schon am Montag schlug das Verschwinden des oppositionellen belarussischen Aktivisten Witalij Schischow in Kiew hohe Wellen. Schischow, Chef der Exil-Gruppe Belarussisches Haus in der Ukraine, hatte in Sportkleidung seine Wohnung verlassen und kehrte nie zurück. Zwar gingen von seinem Handy mehrere Anrufe aus, gesprochen hat er aber mit niemandem. So machte sich die Polizei in der Umgebung seines Wohnortes auf die Suche, gefunden wurde der Regimegegner an diesem Tag aber nicht mehr.

Selbstmord oder Mord mit der Inszenierung eines Suizids

Am Dienstagmorgen gab die Polizei bekannt, dass Schischow in einem Kiewer Park erhängt aufgefunden wurde. Dabei werden offiziell zwei Versionen in Betracht bezogen: Selbstmord und Mord mit der Inszenierung eines Suizids. Ein Freund des 1995 geborenen Aktivisten erzählte dem ukrainischen Fernsehen, dass Schischows Nase offenbar gebrochen war. Die Polizei bestreitet das jedoch, meint aber, dass am Körper Abschürfungen zu finden waren, die für eine gefallene Person typisch wären. Man möchte sich vor einer umfassenden Expertise nicht festlegen, ob das ein Hinweis auf Gewaltanwendung ist. Außerdem ist Schischow seinem Freund zufolge wohl gar nicht üblicherweise in dem Park gejoggt, in dem er gefunden wurde.

Einmal mehr schafft es Belarus kurz vor dem Jahrestag der unter schwerem Manipulationsverdacht stehenden Präsidentschaftswahlen vom 9. August 2020 in die internationalen Schlagzeilen. Seit Sonntagabend sprechen die Medien weltweit ohnehin über die Geschichte der Leichtathletin Kristina Timanowskaja, die in sozialen Medien scharfe Kritik am belarussischen Cheftrainer äußerte. Das Nationale Olympische Komitee teilte anschließend die Entscheidung mit, die Sprinterin aufgrund ihres »emotionalen und psychischen Zustandes« nach Hause zu schicken. Am Flughafen von Tokio wandte sich Timanowskaja, die in Belarus eine unsichere Zukunft erwartete, mit einem Hilferuf an das Internationale Olympische Komitee. Daraufhin bekam die Sportlerin ein humanitäres Visum für Polen und wird demnach nach Warschau fliegen, während ihr Mann inzwischen in die Ukraine geflohen ist.

Ende Mai hatte die erzwungene Landung eines Linienflugs von Athen nach Vilnius durch belarussische Behörden in Minsk für Schlagzeilen gemacht. An Bord befand sich der regierungskritische belarussische Journalist Roman Protassewitsch, der seitdem in Haft sitzt.

Schischow selbst hatte noch vor der Wahl im August 2020 in Belarus die Ukraine öfters besucht, im Herbst ist er dann aufgrund des starken Drucks auf die Opposition komplett nach Kiew gezogen. Die von ihm geleitete Organisation, Belarussisches Haus in der Ukraine, beschäftigte sich nach eigenen Angaben damit, den sich in die Ukraine geflüchteten Belarussen zu helfen. Die Organisation präsentiert sich als »Gemeinschaft der gegenseitigen Hilfe der Belarussen«.

Schischows Gruppe beschäftigte sich in den sechs Monaten nach ihrer Gründung unter anderem damit, sogenannte Märsche der Belarussen in Kiew zu veranstalten. Es wurde auch Geld für die Renovierung eines Denkmals gesammelt. Es sollte den während der Maidan-Revolution sowie des Donbass-Krieges gefallenen Belarussen gewidmet werden. Laut der belarussischen Redaktion von Radio Liberty soll es aber auch eine Verbindung zwischen dem Belarussischen Haus und Sergej Korotkich von der ukrainischen nationalistischen Partei Nationalcorps geben. Korotkich war ursprünglich belarussischer Staatsbürger und bekam den ukrainischen Pass für seinen Donbass-Einsatz in den Reihen des rechten Freiwilligenbataillons Asow.

Schischow sammelte zuletzt Daten von Geheimdienstmitarbeitern

Schischow ist als öffentliche Figur kaum aufgefallen. Seine Beiträge in sozialen Medien waren wenig aussagekräftig, in den YouTube-Videos der eigenen Organisation ist er nur selten aufgetreten. Es ist nicht so, als hätte Schischow eine prominentere Stellung als andere belarussische Aktivisten in Kiew. Der Telegram-Kanal Nexta, der zu den Hauptinformationsquellen der belarussischen Opposition gehört, berichtete jedoch, dass Schischow zuletzt Daten der im Ausland arbeitenden Mitarbeiter der belarussischen Geheimdienste auf einem eigenen Telegram-Kanal sammelte. Bei den Demonstrationen der belarussischen Diaspora in Kiew soll er auch verdächtige Personen entdeckt haben, die Mitarbeitern des Geheimdienstes KGB ähnelten.

»Wir wurden mehrmals sowohl von lokalen Quellen als auch von unseren Leuten in Belarus vor allen möglichen Provokationen, darunter Entführungen und Mordversuchen, gewarnt«, heißt es in einem Statement des Belarussischen Hauses. Angeblich wurde Schischow überwacht, worüber dieser die Polizei informiert haben soll. Die Polizei hat das aber auf ihrer Pressekonferenz nicht bestätigt. Schischows Verbündete betonen jedoch, dass sie auch vom ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU vor der Überwachung gewarnt wurden. »Uns wurde gesagt, dass wir vorsichtig sein sollen, weil es ein Netzwerk von KGB-Agenten gibt und grundsätzlich alles möglich ist. Witalij bat mich, mich um die Menschen in meiner Nähe zu kümmern. Er hatte eine seltsame Vorahnung«, berichtet Jurij Schtschutschko vom Belarussischen Haus gegenüber dem in Prag angesiedelten Fernsehsender Current Time.

Die Skandale um den umstrittenen Präsidenten Alexander Lukaschenko wollen kein Ende nehmen. Bereits seit dem Frühjahr wirft Litauen Belarus vor, eine Migrationskrise an der belarussisch-litauischen Grenze ausgelöst zu haben. Mehr als 4000 Menschen sollen in diesem Jahr die Grenze illegal überquert haben, die meisten kurdische Migranten und Flüchtlinge aus dem Irak. Nun meldet das litauische Innenministerium, dass Frontex, die EU-Agentur für die Sicherheit der Außengrenzen, während einer Grenzpatrouille mit einem Hubschrauber eine Gruppe der illegalen Migranten in Begleitung eines belarussischen Dienstfahrzeuges entdeckt habe. Der belarussische Präsident Lukaschenko hatte zuvor kein Geheimnis daraus gemacht, die Krise mitverursacht zu haben. Es fehlten jedoch Beweise, dass Belarus den Migranten tatsächlich hilft, es über die Grenze zu schaffen.

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