Feministische Selbstverteidigung

In der Türkei sind Frauen mangels staatlichem Schutz zunehmend auf Selbstorganisation angewiesen

  • Von Svenja Huck, Istanbul
  • Lesedauer: 6 Min.
Türkeis Rückzug aus der »Istanbul Konvention« stößt auf Widerstand.
Türkeis Rückzug aus der »Istanbul Konvention« stößt auf Widerstand.

Im Europarat gehörte sie zu den ersten Unterzeichnern der »Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt«: die Türkei. An der Umsetzung der Konvention ist Ankara immer gescheitert. Allein für 2020 erfasste die Kampagne »Wir werden Femizide stoppen« 300 Morde an Frauen. Die Zunahme von häuslicher Gewalt seit Beginn der Corona-Pandemie ist ein globales Phänomen, von dem auch Frauen in der Türkei betroffen sind. Die Entscheidung der AKP-Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die Istanbul-Konvention zu verlassen, ist ein Zeichen an alle Frauen, dass der Staat nicht für ihre Sicherheit sorgen wird.

Die feministische Organisation »Mor Dayanışma«, auf Deutsch »Lila Solidarität«, geht mit ihrer politischen Arbeit über symbolische Proteste gegen diese Entscheidung hinaus. Seit 2014 organisiert sie Selbstverteidigungstrainings an öffentlichen Plätzen in verschiedenen Städten, in denen Frauen einfache Handgriffe lernen, um sich gegen männliche Gewalt zu schützen. Eine der Organisatorinnen ist die Lehrerin İrem Kayıkçı, die vom Beginn dieser Trainings berichtet: »Die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung wurde uns deutlich, nach dem der Fall von Nevin Yıldırım vor Gericht kam.« Yıldırım wurde zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt, nachdem sie einen Mann, der sie zuvor vergewaltigt hatte, umgebracht hatte. »Das Bild, das damals von den Richtern, aber auch in den Medien gezeichnet wurde, ignorierte vollkommen die Umstände, unter denen Nevin den Mann umgebracht hatte. Statt einer lebensnotwendigen Verteidigung wurde von einem kaltblütigen Mord gesprochen.« Es folgten ähnliche Prozesse, derer sich die Frauenbewegung annahm und durch die eine öffentliche Debatte über die Notwendigkeit von Selbstverteidigung angestoßen wurde. Aufgrund breiter Solidaritätskampagnen wurden einige Frauen nach ähnlichen Vorfällen aus der Haft entlassen.

Das aktuelle türkische Rechtssystem stellt den Tätern kaum Strafverfolgung in Aussicht. »Sie drohen den Frauen damit, dass sie höchstens drei bis fünf Monate in Haft kommen, wenn sie Gewalt ausüben und danach wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Und oft ist auch genau dies der Fall. Wenn sie aus der Haft entlassen werden, setzen sie die Gewalt fort.« Für Kayıkçı und ihre Mitstreiterinnen ist es deshalb entscheidend, Frauen in den Stadtvierteln untereinander zu organisieren. »Wenn man auf einer Demonstration ist, dann fühlt man sich zwischen Tausenden anderen Personen sicher. In dem Moment bildet man eine Barrikade gegen die Regierungskoalition, sogar gegen den Faschismus, aber es braucht mehr als das. Wie baue ich meine Barrikade auf, wenn ich auf der Straße belästigt werde? Oder wir wehre ich mich dagegen, dass meine Rechte als Frau beschnitten werden? Dafür braucht es eine systematische Organisierung, nur symbolische Aktionen alleine reichen da nicht aus.«

Zwar organisiert Mor Dayanışma die Selbstverteidigungstrainings schon seit einigen Jahren, jedoch haben die direkten Angriffe der Regierung auf die Frauen zu einer höheren Nachfrage geführt. Kayıkçı betont, dass die Trainings Teil einer vielseitigen feministischen Organisierung sind: »Für uns ist die Selbstverteidigung nicht nur reiner Kampfsport oder physische Abwehr. Mor Dayanışma ist auch ein Solidaritätsnetzwerk. Neben der physischen Stärkung geht es uns auch um moralische Unterstützung. Denn eine Gefahr für Frauen ist auch die Isolation. Sie gehen zur Polizei und werden dort zurückgewiesen oder erhalten theoretisch Schutz, sind aber dennoch praktisch weiterhin den Angreifern ausgesetzt. Die Tatsache, dass sie keinen Schutz durch den Staat erfahren und sich nicht darauf verlassen können, verstärkt das Bedürfnis nach Selbstorganisation und einige Frauen merken, dass es die Solidarität untereinander, gemeinsam mit der LGBT+-Bewegung ist, die sie wirklich schützen kann.«

Bisher sind die Trainer vor allem Männer, jedoch möchte Mor Dayanışma auch zunehmend Frauen als Trainerinnen ausbilden, um der hohen Nachfrage entgegenzukommen. Werbung für ihre Kurse machen sie in den sozialen Medien, aber auch mit Plakaten in den Stadtvierteln. »Wir wollen für jede erreichbar sein, manche Frauen erzählen sich auch untereinander von unseren Kursen. Zu einer Trainingseinheit kommen bis zu 20 Frauen«, berichtet Kayıkçı.

Nicht immer laufen die Treffen unbehelligt ab: »Seitdem wir uns wieder öfter draußen treffen, kommt hin und wieder die Polizei vorbei. Das ist auch eine Form von Belästigung und Mobbing, denn es gibt keinen Grund dafür. Während der Pandemie wurden dafür die offiziellen Verbote ausgenutzt, in erster Linie versuchen Zivilpolizisten, die neu dazu gekommenen Frauen einzuschüchtern. Doch das klappt nicht, denn die Frauen sind einfach wütend. Sie sagen, wir sind hier, weil ihr uns nicht schützt.«

Neben der praktischen Selbstverteidigung bietet Mor Dayanışma den Frauen auch ein theoretisches Fundament an. So organisieren sie sozialistisch-feministische Lesekreise, außerdem wird eine eigene Publikation produziert, »Feminerva«, zu der alle Frauen eigene Texte beitragen können. Zudem verfolgt Mor Dayanışma das Ziel einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung, erklärt Kayıkçı: »Als Sozialistinnen ist unsere politische Perspektive auch eine Veränderung des Systems, das Frauenunterdrückung ermöglicht. Ein erster Schritt ist der Kampf im Hier und Jetzt für Verbesserungen. Dafür bilden wir Bündnisse mit anderen feministischen Gruppen, aber wir sind auch der Überzeugung, dass der ökologische Kampf oder der Widerstand an den Universitäten nicht vom Kampf der Frauen zu trennen ist. Das gilt nicht nur für die Türkei, sondern auch für Europa und andere Regionen.«

Dass mit einer eventuellen neuen Regierung aus CHP und anderen Koalitionspartnern auch eine andere Frauenpolitik kommen wird, erwartet Kayıkçı nicht. »Das patriarchale System ist eng mit dem Kapitalismus verbunden, sie halten sich gegenseitig am Leben. Um da wirklich etwas zu verändern, braucht es eine grundlegend andere Ideologie. Was wir bisher von diesen Parteien gesehen haben, bleibt weit hinter dem zurück, was die Frauenbewegung fordert. Die Befreiung der Frauen erfolgt nicht über das Parlament oder die reine Parteiarbeit, sondern es braucht einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel in sämtlichen staatlichen Institutionen sowie im Bildungssystem.«

Die Türkei erfährt seit einigen Jahren eine massive Abwanderung junger, hoch qualifizierter Menschen, die unter den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Umständen keine Zukunft mehr für sich in ihrer Heimat sehen. Andere wiederum können nicht gehen oder haben sich entschieden zu bleiben - und das Land zu verändern. Für Kayıkçı beginnt genau dort die Aufgabe von feministischen und sozialistischen Organisationen. Die Kraft, trotz aller Umstände weiterzumachen, zieht sie auch aus den konkreten Erfolgen ihrer Arbeit: »Wenn eine Frau erzählt, dass sie sich durch unsere Workshops nun gegen Mobbing am Arbeitsplatz wehrt und überlegt, wie sie andere Frauen in ihrem Umfeld organisieren kann, dann merkt man den Erfolg der eigenen Arbeit. Es fühlt sich dann so an, als ob man Teil eines größeren Prozesses ist, der das Land wirklich verändern kann.«

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