Türkei: Große Feuer überall

In der Türkei wurde die Familie Dedeoğulları von Rassisten ermordet

  • Sibel Schick
  • Lesedauer: 4 Min.

Es brennt in der Türkei. In den Wäldern, an Stränden, in Städten. Die Zivilbevölkerung versucht, die Feuer mit eigenen Mitteln zu löschen; sie sind ihnen hilflos ausgeliefert. Bisher gibt es acht Todesopfer.

Es brannte auch ein Haus in der Stadt Konya, in dem eine kurdische Familie namens Dedeoğulları lebte.

Sibel Schick
Sibel Schick ist Autorin und Journalistin. Sie wurde 1985 in der Türkei geboren und zog 2009 nach Deutschland. Für »nd« schreibt sie die monatliche Kolumne »In schlechter Gesellschaft«.

Familie Dedeoğulları wurde dieses Jahr im Mai von etwa 60 Personen angegriffen. Der Mob rief rassistische Sprüche und versicherte, nicht zuzulassen, dass die Familie dort leben kann. Sieben Familienmitglieder wurden schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Zehn der mutmaßlichen Täter*innen wurden festgenommen, acht davon wurden nach und nach entlassen. Für zehn wurde ein Schutzbefehl erlassen.

Nach dem Angriff erhielt die Familie Dedeoğulları weiter Drohungen, unter anderem von jenen, für die ein Schutzbefehl erlassen worden war. Der Anwalt der Familie, Abdurrahman Karabulut, warnte im Gespräch mit dem Fernsehsender ARTI TV, dass die Straflosigkeit der Täter weitere Gewalttaten ermutigen könnte. Am 30. Juli wurde aus dieser Befürchtung Realität: Ein bewaffneter Mann lief ins Haus der Familie und erschoss alle Anwesenden. Dann steckte er ihr Haus in Brand. Ihre Namen lauten: Yaşar, Barış, Serpil, Serap, İpek, Metin und Sibel Dedeoğulları. Rahma Xwedê lê bê, cihê we bihuşt bê. Toprağınız bol olsun.

Diese Brandstiftung hat auch symbolische Kraft. Auge um Auge, sozusagen. AKP-nahe Medien und Politiker*innen der AKP-MHP-Allianz behaupten nämlich ohne Belege, dass die PKK für die verheerenden Waldbrände verantwortlich sei. Eins müssen Sie wissen, liebe Leser*innen: Wenn türkische Rechte über die PKK reden, meinen sie kurdische Menschen. PKK ist ein Code, mit dem alle Kurd*innen gemeint sind. Deshalb wird kurdisches Leben ausgelöscht, sobald die PKK beschuldigt wird.

Die türkische Zivilbevölkerung, die durch Armut, Repressionen, hohe Corona-Inzidenzwerte und jetzt die Waldbrände kaum noch atmen kann, zeigt sich erstaunlicherweise bereit, jeder Lüge über Kurd*innen durch die Regierung zu glauben. Einer dämonisierten Minderheit für eine Katastrophe dieser Größenordnung die Schuld zu geben, lenkt von der Unfähigkeit der Regierung ab, die Brände zu löschen. Außerdem wird der türkischen Mehrheit so ein Stück Macht zurückgegeben. Für sie ist es eine willkommene Abwechslung davon, immer nur das Objekt der Macht und Willkür der Regierung zu sein. Und die Hemmschwelle, Kurd*innen anzugreifen, ist nicht hoch.

Nach dem Mord an Familie Dedeoğulları wurde in AKP-nahen Medien und auf Social Media behauptet, der Angriff sei nicht rassistisch. Auch in Deutschland sesshafte türkische Rechte behaupteten das. Es wurde sogar angekündigt, all jene, die auf den rassistischen Hintergrund des Mordes hinwiesen, bei der türkischen Polizei zu melden. Welche Rolle Rassismus bei der Tat spielte, wird allerdings bei den polizeilichen Anhörungen der Familie klar. Nach dem Angriff im Mai bezeichneten die Familienmitglieder die Angreifenden als »Idealisten« (Ülkücü = Graue Wölfe). Diese sprachen abwertend von der kurdischen Identität der Familie Dedeoğulları, auch der Familienanwalt erhielt Drohungen. Das Gesamtbild ist also unmissverständlich.

Ein Tag nach dem Massaker an Familie Dedeoğulları griff ein 300-köpfiger Mob in Elmalı nahe Antalya eine Gruppe kurdischer Landarbeiter*innen an. Auch dieser Mob bezeichnete sich als Graue Wölfe. Die Männer verletzten einen Arbeiter schwer, sagten: »Ihr seid Kurden, verlasst unser Land« und drohten, sie und ihre Familien zu verbrennen. Es hätte also noch ein großes Feuer entstehen können, hätten die Landarbeiter*innen nicht rechtzeitig den Ort verlassen.

Die kurdische Regisseurin Beri Shalmashi twitterte nach dem Mord an Familie Dedeoğulları: »Meine kurdische Timeline ist voller Schmerzen. Wie leicht muss sich das Leben anfühlen, wenn man nicht marginalisiert ist.« Die Familiengeschichte vieler Kurd*innen ist gekennzeichnet von Verlust. Diese werden bei jedem neuen Verlust retraumatisiert – auch wenn es nicht ihr eigenes Haus ist, das brennt. Die kollektiven Wunden bleiben offen, weil der Schmerz nicht versorgt wird. Und ständig kommen neue Wunden hinzu.

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